Das zweite Freie Training zum Großen Preis von Kanada in Montreal war noch nicht einmal zehn Minuten alt, da schien der Formel-1-Nachmittag für die kanadischen Fans auf der "Lance Stroll-Tribüne" schon so gut wie gelaufen: Ihr Lokalheld berührte die Wand im Ausgang von Kurve 7 und riss sich dabei seine Vorderradaufhängung ab. Ein kleiner Trost für die kanadischen F1-Anhänger: Wenigstens parkte Lance Stroll seinen Aston-Martin-Boliden in der Sicherheitsausfahrt direkt vor seiner Tribüne.
"Ich hatte ein bisschen Untersteuern und touchierte die Wand", erklärte der Kanadier gewohnt wortkarg nach dem zweiten Freien Training. Dabei sah die Berührung von außen relativ sanft aus. Stroll war auf seiner ersten schnellen Runde, als er beim Beschleunigen aus Kurve 7 etwas weit hinausgetragen wurde. Nico Hülkenberg und Oliver Bearman waren unmittelbar vor ihm auf langsamen Aufwärmrunden unterwegs.
Strolls linkes Vorderrad küsste dabei leicht die Wand, es gab zuerst nur ein paar Funken. Der AMR25 fuhr noch ein paar Meter weiter, bevor die Radaufhängung plötzlich brach. Doch der Kanadier fuhr nicht in den Auslaufbereich in der nächsten Schikane raus, sondern humpelte auf dem Circuit Gilles Villeneuve noch bis zur Haarnadel.
"Ich werde versuchen, das Auto zurückzubringen", funkte Stroll nach dem Unfall. Sein Renningenieur Gary Gannon widersprach sofort. "Wir müssen stoppen, du solltest so nicht zurückfahren. Such dir einen sicheren Ort", bat er Stroll. Erst als Gannon auf das Regelwerk verwies, lenkte der Kanadier ein. "Wir dürfen in dieser Verfassung nicht mehr weitermachen, das ist nicht mehr erlaubt."

Strengere Formel-1-Regeln: Lance Stroll riskiert Strafe in Montreal
Der Renningenieur verwies damit auf den Abschnitt 26 des sportlichen Reglements in der Königsklasse des Motorsports. Vor der Saison 2025 hat die FIA hier deutlich nachgebessert. Die vorher eher laxe Formulierung ist nun breit ausformuliert, um mögliche Schlupflöcher zu vermeiden. Auslöser dafür war Sergio Perez beim Großen Preis von Kanada 2024, als er seinen Red-Bull-Boliden mit einem zerstörten Heck noch an die Box zurückschleppte.
So ist es laut Abschnitt 26.10 verboten, mit einem Auto zurück an die Box zu fahren, "das signifikanten und offensichtlichen Schaden bei einer strukturellen Komponente aufweist und andere Fahrer damit unmittelbar in Gefahr bringen könnte." Wird das nicht eingehalten, kann der Renndirektor höchst persönlich den sofortigen Stopp des Autos anordnen. Im schlimmsten Fall droht sogar eine Disqualifikation.
Das bräuchte Lance Stroll überhaupt nicht. Er musste aufgrund von Schmerzen in Hand und Handgelenk schon den Spanien GP vor zwei Wochen aussetzen. Heute saß er das erste Mal seit seiner Handoperation wieder im Formel-1-Auto. Das erste Freie Training beendete er auf dem fünfzehnten Platz, die Änderungen am AMR25 konnte er wegen des Unfalls nicht ausprobieren. "Morgen ist auch noch ein Tag", zeigte sich der Kanadier apathisch.
Fernando Alonso spart Medium-Reifen
Strolls Teamkollege Fernando Alonso war im Gegensatz sehr zufrieden mit seiner Leistung in der zweiten Trainingseinheit. Er konnte auf P5 vorfahren und setzte sich damit gegen den WM-Führenden Oscar Piastri durch. "Das Auto fühlt sich gut an, aber es ist nicht einfach, auf dieser Strecke eine gute Runde hinzukriegen. Wir brauchen mehrere Anläufe", bemängelte Alonso und hob vor allem Kurve 3 und Kurve 14 als Schlüsselstellen hervor.
Wo Aston Martin sich im Vergleich zu den anderen Teams einreiht, kann der Spanier wegen der kniffligen Umstände schwer einschätzen: "Es braucht ein paar Runden, bis die Reifen warm sind. Doch sobald sie Temperatur haben, fängt das Graining an. Wir haben vielleicht ein oder zwei Runden, in denen wir performen können", so der zweifache Weltmeister.
Auffällig war, dass Alonso im zweiten Freien Training keinen seiner Medium-Reifen benutzte. Als am Ende von FP2 der Rest des Feldes Longrun-Simulationen auf dem gelben Pneu absolvierte, fuhr Alonso noch immer auf einem Soft-Reifen. Bei der weichen Reifenmischung, die Pirelli mit nach Montreal gebracht hat, könnte Aston Martin sich den mittleren C5-Satz für das Qualifying aufsparen.
Dieser Taktik hat sich das Team aus Silverstone schon in Imola bedient und ist damit in den Top-10 gelandet. Im Rennen hat sich die Strategie wegen mehrerer Safety-Car-Phasen nicht ausgezahlt, aber möglicherweise hat Aston Martin aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Ob sie diesen Plan verfolgen, wollte Fernando Alonso natürlich nicht preisgeben. "Wir wollen in FP3 noch ein paar richtige Tests durchführen", versicherte der Asturier.
Warum war Mercedes im zweiten Training plötzlich so gut? Die Antwort macht George Russell und Kimi Antonelli paradoxerweise wenig Hoffnung. Details gibt es in unserer Analyse:



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