Es war die rennentscheidende Szene von Silverstone. In Runde 21 verlangsamte Oscar Piastri in Führung liegend vor einem Safety-Car-Restart, Max Verstappen musste ausweichen und die FIA-Stewards sprachen Piastri infolgedessen des unberechenbaren Fahrens schuldig. Danach gingen die Wogen hoch. War die Strafe fair? Waren Verstappen oder die Rennleitung schuld? Motorsport-Magazin.com hat alle Daten gecheckt und die Antworten.

1. Wie rechtfertigt sich Piastri?

Erst einmal: Was sagt der Bestrafte? "Ich bin auf die Bremse und zugleich sind die Lichter aus, das war extrem spät. Dann habe ich nicht beschleunigt, weil ich ab da die Pace kontrollieren kann." Der McLaren-Pilot machte dafür das spät eintretende Ende der Safety-Car-Phase verantwortlich und will sich zugleich nicht anders verhalten haben als in Runde 17 beim ersten Restart: "Ich habe das schon einmal im Rennen so getan, ich verstehe das nicht." Verstappens Ausscheren spielt er runter: "Ich denke nicht, dass er mir ausweichen musste. Er hat es auch beim ersten Mal geschafft."

2. Wie hat sich Piastri beim ersten Restart verhalten?

Um der Sache auf den Grund zu gehen, müssen wir also beide Restarts analysieren. Vorab haben wir auch die Daten der regulären Safety-Car-Runden gecheckt. Dort fuhr Piastri auf der Hangar-Geraden praktisch jede Runde gleich: Er beschleunigte bis zur Brücke auf rund 250 km/h, stieg auf die Bremse um Temperatur zu generieren, verlangsamte bis gut 100 km/h, und beschleunigte wieder. Normale Vorgänge, an denen es nichts auszusetzen gibt.

Was tat Piastri nun beim ersten Restart? Er verzögerte raus aus Chapel kurz von 160 auf 150 km/h, stieg noch einmal aufs Gas und schloss zum Safety Car auf. Das machte fast zeitgleich die Lichter aus, als Piastri hart auf die Bremse stieg und bei der Brücke innerhalb von 150 Metern von 208 auf 51 km/h verlangsamte. Verstappen konnte hinter ihm ebenfalls verzögern. Es gab keine Ermittlung, keine Strafe. So weit, so gut.

3. Wie hat sich Piastri beim zweiten Restart verhalten?

Piastris Aussage, er habe sich bei beiden Restarts gleich verhalten, stimmt nicht ganz. In Runde 21 war sein Geschwindigkeitsprofil deutlich aggressiver. Er stieg nach Chapel schon einmal auf die Bremse und verlangsamte von 147 auf 80 km/h. Nun machte das Safety Car die Lichter aus und fuhr weg. Piastri beschleunigte kurz darauf wieder auf 218 km/h, stieg noch härter auf die Bremse und verlangsamte innerhalb von nur 130 Metern auf 52 km/h. Der ganze Ablauf verschob das Szenario um über 170 Meter auf der Geraden weiter nach hinten.

4. Hat Max Verstappen die Strafe provoziert?

Verstappen musste nun nach rechts ausscheren. "Es ist Teil des Stils von manchen Wettbewerbern, dass sie gut darin sind, andere so aussehen zu lassen, als ob sie schwere Verstöße begingen", deutete McLaren-Teamchef Andrea Stella nach dem Rennen vielsagend an. Wie genau hat sich Verstappen aber in beiden Fällen verhalten?

Zwei Mal schien er von Piastris Bremsen überrascht. Beim ersten Mal war er aber näher dran. Piastris nur kurzes Zögern machte die Bewegungen der beiden Autos synchroner und das Abbremsen weniger abrupt. In Runde 21 jedoch schien Piastris oben angesprochenes erstes stärkeres Abbremsen auf 80 km/h Verstappen in Sicherheit zu wiegen. Tatsächlich sieht man auf der Onboard, wie er kurz die Hände vom Lenkrad nimmt und zur Entspannung ausstreckt.

Nicht gerade etwas, das ein Weltmeister tun würde, wenn er mit einer Tempoverschärfung rechnet. Just in diesem Moment zog Piastri vor der Brücke noch einmal an. Der überraschte Verstappen folgte ihm, denn es war wie angesprochen 170 Meter später, und das Safety Car war anders als beim ersten Restart auch viel weiter weg. Der naheliegende Verdacht: Piastri versuchte einen extrem frühen Restart.

