Das ganze Kanada-Wochenende der Formel 1 hatte Mercedes gut ausgesehen - aber wie George Russell selbst festhielt: Besonders hier in Montreal zählt nur die letzte Runde im Qualifying. Die brachte Russell aber sowas von auf den Punkt. Inklusive perfekter Reifen-Entscheidung für Medium. Aber das Rennen macht noch immer Angst.

Russell war mit seinem letzten Schuss in Q3 wieder aus der Versenkung aufgetaucht. Davor hatte er zwar in Q2 schon Bestzeit gefahren, aber auf dem Medium. Der war zumindest für den Mercedes in Kanada ganz klar der beste Qualifying-Reifen. Der etwas härtere Gummi gibt den Fahrern in den Kurven einfach ein bisschen mehr Stabilität, die sie auf dem Soft nicht finden.

George Russell im Mercedes
George Russell leistete im Kanada-Qualifying Präzisionsarbeit, Foto: IMAGO / PsnewZ

"Es hatte sich wie eine gute Runde angefühlt, aber der Medium gab mir einfach das letzte bisschen Vertrauen", so Russell. Ihm war von Anfang an klar, dass er das Qualifying daher auf Medium beenden wollte. Auf dem ersten Q3-Versuch mit Soft war er noch zweieinhalb Zehntel weg von der Pole. Dann schraubte er den letzten seiner drei Medium-Sätze ans Auto.

Mercedes in Kanada pfeilschnell - auch ohne Reifen-Tricks

"Es war eine der aufregendsten Runden meines Lebens", jubelt er danach. Auf seinem Lenkrad sah er schon, wie die Zeit weiter und weiter fiel. Zwei Zehntel schneller nach Kurve 3. Dreieinhalb nach Kurve 5. Viereinhalb nach Kurve 7. "In der letzten Kurve dann schon sechs." 1:10,899 stand am Ende. Damit war er sechs Zehntel schneller als seine vorherige Soft-Zeit, und über eineinhalb Zehntel schneller als der zweitplatzierte Max Verstappen.

"Es war eine mächtige Runde", urteilt Russell. Rückblickend war der Sprung so groß, dass es nicht nur der Medium-Trick war. Nein, der Mercedes wäre wohl sowieso auf Pole gefahren: "Ich will nicht sagen, dass ich mit dem Soft eine genauso gute Runde gefahren wäre, aber der Medium ist sicher keine drei Zehntel besser als der Soft."

Kimi Antonelli unterstrich mit Startplatz 4 die Mercedes-Stärke. Obwohl er am Schluss nur mehr gebrauchte Mediums gehabt hatte, weil er in Q2 sich gegen ein frühes Ausscheiden hatte verteidigen müssen: "Der Grip war noch brauchbar, aber besonders gegen Ende ging er ein. Dann habe ich einen großen Fehler in Kurve 10 gemacht, der hat mir mehrere Zehntel gekostet." Da überrascht es ihn, dass er noch P4 holte.

Was machen die Kanada-Wolken? Mercedes-Stärke ist filigran

Beide Fahrer haben nach dem Qualifying auch schnell die Erklärung parat, warum der Mercedes in Q3 so verdammt schnell wurde. Es ist nicht etwa so, dass das jüngste Unterboden-Update sowie das besser verstandene Aufhängungs-Update von Imola hier so richtig eingeschlagen wären. Auch wenn die Teile inzwischen definitiv als Fortschritt gelten. Es ist eher die alte Mercedes-Leier: Die Leistung hängt an der Temperatur.

Hin zum Ende des Qualifyings begann der Asphalt am späten Nachmittag schon wieder abzukühlen. "Wenn es kühler ist, fühlt sich das Auto toll an und gibt mir dieses Vertrauen", sagt Russell. Eine frühe rote Flagge verschob Q3 auch noch um gut 10 Minuten nach hinten. "Die Strecke kühlt in diesem Zeitfenster ab, und dann ist es kein Schock, dass wir in Q3 besser waren als in Q1."

"Das kann morgen im Rennen locker in die andere Richtung gehen", fürchtet Russell. Rennstart ist um 14:00 Uhr Ortszeit (20:00 Uhr MESZ), zwei Stunden früher als das Qualifying. Russell fleht die Wettergötter an: "Etwas Simples wie ein paar Wolken könnte uns zwei Zehntel Vorteil gegenüber McLaren geben. Wenn die Sonne rauskommt, neutralisiert das alles."

Aber insgesamt hat Mercedes weniger Angst vor Kanada als vor manchen anderen Rennen. Der Verschleiß ist geringer, Schlüssel ist das Kontrollieren des Graining-Phänomens auf den Hinterreifen. Eben wegen des Faktors Wetter wagt Russell aber keine Prognosen. Außerdem steht er in der ersten Reihe neben Intimfeind Max Verstappen. "Ich hab' ein paar mehr Punkte Spielraum auf meiner Lizenz", stichelte er schon nach dem Qualifying. Die genervte Reaktion des Niederländers gibt es hier: