Vier Sekunden standen beim Formel-1-Qualifying in Spielberg noch auf der Uhr, als Kimi Antonelli aus der letzten Kurve des Red Bull Rings Anfahrt auf die Start-Ziel-Gerade nahm. Nur wenige Meter vor der Ziellinie schalteten die Lichter auf Rot und die schwarz-weiß karierte Flagge wurde geschwungen. Aus, vorbei, kein zweiter Versuch für den Mercedes-Junior. Ohne eine Chance, seine Rundenzeit zu verbessern, startet der 18-Jährige den Österreich Grand Prix von der neunten Position.

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"Es war schade, dass ich den letzten Versuch nicht fahren konnte. Ich dachte, es würde sich mit der Flagge ausgehen, deshalb habe ich die Reifen gepusht. Es war heute nicht einfach, eine Runde zusammenzubekommen", erzählte der Rookie, dem über eine Sekunde auf die Pole-Zeit von Lando Norris fehlte. Doch warum reichte die Zeit für Antonelli nicht mehr?

Für den letzten Run im Q3 stellten sich die verbliebenen zehn Fahrer recht spät an die Boxenausfahrt. Mercedes schickte seinen Junior zu spät aus der Garage, daher musste er sich am Ende der Auto-Schlange am Boxengassenausgang anstellen. Naja, fast am Ende. Denn eigentlich hatte sich der Sauber von Gabriel Bortoleto noch nicht zwischen den Boliden eingereiht, als Antonelli ankam.

Antonelli bedrängt? Bortoleto: Dazu sage ich nicht mehr

Laut Regelbuch muss ein Reifen komplett auf der Fast Lane sein, damit ein Fahrer sich in die Warteschlange an der Boxenausfahrt einreihen darf. Vor Antonelli öffnete sich eine kleine Lücke, die der Sauber-Pilot für sich nutzte. Er schob sein Vorderrad schnell auf den Asphalt der Boxenausfahrt, Antonelli musste stark abbremsen und ihn vorlassen.

Für den Mercedes-Rookie ist die Situation klar: "Der Sauber [Gabriel Bortoleto] hat mich abgedrängt, das war nicht wirklich fair. Danach war ich in einer echt schlechten Position", kritisierte der Italiener. Angesprochen auf die Szene sagte Bortoleto nur: "Meiner Ansicht nach habe ich ihn nicht abgedrängt. Mehr sage ich dazu nicht." Die Stewards untersuchten den Fall nicht.

Um nicht in die Dirty Air von Bortoleto zu kommen und dadurch seine Reifen zu komprimieren, musste Antonelli ein paar Sekunden Abstand zum C45 aufbauen. Das und das Vorbeilassen von mehreren schnellen Autos kostete ihn schlussendlich seine zweite schnell Runde um Haaresbreite.

Dabei sah sich Antonelli heute in den Top-6. "Das wäre heute definitiv drin gewesen, das Auto hat sich passabel angefühlt. Dass ich die letzte Runde nicht beenden konnte, war nicht optimal", zeigte sich der 18-Jährige niedergeschlagen. Hoffnung für den Renntag gibt ihm die gute Race-Pace, die sein W16 in den Trainings zeigte.

George Russells Best-Case-Szenario in Österreich: Dort enden, wo wir starten

Es war ein aufregender Samstag in der Boxengasse für Mercedes. Während ihr Junior-Fahrer abgedrängt wurde, musste ihr Senior-Pilot bei den Stewards erscheinen und sich für ein dortiges Vergehen rechtfertigen. Als George Russell zu seiner ersten schnellen Runde im dritten Qualifying-Segment aufbrach, wollte er sich nach Max Verstappen einreihen, übersah dabei aber die zwei knallroten Ferraris direkt dahinter.

"Ich kann verdammt nochmal nichts sehen. Kannst du mir Bescheid sagen[, wenn ich fahren kann]?", schnauzte er seinen Chefmechaniker Matthew Deane am Funk an. "Da gibt es kein Fenster, aus dem du hinausschauen kannst. Du kannst deinen Kopf nicht viel bewegen und die Spiegel helfen da auch nicht. Das ist ein großer Toter Winkel", verteidigte sich Russell nach dem Qualifying. Der Brite kam mit einer Warnung davon, das Team wurde mit einer Verwarnung [Englisch: Reprimand] abgestraft.

Es ist ein kleiner Trost für den letzten Grand-Prix-Sieger, der das Rennen in Österreich von P5 startet. Besonders deprimiert über seine Startposition ist Russell aber nicht: "Ich werde heute nicht feiern, aber ich werde deswegen auch keinen Schlaf verlieren", kommentierte Russell trocken.

Für Mercedes war von Anfang an klar, dass das Wochenende auf dem Red Bull Ring kein leichtes werden würde. Die Streckencharakteristika - langgezogene und schnelle Kurven, rauer Asphalt - sowie die heißen Temperaturen in Spielberg passen nicht zu den Stärken des W16. Vor zwei Wochen war der Asphalt in Montreal glatt und die Luft kühl, in Österreich werden am Sonntag bis zu 50 Grad Streckentemperatur erwartet.

"Es ist jedes Mal schwer, wenn du schon vor dem Wochenende weißt, dass es nicht gut wird. Wir haben heute das Maximum herausgeholt, die Abstände waren wie erwartet - außer der zu Lando [Norris]", resümierte Russell seine Qualifying-Performance und spielte auf die überlegene Leistung seines Landsmannes an.

Als seine Hauptkontrahenten definierte er die Ferrari-Piloten und Max Verstappen, der es im Qualifying nur auf den siebten Platz schaffte. Aber allzu hoch steckte Russell seine Erwartungen nicht: "Wir können hoffen, dort zu enden, wo wir starten. Mehr als ein fünfter Platz wäre ein starkes Resultat. Wir müssen Schadensbegrenzung betreiben." Sollte sich jedoch eine Chance anbieten, mehr zu erreichen, ergreife er diese natürlich sofort.

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