Es dauerte bis 21:05 Uhr Ortszeit, bis die Formel 1 in Kanada auch offiziell George Russells Sieg bestätigte. Denn Red Bull hatte für Zwischenfälle während dem Safety Car schwere Vorwürfe gegen den Mercedes-Piloten erhoben. Der eingereichte Protest wurde jedoch von den Stewards zurückgewiesen.
Die letzten drei Runden von Kanada waren nach dem Unfall von Lando Norris hinter dem Safety Car zurückgelegt worden. Russell und Max Verstappen, die sich davor das ganze Rennen ohne Konfrontation bloß belauert hatten, gerieten schließlich in zwei reichlich bizarren Situationen aneinander.
Zuerst hatte Russell auf der langen Geraden hinter dem Safety Car gebremst und Verstappen gezwungen, ihm auszuweichen. Verstappen konnte nicht einmal vermeiden, dass er Russell kurz überholte, was natürlich verboten ist. An der Boxenausfahrt nahm Russell erneut Geschwindigkeit raus, wodurch er mehr als 10 Fahrzeuglängen vom Safety Car entfernt war. Das ist verboten.
Russell unsportlich: Red Bull erhebt schweren Vorwurf in Kanada
Für Verstappen war die Affäre brenzlig, hält er doch bei 11 Strafpunkten und würde bei nur einem weiteren Punkt automatisch für das nächste Wochenende gesperrt. Und für Safety-Car-Vergehen von Fahrern gibt es eigentlich immer Strafpunkte. So witterte Red Bull falsches Spiel. Hatte Russell versucht, Verstappen bewusst hinter dem Safety Car auflaufen zu lassen? Man entschloss sich zum Protest.

Die Vorwürfe: Russell habe unnötig gebremst. Seine folgende Beschwerde am Funk, wonach Verstappen ihn überholt habe, hätte "unsportliche Absichten gezeigt", indem er damit eine Ermittlung provozieren wollte. Man legte bei der Stewards-Anhörung die Telemetrie beider Autos vor, und verwies außerdem auf Russells Onboard. Auf der war zu sehen, wie er vor dem Verlangsamen noch in den Rückspiegel schaute. Auch sei das Anwärmen von Reifen und Bremsen nicht mehr nötig gewesen, weil bereits klar war, dass das Rennen hinter dem Safety Car enden würde.
Red Bull trug den Fall so mittels ihren sportlichen Leitern Stephen Knowles und Ganpiero Lambiase sowie mit Max Verstappen den Stewards vor. Mercedes trat mit Teammanager Ron Meadows, Chefingenieur Andrew Shovlin und mit Russell zur Verteidigung an. Russell selbst lieferte eine umfassende Rechtfertigung seines Handelns.
George Russells vollständige Erklärung zum Verstappen-Zwischenfall
- Regelmäßiges Bremsen ist während Safety-Car-Einsätzen üblich und zu erwarten, um sicherzustellen, dass die Temperatur in Reifen und Bremsen konstant bleibt
- Auf der Gegengeraden holte er das Safety Car ein. Er verwies auf das Video aus dem Cockpit, das ihn mit einer Handbewegung zeigte, mit der er dem Safety-Car-Fahrer signalisieren wollte, schneller zu fahren
- Er bremste aus zwei Gründen: Erstens, um sicherzustellen, dass er einen Abstand zum Safety Car hielt
- Zweitens, um die Temperatur seiner Bremsen und Reifen aufrechtzuerhalten
- Er schaute vor dem Bremsen in seine Spiegel, um zu überprüfen, ob Auto 1 direkt hinter ihm war, und bremste erst, nachdem er gesehen hatte, dass Auto 1 seitlich neben ihm war
- Seine Telemetrie zeigte, dass der von ihm ausgeübte Bremsdruck 30 psi betrug, was seiner Aussage nach nicht stark sei
- der Fahrer von Auto 1 hätte damit rechnen müssen, dass er bremsen könnte, um die Temperatur seiner Bremsen und Reifen zu halten
- es liegt nicht in der Verantwortung des vorausfahrenden Autos, auf das nachfolgende Auto zu achten
- indem er sein Team darauf hinwies, dass Auto 1 überholt hatte, beabsichtigte er nicht, eine Untersuchung gegen Auto 1 zu provozieren
- er wusste nicht, dass das Rennen definitiv unter Safety-Car-Bedingungen enden würde
Mercedes ergänzte, dass Russells Funk-Kommentar nichts als einen simplen Fakt enthalten hatte und das Team es auch nicht an die Rennleitung gemeldet hatte. Weiters wurden Telemetriedaten vorgelegt, um zu beweisen, dass auch Verstappen auf den Geraden regelmäßig gebremst hatte. Nichts an Russells Verhalten sei daher irregulär gewesen.
FIA-Stewards sehen Red-Bull-Argumente nicht: Protest abgewiesen
Die Stewards ließen noch Tim Malyon aus der FIA-Rennleitung als Sachverständigen vorsprechen. Er hielt fest, dass die Rennleitung den Zwischenfall von sich aus beobachtet und nichts davon für untersuchungswürdig befunden hatte. Russells Bremsverhalten sei typisch für eine Safety-Car-Phase, und bei der Regel für die 10 Fahrzeuglängen erlaubt die Rennleitung üblicherweise eine Toleranz, um den Fahrern beim Temperaturmanagement entgegenzukommen.
Folglich sahen die Stewards Russell im Recht und wiesen den Protest ab. Die Äußerung am Funk war nicht unsportlich, und auch das Bremsen an sich nicht. Das hatte Red Bull zwar nicht explizit auch als unsportlich bezeichnet, aber für die Stewards war die Absicht hinter dem Protest klar. Nichts davon ist für sie legitim.
Ohne weitere Strafen ist das Rennergebnis der Formel 1 in Kanada damit final. Hier gibt es die Positionen aller Fahrer:



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