Das Qualifying hatte noch nicht einmal richtig begonnen, da gab es bereits den ersten großen Dämpfer für Yuki Tsunoda. Der Red-Bull-Pilot schloss das dritte Freie Training in Kanada auf dem letzten Platz ab. Die wirklich böse Überraschung folgte jedoch im Nachhinein. Dem Japaner wurde ein Überholvorgang unter roter Flagge in FP3 zum Verhängnis, was ihm eine Strafversetzung um zehn Plätze einbrachte.

"Ich weiß nicht, was sie von mir wollen", zeigte sich Tsunoda nach dem Qualifying uneinsichtig. Das dritte Training wurde zwischenzeitlich unterbrochen, da sich Trümmerteile auf der Strecke befanden. Auf dem Weg zurück in die Box tauchte Oscar Piastri nach der Haarnadelkurve 10 vor Tsunoda auf.

Der McLaren-Fahrer hatte in der Runde zuvor einen Reifenschaden erlitten, als er mit dem rechten Hinterrad an der „Wall of Champions” einschlug, und war entsprechend langsam unterwegs: 86 km/h, wie aus der Stewards-Entscheidung hervorgeht. Tsunoda überholte den langsameren Piastri mit 171 km/h. "Das ist die Hälfte der Geschwindigkeit, die wir normalerweise fahren und ich bekomme eine Strafe von zehn Plätzen. Das ist lächerlich", schimpfte Tsunoda über seine Strafversetzung. Nach Startplatz 11 im Qualifying wird der Red-Bull-Pilot das Rennen am Sonntag vermutlich vom letzten Platz aufnehmen müssen.

"Yuki zeigt endlich eine gute Leistung und dann kriegt er die zehn Plätze, was ich nicht ganz nachvollziehen kann", stellte sich Red-Bull-Motorsportberater Dr. Helmut Marko hinter seinen Schützling und befürwortete das Überholmanöver: "Da hätte jederzeit der Reifen wegfliegen können. Das war ja gefährlich."

Tsunoda-Urteil: FIA-Stewards markieren rote Linie

Yuki Tsunoda im Red Bull
Yuki Tsunoda hätte sich nicht zu einem Überholmanöver verleiten lassen dürfen, Foto: IMAGO / Imagn Images

"Natürlich verstehe ich, dass ich unter roter Flagge nicht überholen kann", ließ Tsunoda wissen. "Aber hinter einem beschädigten Auto festzustecken ist für mich wie zu warten, bis mich Trümmerteile treffen." Wie Dr. Marko sah auch Tsunoda die potenzielle Gefahr des sich lösenden Hinterreifens.

Doch Tsunodas Verteidigung fand bei den Stewards keinen Anklang. "Die Stewards stellten fest, dass Wagen 81 [Piastri; d. Red.] zwar ein offensichtliches Problem hatte, aber nicht mit einer solchen Geschwindigkeit unterwegs war, dass es Wagen 22 [Tsunoda; d. Red.] nicht möglich gewesen wäre, ihm in einem sicheren Abstand zu folgen. Unter den gegebenen Umständen gab es keinen vertretbaren Grund, Wagen 81 zu überholen", erklärten die FIA-Verantwortlichen.

Damit zementierten die Stewards erneut die rote Linie: Überholvorgänge unter roter Flagge sind unzulässig. Zusätzlich zu seiner Startplatzstrafe erhält Tsunoda auch zwei Strafpunkte. Für den 25-Jährigen sind es die ersten beiden Punkte innerhalb der vergangenen zwölf Monate. Deutlich mehr hat Teamkollege Max Verstappen hingegen mit elf Punkten und kassiert bei einem weiteren innerhalb der nächsten beiden Rennwochenenden eine Rennsperre.

Formel-1-Rookie Gabriel Bortoleto kommt ohne Strafe davon

Gabriel Bortoleto im Sauber vor Isack Hadjar im Racing Bull
Gabriel Bortoletos Besuch bei den Stewards bleibt ohne Folgen, Foto: IMAGO / Nordphoto

Wie Tsunoda musste auch Gabriel Bortoleto zu den Stewards. Der Sauber-Pilot war im letzten Sektor auf persönlichen Bestzeit-Kurs und hatte auf der langen Geraden nach Kurve 10 die beiden Haas-Fahrer Esteban Ocon und Oliver Bearman vor sich, die sich auf eine schnelle Runde vorbereiteten. Beim Überholmanöver gegen Ocon gab es noch nichts zu beanstanden, mit Bearman gestaltete sich die Lage anders.

Als das Signal der roten Flagge auf den LED-Panels aufblitzte, verzögerte Bortoleto stark, überholte Bearman dennoch mit Geschwindigkeitsüberschuss kurz vor der letzten Schikane. In diese bog er allerdings gar nicht mehr ein, sondern wählte den Weg geradeaus in die Box.

Die Stewards erkannten, dass Bortoleto reaktionsschnell abgebremst hatte: "Wir haben uns davon überzeugt, dass das Überholen von Wagen 87 [Bearman; d. Red.] unter den gegebenen Umständen unvermeidbar war und haben deshalb beschlossen, keine weiteren Maßnahmen zu ergreifen.

Die FIA sorgte am Kanada-Freitag für Schlagzeilen. Am laufenden Rennwochenende wird Stewards Derek Warwick suspendiert, aber nur für kurze Dauer. Alle Einzelheiten hat Christian hier im Video:

FIA feuert Steward - Ferrari F1-Teamchef attackiert Kritiker (15:58 Min.)