Einsam übernachten die Ferraris von Lewis Hamilton und Charles Leclerc nach den Trainings am Freitag in Baku an der Spitze der Formel 1. Es ist ein Freitag, der mehr Fragen aufwirft als gewöhnlich. Denn die Teams haben ein Reifen-Problem. An der Spitze geht Hamilton schon andere Wege. Mag das Probleme machen?
Schon im Verlauf des zweiten Freien Trainings wurde am Freitag dieses Reifen-Dilemma eindeutig sichtbar. Zum vierten Mal in dieser Saison hat Pirelli die weichste Palette von C4, C5 und C6 als Hard, Medium und Soft am Start. Der 2025 neue C6 hat bislang an jedem Einsatzort Probleme unterschiedlichen Ausmaßes verursacht. Er ist zu weich.
Zu weich bedeutet, dass sich der Reifen in Kurven mit hoher Last zu sehr verformt. Er bietet dann zwar immer noch Grip, aber ein zunehmend schwammiges Gefühl setzt dem Vertrauen des Fahrers zu. Obendrauf überhitzt er in den Traktionszonen leichter. Dann ist der Medium gleich schnell oder sogar schneller.
Lewis Hamilton verheizt im 2. Training schon ersten Medium
Die Reifen bestimmten in Baku daher den Freitag. Jeder Fahrer bekommt nur drei Medium-Reifen pro Wochenende. Wenn der Medium nun im Qualifying der beste Reifen ist, und man im Rennen mit Medium und Hard plant, dann kann man es sich am Freitag fast nicht leisten, jetzt schon Medium zu fahren. Also wählten McLaren, Mercedes, Max Verstappen und Aston Martin gar exklusiv Soft. Maximales Reifensparen. Folgende Reifen haben alle noch in der Garage:
| Hard | Medium | Soft | |
|---|---|---|---|
| NORRIS | 2 | 3 | 4 |
| PIASTRI | 2 | 3 | 4 |
| LECLERC | 2 | 3 | 4 |
| HAMILTON | 2 | 2 | 5 |
| VERSTAPPEN | 2 | 3 | 4 |
| TSUNODA | 2 | 2 | 5 |
| RUSSELL | 2 | 3 | 4 |
| ANTONELLI | 2 | 3 | 4 |
| ALONSO | 2 | 3 | 4 |
| STROLL | 2 | 3 | 4 |
| GASLY | 2 | 2 | 5 |
| COLAPINTO | 2 | 2 | 5 |
| OCON | 2 | 2 | 5 |
| BEARMAN | 2 | 2 | 5 |
| LAWSON | 2 | 2 | 5 |
| HADJAR | 2 | 2 | 5 |
| ALBON | 1 | 3 | 5 |
| SAINZ | 2 | 2 | 5 |
| HÜLKENBERG | 2 | 2 | 5 |
| BORTOLETO | 2 | 2 | 5 |
Nur Pacesetter Lewis Hamilton fuhr im 2. Training Medium, beinahe damit seine beste Runde, und war im direkten Vergleich zu dem Zeitpunkt mehrere Zehntel schneller als Charles Leclerc - was illustriert, wie gut der Medium funktioniert, und vielleicht, dass Hamilton nun reifentechnisch ins Abseits gerät.
Erst beim zweiten Ansetzen viel später auf dem Soft bekam Hamilton mit 1:41,293 eine späte Verbesserung auf die Reihe, mit der er sich 0,074 Sekunden vor Leclerc auf den ersten Platz setzte. Die Qualifying-Simulationen in FP2 zeigten schon: Mit dieser weichen Auswahl ist es in Baku einfach äußerst schwierig, eine gute Balance zu finden.
Leclerc fuhr seine beste Runde im ersten Anlauf mit großem Rutscher in Kurve 16, nachdem er davor schon mehrmals die Mauer geküsst hatte: "Da ist noch viel drin. Ich habe heute keinen guten Job gemacht." George Russell fuhr im ersten Versuch auf P3, sein Nachsetzen begann mit absoluter Bestzeit im ersten Sektor und endete mit einem doch heftigen Kuss für die TecPro-Barriere nach der Burg.
Tiefpunkt sind bei diesem Thema natürlich die McLaren, die gar keine repräsentativen Runden fuhren. Lando Norris brach sich auf dem ersten Versuch die Aufhängung in Kurve 5. Oscar Piastri tat es ihm kurz darauf in Kurve 15 beinahe gleich. Zwar schien sein Auto wenigstens unbeschädigt, aber alle weiteren Runden danach waren bloß Ausschussmaterial. Überraschend, hatten Norris und Piastri FP1 doch noch deutlich angeführt.