Als Piastri wieder bremste, war Verstappen schon bei 222 km/h angekommen und es stauchte sich die Lage zwangsweise schärfer zusammen. Wichtig auch anzumerken: Mit der Gischt ist es für Verstappen schwieriger, die Lage vor sich zu beurteilen. Nichts deutet auf ein Überdramatisieren des Zwischenfalles hin. Nicht zuletzt lautet auch Verstappens eigene Aussage zur Strafe nach dem Rennen: "Ich habe erst jetzt davon gehört."

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5. Was sagt das Formel-1-Reglement zu den Piastri-Manövern?

Interessant wird der Blick auf den relevanten Paragrafen 55.15 im Sportlichen Reglement der Formel 1. Der Ablauf ist beim jedem Restart folgender: Der Clerk of the Course schickt die Meldung "SAFETY CAR IN THIS LAP" aus. Sobald das Safety Car dann im letzten Sektor die Lichter ausmacht, geht die Kontrolle über das Feld an den führenden Piloten.

Der Führende hat aber dann Folgendes zu beachten: "Um die Gefahr von Unfällen vor dem Einbiegen des Safety Cars in die Boxen zu vermeiden, müssen alle Fahrer von dem Moment an, in dem die Lichter ausgehen, mit einem Tempo fahren, welches keine unberechenbare Beschleunigung oder Bremsung oder sonst irgendein Manöver beinhaltet, wodurch andere Fahrer gefährdet oder der Restart behindert werden könnte."

Ein Blick zurück also auf die oben dargelegten Abläufe von Piastris Restarts. Beim ersten in Runde 17 stimmte er sein Bremsen ungefähr mit dem Ausgehen der Lichter ab. Danach blieb er langsam. Das ist legal. Die TV-Wiederholung des zweiten Restarts in Runde 21 belegt jedoch: Die Lichter waren aus und das Safety Car weggefahren, als Piastri beschleunigte und erneut auf die Bremse stieg. Das ist nicht mehr legal.

6. Hat eine verspätete Rennleitung Piastris Strafe ausgelöst?

Nun müssen wir noch auf Piastris Argument eingehen, dass die Restart-Meldung sehr spät kam. Das stimmt auch. Beim zweiten Restart kam sie erst in Chapel, also direkt vor der Geraden. Piastri schien in beiden Fällen sein Beschleunigungs-Brems-Spielchen abstimmen zu wollen. Beim ersten gelang ihm das mit der Vorlaufzeit. Beim zweiten gingen die Lichter des Safety Cars jedoch nur unwesentlich nach der Ankündigung des Neustarts aus.

Piastri riskierte das Manöver dennoch und verbockte das Timing. Letztendlich steht es der Rennleitung frei, diese Entscheidungen zu treffen. Piastri sah die Lichter vor sich, er sah sie ausgehen, und er wusste, dass für Verstappen noch mehrere Kurven lang Überholverbot galt. Praktisch gab es keinen rationalen Grund, das scharfe Bremsmanöver trotzdem zu riskieren. Wer das Reglement kennt, darf diesen Fehler nicht machen.

7. Sind Piastris Manöver gängiges Protokoll unter Formel-1-Fahrern?

Bleibt nur noch ein Punkt. "Mir ist das ein paar Mal schon passiert, dieses Szenario", verteidigte selbst Max Verstappen. "Da finde ich es bloß seltsam, dass Oscar als Erster jetzt 10 Sekunden dafür bekommt." Doch bei Red Bull scheint man durch die Team-Brille zu schauen. Nachdem man ein ähnliches Vergehen George Russell in Kanada vorgeworfen hatte, aber mit einem Protest abgeblitzt war.

Der Russell-Fall passierte nicht beim Restart, sondern mitten im Safety Car, und war bei weitem nicht so gravierend. Russell wandte nur 30 psi Bremsdruck an, als Verstappen ihm in Kanada ausweichen musste. Piastri hatte doppelt so heftig gebremst. Und zumindest in diesem Jahr gab es bei den tatsächlichen Restarts keine vergleichbaren Szenen.

Oft nutzen Fahrer für den Trick, dass das Safety Car die Lichter vor einer Kurve ausmacht. So Verstappen in Imola, Piastri in Barcelona und Bahrain, oder Lando Norris in Australien. In Silverstone aber ist die Linie des 3. Sektors, wo die Lichter beim Restart ausgingen, zu Beginn einer Geraden.