Auf die Schnelle mag der vierte Platz von Charles Leclerc im Rennen der Formel 1 in Kanada eigentlich in Ordnung aussehen. Doch bei 44,151 Sekunden Rückstand wird man schon stutzig - und Leclerc selbst rückt am Sonntagabend mit einer vernichtenden Selbstkritik das Ergebnis daraufhin in das schlechteste mögliche Licht, das er finden kann.

"Also als Belohnung nehme ich das nicht, das war mehr Glück als eine Belohnung für harte Arbeit und einen unglaublichen Job", kommentiert Leclerc den vierten Platz sarkastisch. Über 33 Sekunden, weit mehr als ein Boxenstopp, war er hinter seinem Teamkollegen Lewis Hamilton ins Ziel gekommen. "Es war ein Albtraum von einem Wochenende."

"Gut, dass ich eine tolle Messlatte mit Lewis habe, denn der hatte ein unglaubliches Wochenende und ein Wahnsinns-Gefühl im Auto", weiß Leclerc. Wenn er sich nun daran misst, lässt es nur ein Urteil zu: "Das war wahrscheinlich das schwierigste Wochenende meiner Formel-1-Karriere."

Wie konnte Kanada für Charles Leclerc so katastrophal danebengehen?

Eine Reihe an Faktoren kamen zusammen, damit Leclerc über eine halbe Minute Rückstand auf Hamilton aufriss. Es beginnt mit der Strecke: "Montreal war historisch gesehen noch nie eine starke Strecke für mich. Ein bisschen wie Melbourne. Das sind zwei Strecken, auf denen ich mit meinem Fahrstil besonders hadere. Ohne jetzt ins Detail zu gehen, aber der Kurvenrhythmus passt mit meinem Stil nicht zusammen."

2026 verschlimmerte kaltes Wetter die Lage. Leclerc hatte an keinem Punkt des Wochenendes verstanden, wie er die Reifen im Arbeitsfenster hielt. Ein Bremsproblem am Freitag untergrub seine Vorbereitungen weiter, aber das kann und will er am Ende nicht als Ausrede nutzen.

Charles Leclerc bei der F1 in Kanada mit Lewis Hamilton im Vordergrund
Hamilton hatte Leclerc in Kanada ganz klar im Griff, Foto: IMAGO / PsnewZ

"Ist jetzt nicht so, dass ich relativ zu Lewis in einer viel schlechteren Position war", unterstreicht Leclerc. Große Setup-Differenzen gab es keine. Hamiltons neuer Ansatz, sein Setup ohne Simulator-Vorbereitung zu bauen, ist also kein entscheidender Faktor: "Nein. Nein, nein, es geht mehr um mein Gefühl und wie ich heute gefahren bin."

Charles Leclerc erteilt im Desaster-Rennen seinem Ingenieur Frust-Maulkorb

"Mangels Selbstvertrauen habe ich an so einem Tag einfach nicht genug gepusht", erklärt Leclerc. "Im ersten Stint dachte ich, es gäbe vielleicht eine Chance, mich nach vorn zu orientieren und um das Podium zu kämpfen. Aber dann zog ich den Medium auf und wusste: Das bräuchte ein Wunder." Hintenraus konnte er zwar Isack Hadjar überholen, aber Hadjar haderte ebenfalls massiv mit dem Handling seines Red Bull, und kassierte dann auch noch zwei Strafen, weshalb er keine Konterversuche mehr starten konnte.

So fuhr Leclerc das Rennen einsam auf P4 im Niemandsland fertig. Und trotzdem: "Selbst in den letzten 15 Runden war ich eine bis eineinhalb Sekunden langsamer, einfach um kein Risiko zu gehen, und trotzdem hatte ich Situationen, wo ich mir dachte, das war jetzt viel zu knapp." Ähnlich wie er am Samstag schon am Ende des zweiten Qualifying-Segments am Funk angekündigt hatte, dass es Startplatz acht oder ein Crash werden würde.

Falsche Reifenwahl! Strategie-Fail von McLaren nicht schlimm? (17:47 Min.)

Im Rennen verging ihm irgendwann endgültig die Lust. Knapp eine halbe Stunde vor Schluss erteilte er Renningenieur Bryan Bozzi mit hörbarem Frust einen Maulkorb: "Jetzt sind wir bis zur letzten Runde still. Du sagst mir, wenn die letzte Runde beginnt. Und alles, was absolut kritisch ist." Bozzi hielt sich daran, gab nur mehr eingefordertes Reifen-Feedback und einen Hinweis auf ein Virtuelles Safety Car.

"Es war eine richtig miese Leistung und ein sehr schwieriges Rennen", lautet Leclercs Abschluss-Fazit. Am Funk hatte er sich und das Team in der Auslaufrunde noch in die Pflicht genommen: "Wir müssen analysieren - ich muss verstehen, was auf dieser Strecke los ist und wie ... ich hatte null Feeling. Von Beginn an, und es wurde nicht besser." Wie viel besser es Hamilton erging, das erzählt er hier: