Das Qualifying ist geschlagen, und was für ein Qualifying war das denn von Max Verstappen. Das ganze Wochenende im Nirgendwo, teils eine halbe Sekunde weg, zauberte der Weltmeister in Japan um 12 Tausendstel eine Pole aus dem Hut. Doch das könnte es schon gewesen sein vom Magier. McLaren geht mit deutlich mehr Zuversicht - und mehr Feuerkraft - in das Rennen. Verstappen, so folgert der Favoritencheck, braucht doch einiges an Hilfe für den ersten Sieg.

McLaren hatte vor Verstappens Q3-Show alles angeführt, was man hatte anführen können. Alle drei Trainings. Q1. Q2. Oscar Piastri legte auch im ersten Umlauf von Q3 mit Streckenrekord vor. Dass Verstappen im zweiten Q3-Umlauf gleich mehrere Zehntel noch auszugraben vermochte und das Endergebnis dann Verstappen vor Norris vor Piastri lautete überraschte ihn genauso wie die Konkurrenz: "Nach diesem Wochenende muss man sagen, dass das sehr unerwartet kommt." Mehr zu Verstappens sensationeller Runde gibt es hier:

Doch es war nicht nur Verstappen im Alleingang, der Zeit verschwinden ließ. "Es war tatsächlich etwas besser heute", urteilte er nach dem Qualifying über die viel gescholtene Balance seines RB21. Red Bull hatte nach teilweise desaströsen Trainings das Setup vor dem Qualifying komplett umgebaut. Motorsport-Berater Dr. Helmut Marko erwähnte Renningenieur Gianpiero Lambiase lobend: "Er hat in die richtigen Dosen gegriffen."

Max Verstappens Pole-Sensation - Japan-Muster ohne Wert?

Doch bis zu einem gewissen Grad fürchtet Verstappen, dass die ganze Angelegenheit sozusagen wirklich ein billiger Zaubertrick ist, nichts mehr: "Mit wenig Sprit im Tank über eine Runde kannst du manche Dinge übertünchen." Schwierig wird es dann, wenn das Auto im Rennen bei so variablen Faktoren wie steigender Reifenabnutzung, drehendem Wind und sich leerenden Tanks trotzdem in jeder Runde, in jeder Kurve möglichst berechenbar bleiben muss.

Tut es das nicht, hat selbst ein Fahrer wie Verstappen Probleme damit, dass er am Limit der Haftung zu viel rutscht und dadurch die Reifen stärker verschleißt. Genau das sind die Probleme, die er relativ zu McLaren an den ersten beiden Wochenenden gehabt hatte. Dass der Japan-GP bei trockenen Bedingungen voraussichtlich eine Medium-Hard-Einstopp verlangt, kommt Red Bull nicht entgegen.

Denn Startstints auf weicheren Reifen scheinen bislang Gift für den RB21. Als Verstappen mit Intermediates in Australien und mit Medium im China-Sprint versucht hatte, mitzuhalten, verschlissen seine Reifen innerhalb von 15 Runden bis zu einem Punkt, wo seine Pace einbrach. Im Rennen in China nahm er zu Rennbeginn bewusst Tempo heraus, um das zu vermeiden - und fiel weit zurück, war selbst im Podiumskampf nur Außenseiter. Und grundsätzlich hat Red Bull in Japan nur sehr kleine Updates gebracht. Die Hoffnung auf einen Durchbruch hält sich also in Grenzen.

Ausgerechnet im Start-Stint ist es jedoch im Rennen von Japan sehr wahrscheinlich, dass es regnet. Ein bisschen Wasser als Zaubertrank? Eigentlich genau richtig für Regenmeister Max Verstappen, der seinen letzten Sieg 2024 in Brasilien eben genau unter solchen Bedingungen feierte. Jedoch ist die Wetterprognose nicht unbedingt das, was Verstappen braucht.

Sensations-Pole: Max Verstappen trotzt Red Bulls F1-Krise! (12:44 Min.)

Wem hilft Regen im Formel-1-Rennen von Japan wirklich?

Regen am Vormittag gilt als gesichert. Bis zum Start der Formel 1 fällt die Regenwahrscheinlichkeit - Stand Samstag - auf 60 Prozent, und innerhalb der ersten Stunde sollte es dann endgültig aufhören. Das würde ein ähnliches Szenario schaffen wie in Australien. Und bei abtrocknender Strecke konnte der McLaren sein überlegenes Reifenmanagement mit dem Intermediate dabei perfekt ausspielen.

"Unsere Pace war dieses Jahr bei allen Bedingungen gut, und ich nehme alles, was kommt", so etwa der von Platz drei startende Oscar Piastri. Er und der zweitplatzierte Lando Norris haben schließlich auch keinen langen Weg zu Verstappen, der vorne als Einzelkämpfer agieren muss. Yuki Tsunoda steht im zweiten Red Bull nur auf P14 und ist strategisch keine Hilfe.

Wie genau sich der Regen auswirkt ist jedoch schwer einzuschätzen. In Japan verschlissen Intermediates auf abtrocknender Strecke in den vergangenen Jahren im ersten Sektor brutal. 2025 ist genau dieser Bereich neu asphaltiert, und der neue Asphalt ist sehr glatt. Und auch wenn es im Rennen selbst komplett trocken bleibt, könnte der Regen am Vormittag eine kritische Rolle spielen, indem er den Gummiabrieb der letzten Tage wieder vom Asphalt wäscht und das Grip-Niveau dadurch senkt.

Auf so einer "grünen" Strecke könnte plötzlich wieder stärkeres Graining auftreten, was bislang an diesem Wochenende eigentlich nur im ersten Training ein Problem gewesen war. Dann, so überlegt Pirelli, könnte das Rennen plötzlich zu einer Zweistopp-Angelegenheit werden. Trotzdem wären die McLaren in allen Szenarien auf dem Papier Favoriten. Aus der Spitzengruppe hat übrigens nur Norris zweimal Hard und einmal Medium in der Garage. Beim Rest ist es umgekehrt.

Sieg-Kandidaten außer McLaren & Verstappen? So steht es um Ferrari & Russell

Stärkeres Graining könnte Piastri entgegenkommen, der kam damit in China besser zurecht. Abgesehen davon war Norris in Japan insgesamt bislang minimal besser aussortiert, aber die beiden schenken sich nach wie vor nichts. Sie bleiben die Favoriten, Verstappen ihr erster Gegner außerhalb des Teams. Hinter dem Trio wird es in Japan etwas dünn.

Charles Leclerc stellte einen hier wenig beeindruckenden Ferrari mit einer Glanzleistung in die zweite Startreihe neben Piastri. "Ich habe viel in Sachen Rennpace geändert und fühle mich gut im Auto", urteilt er danach, zweifelt an seinen Chancen relativ zur Spitze: "Ich glaube, wir sind eher noch ein bisschen hinter Mercedes." Der nur achtplatzierte Lewis Hamilton schätzte, dass sein Teamkollege im Qualifying eher mehr als realistisch möglich aus dem Auto geholt hätte.

Wo war denn eigentlich Mercedes? George Russell gab nach einem enttäuschenden fünften Platz einer Fehleinschätzung bei der Reifenvorbereitung für den finalen Q3-Versuch die Schuld. Trotz zu dem Zeitpunkt immer weiter fallender Temperaturen ging er es langsam an, hatte dann keinen Grip. Jetzt wird es schwierig für Russell. Zwar hatte er im 1. Training einen ähnlichen Longrun gefahren wie McLaren - war aber hintenraus schon eingebrochen. In Sachen Sieg bleibt er daher auch hier Außenseiter.