McLaren gibt beim Formel-1-Training in Ungarn den Ton an wie eh und je. Mehr sogar noch. Der Hungaroring war schon im Vorjahr eine der stärksten Strecken der Papayas mit Kurven, die wie für den MCL38 gemacht schienen. Dazu kommen noch die hohen Temperaturen, die dem beinahe magisch anmutenden McLaren-Reifenmanagement in die Hände spielen.

In diesem Jahr ist das gemessen an den Trainingseindrücken kaum anders. Der Freitag war ein Schaulaufen der beiden WM-Führenden mit einer doch klaren Schlagrichtung zugunsten von Lando Norris. In FP1 stach er Oscar Piastri noch knapp aus, in FP2 gab er seinem Teamkollegen trotz Verkehr auf der schnellen Runde fast drei Zehntelsekunden mit. Unverändert zwischen FP1 und FP2 die erste Verfolger-Position. Charles Leclerc wurde von den McLarens einmal 0,217 Sekunden und einmal 0,399 Sekunden eingeschenkt.

Rundenvergleich der beiden McLaren-Fahrer: Nur im dritten Sektor konnte Piastri Norris auf ihrem jeweiligen schnellsten Umlauf die Stirn bieten. Sektor 1 und 2 sind eine klare Angelegenheit für den Vize-Weltmeister.

Formel-1-Longrun in Ungarn: Plötzlich mischt Nico Hülkenberg vorne mit

Wer oder was soll die McLarens also überhaupt aufhalten? Mit Blick auf die Longrun-Tabelle kreuzt da plötzlich ein Name zwischen Norris und Piastri auf: Nico Hülkenberg. Der Sauber-Pilot drehte den zweitschnellsten Longrun auf den Medium-Reifen. Nur Tages-Dominator Norris war um wenige Tausendstel schneller. Der Brite hatte aber auch deutlich jüngere Reifen aufgezogen.

Entsprechend zufrieden zeigte sich Hülkenberg nach dem einzigen Trainings des Tages, denn in FP1 hatte er Rookie Paul Aron sein Sauber-Cockpit überlassen müssen. "Es war überraschend gut, wenn man bedenkt, dass ich nur ein Training hatte. Aber ich bin am Nachmittag reingesprungen und fühlte mich vom Anfang an ziemlich gut und glücklich."

Die Position zwischen den McLarens kommt mit einem kleinen Sternchen, denn Piastri ließ auf seinem Longrun gegen Ende stark nach, ansonsten wäre er aller Voraussicht nach vor Hülk gelandet. Norris vermeldete, dass sein Longrun von Verkehr beeinträchtigt worden war: "Ich habe mehr Zeit damit verbracht, gegen andere zu fahren als Rennrunden zu drehen." Entsprechend volatil sieht auch sein Longrun-Verlauf in der Grafik aus.

Eine demoralisierende Nachricht für die Konkurrenz, dass McLaren trotz suboptimaler Longruns auch in dieser Kategorie von der Spitze grüßt. Aber zurück zu Hülkenberg. Er legte vor allem gegen Ende seines Runs zu und war mit Fortdauer der Renn-Simulation deutlich schneller als Charles Leclerc.

Auf der anderen Seite ist die Formel-1-Strecke in Ungarn dafür bekannt, dass Überholen äußerst schwierig ist und auf eine Runde lag der Sauber dann wieder 'nur' irgendwo in der Mitte des Mittelfeldes. P12 um genau zu sein. Es gibt auch noch ein zweites Problem: Für den Rennsonntag ist wieder unstetes Wetter vorhergesagt. Ob der Hülkenberg-Longrun bis Sonntag noch etwas wert ist, steht also auf einem anderen Blatt Papier.

