Carlos Sainz
- Alter: 31 Jahre
- F1-Jahre: 10 (seit 2015)
- Größter Erfolg: 4 Siege (Großbritannien 2022, Singapur 2023, Australien 2024, Mexiko 2024)
"In der Formel 1 ist das Momentum das A und O." Davon ist Carlos Sainz überzeugt. Doch ausgerechnet dieses Momentum schien in seiner bisherigen Karriere selten auf seiner Seite zu stehen. Wenn von Siegkandidaten, WM-Hoffnungen und Superstars die Rede war, fiel sein Name nur am Rande. Dabei hat Sainz seit jeher nur ein Ziel: F1-Weltmeister zu werden. "Das ist der Grund, warum ich frühmorgens aufstehe, trainiere, mit den Ingenieuren in der Fabrik spreche und im Simulator sitze - selbst, wenn ich wegen des Jetlags todmüde bin. Das treibt mich an", stellt Sainz klar.
Doch schon seine ersten Schritte in der Formel 1 unternahm er im Schatten eines anderen. Im November 2014 verkündete Toro Rosso die Fahrerpaarung für die kommende Saison: der 20-jährige Carlos Sainz und der 17-jährige Max Verstappen. Die Nachricht, dass der Sohn von Rallye-Legende Carlos Sainz senior in die Formel 1 einstieg, verhallte angesichts des vermeintlichen Jahrhunderttalents Verstappen. Dessen Schatten wuchs gefühlt mit jedem weiteren Tag, den die beiden als Teamkollegen bei Toro Rosso verbrachten.
Die Situation eskalierte schnell, denn nur einer konnte zu Red Bull Racing aufsteigen. Sainz erinnert sich: "Toro Rosso war damals die Spielwiese von Dr. Helmut Marko und Christian Horner. Sie platzierten dort Fahrer, um zu sehen, wer das Zeug hat, bei Red Bull Racing zu fahren. Ich konnte nicht ganz zeigen, aus welchem Holz ich geschnitzt bin.“ Ein Muster, das sich durch seine Karriere zieht. In zehn Jahren Formel 1 stehen für Sainz gerade einmal vier Siege, sechs Pole Positions und vier schnellste Rennrunden zu Buche.
Sein ehemaliger Toro-Rosso-Teamkollege Max Verstappen holte im selben Zeitraum vier WM-Titel, 67 Siege, 46 Pole Positions und 35 schnellste Rennrunden. Fehlt Sainz vielleicht das für erfolgreiche Rennfahrer so oft bemühte "Arschloch-Gen"? Während Verstappen kompromisslos seinen Weg geht, hat der Spanier im Fahrerlager das Image des Gentlemans - freundlich, zuvorkommend, bodenständig. Das wurde 2016 nochmals deutlich, als er während einer FIA-Pressekonferenz nach seinem aktuellen Auto gefragt wurde. Während seine Fahrerkollegen Marken wie Ferrari, Porsche und Mercedes nannten, lautete Sainz Antwort: "Ich fahre einen Golf."
Nach Toro Rosso folgten die Stationen Renault und McLaren. Bei McLaren trug Sainz 2019 maßgeblich zum vierten Platz in der Konstrukteurswertung bei, doch im Rampenlicht stand – wieder einmal - sein Teamkollege [Lando Norris]. 2021 holte ihn Ferrari als Nachfolger für Sebastian Vettel. Obwohl Sainz zeitweise sogar schneller war als Charles Leclerc, blieb der Monegasse für die Tifosi "il predestinato" - also "der Außerwählte", der den WM-Titel endlich wieder nach Maranello zurückbringen sollte. Ferraris Entscheidung, 2025 Lewis Hamilton zu holen, traf Sainz völlig unerwartet. "Bis zu diesem Zeitpunkt war es mir nie in den Sinn gekommen, dass das passieren könnte. Es war ein riesiger Schock, aber im Nachhinein hat es mich stärker und zu einem besseren Rennfahrer werden lassen", so Sainz.
Letzteres gilt es nun, bei Williams zu beweisen. Der Traditionsrennstall hofft nach der Kurskorrektur zurück auf die Erfolgsspur zu finden. Für Sainz, inzwischen 31 Jahre alt, könnte dies die letzte Chance sein. "Ich bin überzeugt, dass ich noch einige gute Jahre vor mir habe", betonte Sainz und fügte hinzu: "Sollte ich nie ein konkurrenzfähiges Auto haben, um damit den Titel zu holen, wäre das für mich in Ordnung. Ich wäre nur massiv enttäuscht, wenn alles da gewesen wäre und ich den Titel nicht geholt hätte. Aber warten wir mal, wie das Leben so spielt."
Weltmeister-Faktor: ** (2 von 5)
George Russell
- Alter: 27 Jahre
- F1-Jahre: 7 (seit 2019)
- Größter Erfolg: WM-Vierter 2022
"WM-Vierter 2022" ist irgendwie eine sehr trockene Art, um George Russells bislang größten F1-Erfolg zu definieren. Auch im siebten Jahr bleibt Russell in nackten Zahlen schwer quantifizierbar. Ist sein größter Erfolg vielleicht das 19 zu 5 im Qualifying-Duell mit Lewis Hamilton 2024? Tatsächlich unterstreicht 2022 eher Russells Qualität. Nicht sein absolutes Können, da war er in seinem ersten Jahr bei Mercedes nicht auf dem Niveau, auf dem er heute abliefert. Aber seinen Grundspeed, sein Potenzial, seine Fähigkeit sich anzupassen, seine Fähigkeit neben einem Weltmeister zu bestehen. Er kam neu ins Team, neben einen Hamilton, der nur Monate davor knapp an der WM vorbeigeschrammt war, und im ersten gemeinsamen Jahr war er im Qualifying schon fast ebenbürtig, und er feierte damals den einzigen Sieg des Teams. Man darf nicht vergessen: Nur weil der Mercedes nicht mehr so gut war, bedeutet das nicht weniger Druck. Man schaue auf Max Verstappens Teamkollegen, die zu Zeiten eines schwachen Red Bulls 2019 und 2020 neben ihm zerbrochen sind.
Russell weiß das. Falls er noch irgendwelche Zweifel gehabt haben sollte - an Selbstvertrauen mangelt es dem 27-Jährigen nicht. Er hat längst gezeigt, dass er eine kompromisslose Härte mit sich bringt, wie sie viele Weltmeister vor ihm hatten, und die Hürde Hamilton nahm er einerseits mit dem nötigen Respekt, andererseits ganz leicht. "Ich dachte darüber nach, wie ich damit psychologisch umgehen werde, bis ich eines Tages ein gutes Gespräch mit meinem Psychologen darüber hatte", verriet er erst dieses Jahr. "Das Ergebnis: Wenn ich in die Garage komme, steige ich ins Auto, setze den Helm auf, Visier runter, dann spielt es keine Rolle, ob der Teamkollege sieben Titel hat oder ein Rookie ist. Ich habe es unter Kontrolle."
Seither wurde Russell als Fahrer besser, nicht schlechter. Im Mercedes-Lager hat man inzwischen gar keine Zweifel mehr, ob er denn ein zukünftiger Weltmeister ist. Tenor: Wir müssen ihm nur endlich das dazu nötige Auto geben. Russells 2025 mutet im Angesicht des unterlegenen Mercedes da wie eine fahrerisch WM-würdige Saison an. Rookie Andrea Kimi Antonelli hat er weit abgehängt. Bis einschließlich Singapur qualifizierte er sich nur zweimal außerhalb der Top-5. Er und Max Verstappen halten sich hinter dem McLaren-Duo die Waage und fanden sich zeitweise in einem Rennen um WM-Platz 3 wieder. Und Russell verwandelte in Kanada seine in diesem Jahr bislang einzige Sieg-Chance bravourös in Pole und Sieg. Auf der Strecke lässt sich schon einmal nichts finden, was man Russell 2025 noch ankreiden könnte.
Die Ergebnisse sprechen für sich. Wie oft zerbrach Russell am Druck? Er ist vielmehr einer, der Druck aktiv auf andere ausübt. Seit 2023 balgt er sich immer wieder mit Max Verstappen, und er ist sicher kein Unschuldslamm, dem Verstappen bei einem Blackout-Moment in Barcelona einfach ins Auto fuhr. Mit Berechnung hatte Russell sein Ziel Verstappen bereitwillig schon verbal anvisiert, hatte sich 2024 bereitwillig einer beinahe völligen Eskalation um ein Meeting im Stewardsraum in Katar hingegeben. Ohne auf der Strecke je davon emotional allzu beeindruckt gewesen zu sein. Eben weltmeisterliche Härte.
Hat Russell abseits der Strecke noch Weltmeister-Format? Er bleibt zumindest erinnerungswürdig. Ob es sein Adaptieren der "T-Pose" ist, der etwas absurden Pose, mit dem er einst ins offizielle Video-Intro kam, und die er inzwischen bei Poles und Siegen nachstellt. Oder sein Akzeptieren eines leicht spießbürgerlich-englischen Charakters für die Öffentlichkeit, teilweise hart an der sarkastischen Grenze, Stichwörter: "Blimey! Crikey!" Aber auch sauber artikulierte Antworten. Ein eloquenter junger Mann. Vielleicht etwas zu glatt? Liegt im Auge des Betrachters. Vergessen wird man Russell aber sicher nicht.