Ferrari zur Trainings-Dominanz: So wird das Qualifying nicht laufen
"Wir haben in FP2 ein paar Dinge ausprobiert", verrät Piastri später. Beide Fahrer haben Probleme, die im McLaren steckende Pace konstant zu extrahieren. Die Konkurrenz aber hat den starken FP1-Auftritt und Norris' gelegentlich aufblitzende Sektor-Bestzeiten gesehen. "McLaren fährt in einer anderen Welt", prognostiziert Leclerc. "Die Leute werden morgen sehr überrascht sein. Lando ist ein paar Wahnsinns-Runden nicht zu Ende gefahren."
Die Nachhaltigkeit von Ferraris Dominanz an der Spitze von FP2 ist fraglich. Auch weil das Team noch nicht einmal weiß, in welche Richtung man in Sachen Flügelwahl gehen sollte. Hamilton und Leclerc schlugen zwei sichtlich unterschiedliche Setup-Variationen ein. Leclerc fuhr mit einem stark beschnittenen oberen Heckflügel-Element auf der Suche nach mehr Topspeed.

Baku hat schließlich die extrem lange Vollgas-Passage im letzten Sektor bis zur Ziellinie. Auf dem Weg zum Strich verlor Hamilton mit seiner Konfiguration deutlich, es fehlten 6 km/h. Trotzdem war Hamilton nur in ein paar der langsamen Kurven klar schneller als Leclerc. Wie schon zuletzt in Monza scheint es bei Ferrari eher in Richtung weniger Abtrieb zu gehen, an allen anderen Ecken hält Leclerc den Zeitenverlust in Grenzen.
Aus der Spitzengruppe geht hier aber niemand mit Low-Downforce volles Risiko. Das kann man sich wegen des Mittelsektors nicht leisten. Die Topspeed-Tabelle zeigt nebenbei, warum Oliver Bearman so weit vorn ist: Er schnappte sich auf seiner besten Runde guten Windschatten. Der bringt hier zwei bis drei Zehntel, wenn man ihn richtig erwischt. Ihn zu orchestrieren ist aber ungeliebt, weil man im Mittelsektor freie Fahrt haben will. Es ist eher Glücksspiel: Bei wem taucht im richtigen Moment ein anderes Auto auf?
McLaren fällt im Lauerspiel von Baku ab - und niemand glaubt es
So sehr Leclerc McLaren lobt - auch im Longrun sah er gut aus. Auch dessen Aussagekraft ist bei den Spitzenteams jedoch anzuzweifeln. Eben weil so viele Reifen sparen, wurde der eigentlich für das Rennen kaum verwendbare Soft dafür hergenommen. Die Stints waren teils sehr kurz. Leclerc lag im Soft-Vergleich jedenfalls recht deutlich vor Max Verstappen und Oscar Piastri, Hamilton war auf seinem kurzen Medium-Longrun allerdings nicht schneller als der Teamkollege.
Der Red Bull präsentierte sich in den Händen von Max Verstappen deutlich gefährlicher als der McLaren. "Positiv war, dass sich das Auto eigentlich gut anfühlte, scheinbar haben wir eine stabile Balance gefunden", meint Verstappen. Nur auf eine Runde fehlt ihm noch etwas Vertrauen. Aber wie oben bereits angemerkt - da ist er nicht der einzige.
Der Mercedes hinterlässt sein übliches Freitags-Fragezeichen. Das Team verneinte im Vorlauf die Theorie, dass Baku dem bisher einzigen Ort des Sieges, Montreal, ausreichend für einen erneuten Erfolg ähneln würde. Der kranke George Russell war auf eine Runde nicht allzu zu weit weg, im Longrun relativ zu Leclerc und Verstappen aber schon.
Was bleibt als Fazit? Man möge meinen, Ferrari sei eigentlich klarer Favorit, wenn man auf die Daten allein schaut. Nur mag niemand McLaren abschreiben. Im Verfolgerfeld kennen wir das Bild auch von den letzten Rennen. Williams sieht stark aus, aber weiß nicht, ob man das im Qualifying abrufen kann. Je weicher die Reifen, desto unberechenbarer die Balance des Autos.



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