Red Bull im Nirgendwo: Max Verstappen wirft das Handtuch

Welcher der üblichen Verdächtigen könnte McLaren ansonsten noch gefährlich werden? Max Verstappen wäre ja die logische Variante auf einer Strecke, in der das Qualifying eine wichtige Rolle spielt. Nicht umsonst stammen seine beiden Siege in diesem Jahr aus Suzuka und Imola. Doch Red Bull war heute in erster Linie mit sich selbst und dem zickigen RB21 beschäftigt.

Sowohl Yuki Tsunoda als auch Max Verstappen beschwerten sich über Grip-Probleme. "Es ist als wäre man auf Eis", ärgerte sich etwas der Niederländer. Nach der Session erklärte er ausführlicher: "Es ist dieses Gefühl von wenig Grip und keiner Balance im Auto. Es ist schwierig zu sagen, was genau das Problem ist, es funktioniert nichts wirklich." In langsamen aber vor allem in mittelschnellen Kurven war Verstappen chancenlos gegen Norris. Nur auf den Geraden schien er im Longrun ebenbürtig zu sein.

Mit Piastri und Norris will er sich schon gar nicht vergleichen: "McLaren scheint wirklich gut drauf zu sein, sie fliegen nur so über die Strecke. Aber natürlich möchte ich ein bisschen näher an P3 herankommen." Da passt die Szene des Trainings irgendwie ins Bild. Verstappen warf während FP2 ein Handtuch aus seinem Cockpit. Was es damit auf sich hat, könnt ihr hier nachlesen:

Die beiden Red-Bull-Fahrer waren nicht nur im Trainingsergebnis weit hinten zu finden, sondern waren auch im Longrun abgeschlagen. Auffällig dabei: In beiden Fällen musste sich Verstappen sogar hinter seinem Teamkollegen Tsunoda anstellen. Es scheint sich ein gewohntes Bild dieser Saison zu wiederholen: Sobald Red Bull mit mehr Abtrieb unterwegs ist, leidet die Balance darunter. In Silverstone oder Belgien konnten sie dieses Problem lösen, indem sie radikal auf Low-Downforce umsattelten. Im 'Monaco ohne Wände', wie der Hungaroring manchmal genannt wird, ist das keine Option.

Bizarre Szene: Verstappen wirft Handtuch - Red Bull unfahrbar! (08:21 Min.)

Leclerc, Russell oder die Sensations-Astons: Alle scheuen den McLaren-Vergleich

Der erste Verfolger von McLaren in beiden Trainings war Charles Leclerc im Ferrari. Er war abgesehen von Hülkenberg auch der erste McLaren-Verfolger im Longrun und beschrieb sein Gefühl mit dem SF-25 als positiv. Auch Leclerc rechnet sich wenig Chancen gegen das Führungsduo aus der Fahrer-WM aus. "Realistisch gesehen wird es sehr schwer werden, die McLaren morgen zu schlagen. Sie scheinen einen Schritt voraus zu sein", so der Monegasse am Freitag.

Immerhin hängte er auf jener Strecke, die er vor dem Wochenende als seine schlechteste im Formel-1-Kalender beschrieb, seinen Teamkollegen Lewis Hamilton - achtfacher Ungarn-Sieger – deutlich ab. Der Rekord-Weltmeister haderte mit seiner Trainingsleistung und seiner Balance. An die McLarens denkt er schon gar nicht. Chancen, überhaupt in Startreihe 2 zu fahren, sieht er pessimistisch: "Ich bin weit zurück, deshalb bezweifle ich es stark", so der neunfache Hungaroring-Polesetter.

Wenig berichtenswertes gab es von Mercedes an diesem Trainingstag zu vermelden, wobei George Russell ein moderates Fazit zog. Stattdessen sorgten auf eine Runde die Aston-Martin-Fahrer für Furore. Lance Stroll landete auf P4, Fernando Alonso auf Rang 5. Der Longrun von Alonso lässt sich schwer einschätzen, da er einer der wenigen Piloten war, die ihn auf dem Soft-Reifen abspulten und der Run noch dazu ziemlich kurz ausfiel. Gleichzeitig fuhr Stroll den langsamsten Medium-Longrun des Tages.