Weltmeister-Faktor: **** (4 von 5)
Charles Leclerc
- Alter: 27 Jahre
- F1-Jahre: 8 (seit 2018)
- Größter Erfolg: Vizemeister 2022
"Ich erinnere mich an 2019, mein erstes Jahr bei Ferrari." Charles Leclerc, das gebrannte Kind. "Nach den Tests war ich unglaublich zuversichtlich, weil es gut lief. Doch nach dem ersten Rennen war ich so enttäuscht, dass ich mir geschworen habe, keine Erwartungen mehr zu haben. Deshalb habe ich jetzt ganz ehrlich keine Erwartungen." Man möge sagen, er wusste im Winter 2025 instinktiv bereits, was auf ihn zukommen würde. Eine weitere verlorene Saison für den 27-jährigen Monegassen, der seit 2015 von Ferrari über die Driver Academy angelernt wurde und der eigentlich seit Jahren als zukünftiger Weltmeister gilt. Grund genug, die Berechtigung dieser Aussage doch einmal zu hinterfragen? Leclerc hat schließlich schon fast unglaublich wenig Siege, dafür, dass er seit Jahren in einem Ferrari sitzt.
Pech ist da viel dabei - oder? Leclercs Reputation fußt vor allem auf das fahrerische Feuerwerk, dass er abbrennen kann. Er ist der womöglich schnellste Fahrer auf eine Runde im Qualifying, hat hier eine teaminterne Siegrate von 68 Prozent, hat schon 27 Poles (Elfter in der ewigen Bestenliste der Formel 1, alle anderen Ferrari-Fahrer zusammen haben im gleichen Zeitraum acht), und in praktisch allen anderen statistischen Kategorien führt er mit einem 2-zu-1-Verhältnis gegen seine Teamkollegen. Die größtenteils äußerst namhaft sind, mit Sebastian Vettel, Carlos Sainz und Lewis Hamilton.
Also - das Pech, das Leiden von Maranello. Ferrari erlebt in der Ära Leclerc bisweilen ein Auf und Ab, und ein WM-Auto war da nie eindeutig dabei. Doch auch Leclercs fahrerische Feuerwerke waren nicht immer zielgenaue Spektakel. Sein ergebnistechnisch bestes Jahr 2022 mit dem Vize-Titel am Ende war sicher nicht sein fahrerisch bestes. Dann schwebte das Schreckgespenst der Fahrfehler für Leclerc schon sehr groß im Hintergrund: "2023 gab es zu viele verpasste Gelegenheiten, bei denen ich versucht habe, ein Wunder zu erzwingen, anstatt einfach viele Punkte mit nach Hause zu nehmen." 2024 stellte er sein Mindset um, fokussierte sich immer mehr auf gute Rennperformance, legte einen Teil des Feuerwerks banal zu den Akten, mauserte sich zu einem starken Rennfahrer.
"Ich habe das Gefühl, dass ich im Moment meine beste Leistung zeige", denkt Leclerc heute. "Ich fühle mich kompletter als Fahrer. Wir werden am Ende des Jahres sehen, aber ich würde die Saison sehr hoch werten." Dann aber gibt es das Auto wieder nicht her. Wieder kommt das Feuer, mit Leclerc, der von bewährten Pfaden abrückt, am Setup experimentiert, lieber auf Siege als auf Konstanz setzt. Ferraris Auf und Ab zehrt an Leclerc, und daraus ergibt sich die Frage, wie lange das für beide Seiten gemeinsam noch gutgehen kann.
Für Leclerc stellt sich diese Frage nicht: "Weil ich diesem Team sehr viel schulde. Ich denke, das ist die Antwort. Ich habe Ferrari immer geliebt und daraus meine Motivation gezogen. Ich will Ferrari zurück an die Spitze führen, egal, wie lange es dauert. Und ich werde absolut alles dafür tun." Außerdem hat der Glitzer und Glamour von Ferrari ihn schon zum Superstar gemacht. 20 Millionen Follower auf Instagram, eigene Musikprojekte, Modeprojekte, Leclerc ist von allen Fahrern ohne WM-Titel der bei weitem größte Charakter. Klar, der Titel wäre die sportliche Erfüllung und die Krönung von Leclercs Ferrari-Existenz. Aber irgendwo mag die andere Seite der Medaille sein: Leclerc und Ferrari, das hat Stil, das ist Emotion, das ist feurig, das ist einzigartig, das kriegt die Formel 1 von keiner anderen Fahrer-Team-Kombination. Und das überstrahlt in gewisser Weise die Kombination Leclerc und Titel. Die vielleicht bei einem anderen Team wahrscheinlicher wäre? Ob diese Frage je beantwortet werden wird?
Weltmeister-Faktor: **** (4 von 5)
Dieser Artikel stammt aus der 105. Printausgabe des Motorsport-Magazins. Wer mehr exklusive Interviews und Hintergrundgeschichten wie diese lesen möchte, der kann sich hier ein Abo holen.

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