Nach den Bremsproblemen bei den Tests und dem katastrophalen Saisonstart in Bahrain, schien McLaren sich wieder als vierte Kraft in der Formel 1 zu rehabilitieren. In Imola gelang Lando Norris sogar das bisher einzige Podium eines Fahrers, der nicht in einem Red Bull, Ferrari oder Mercedes sitzt. Dieser positive Trend scheint sich in den letzten Rennen jedoch wieder umgekehrt zu haben und in Kanada erlebte das Team ein auf allen Ebenen schwaches Wochenende. Am Ende stand ein elfter Rang für Daniel Ricciardo und Platz 15 für Lando Norris zu buche.

Norris zog ein ernüchterndes Fazit: "Das Auto ist nicht gut genug. Wir sind nicht da, wo wir sein wollten. Wir müssen weiter hart arbeiten und viele Dinge ausprobieren. Manchmal sehen wir gut aus, aber es ist nie die wirkliche Pace, sondern vielmehr Glück. Ein Tag wie heute, an dem wir das Glück nicht auf unserer Seite haben, zeigt auf, wo wir wirklich sind."

Teamchef Andreas Seidl sind die Fortschritte der Konkurrenz im Vergleich zur Truppe aus Woking nicht entgangen. "Wenn man sich die letzten beiden Rennen ansieht, dann gibt es definitiv einen Trend, dass wir zurückfallen, vor allem gegenüber Alpine. Auch einige andere Autos zeigen sich verbessert, so wie die Aston Martins am Freitag. Wir müssen uns also in allen Bereichen verbessern um in diesem Kampf um Platz vier zu bleiben", warnte der Bayer vor dem drohenden Rückfall in der WM-Tabelle.

Hoffnung auf schnelle Besserung vor dem Heimrennen in Silverstone konnte der McLaren-Boss den Fans nicht machen: "Es gibt momentan keine Pläne für größere Updates. Das hat mehrere Gründe, unter anderem die Budgetobergrenze. Das ist also, wo wir momentan stehen."

Norris mit Katastrophenstopp: Keine Ahnung, was da los war

Lando Norris erlebte im Kanada GP einen Tag zum Vergessen: "Heute ist wirklich alles schiefgelaufen. Es gibt nichts Positives zu berichten." Neben mangelnder Pace seines Dienstfahrzeuges erlebte der junge Brite beim Boxenstopp in der Safety-Car-Phase in Runde 49 ein Debakel. Die McLaren-Crew fertigte beide Wagen hintereinander ab. Norris war der zweite Pilot, doch bei seinem Stopp herrschte Chaos. "Ich habe keine Ahnung was da los war. Ich habe nur das gesehen, was ihr alle auch gesehen habt. Wir hatten zuerst die falschen Reifen und dann gar keine Reifen, also keine Ahnung", war der Pilot selbst nach dem Rennen noch ratlos.

Bei McLarens Boxenstopps lief es in Montreal alles andere als rund -, Foto: LAT Images
Bei McLarens Boxenstopps lief es in Montreal alles andere als rund -, Foto: LAT Images

Auch dem zuvor abgefertigten Daniel Ricciardo war die Konfusion in der Boxengasse aufgefallen: "Auch mein Stopp war langsam. Es sah so aus, als herrschte etwas Verwirrung. Ich kam auf die letzte Schikane zu, also war es eine späte Entscheidung. Erst als ich wegfuhr, sah ich im Spiegel Lando und mir wurde klar, dass es ein Doppelstopp war." Der Australier wurde allerdings in noch annehmbaren 3,55 Sekunden von seiner Boxenmannschaft abgefertigt.

Warum genau bei Norris zunächst die richtigen Reifen fehlten und er fast 20 Sekunden vor der McLaren-Garage stand, wollte Teamchef Andreas Seidl nicht verraten: "Ich will hier nicht zu sehr ins Detail gehen, weil wir das erst intern ansehen müssen. Ein Kommunikationsfehler innerhalb des Teams hat die Verzögerungen beim Boxenstopp verursacht."

Probleme begannen schon im Qualifying

Das Boxenstopp-Desaster war nur eine Episode eines schlechten Wochenendes. Schon im Qualifying fingen die Probleme an, als der MCL36 von Norris im Q2 hängen blieb. "An Landos Auto gab es am Samstag ein Problem mit einem Sensor, das Leistungsverlust aufgrund von Fehlzündungen nach sich zog", erklärte Andreas Seidl. Norris Teamkollege Daniel Ricciardo schaffte es als neunter der Qualifikation immerhin noch ins Q3. Dabei profitierte er jedoch auch davon, dass Perez im Red Bull verunfallte und Charles Leclerc im Ferrari aufgrund seiner Motorenstrafe im Q2 nicht mehr ausrückte.

Lando Norris musste aufgrund eines Sensorfehlers schon in Q2 die Segel streichen -, Foto: LAT Images
Lando Norris musste aufgrund eines Sensorfehlers schon in Q2 die Segel streichen -, Foto: LAT Images

Auch im Rennen ging es für die McLaren nicht nach vorne. Die Pace des Autos ließ keinen Angriff zu. "Es war eines dieser Rennen, in denen ich phasenweise einfach nur dranbleiben konnte. Es gab einige DRS-Züge und ich konnte nur gerade so dabeibleiben. Mir sind zwei Überholmanöver in der letzten Schikane gelungen, aber das war gegen Autos auf alten Reifen", berichtete Daniel Ricciardo über seinen Arbeitstag.

Bremsen schonen, statt Schlussoffensive bei McLaren

Da das Safetycar das Feld zusammenschob, hätte es durchaus noch Gelegenheit für einen Angriff mit frischen Reifen gegeben. Doch bei beiden Piloten des Traditionsrennstalls blieb die Schlussoffensive aus. Daniel Ricciardo verlor sogar noch einen Platz an Lance Stroll im Aston Martin und blieb damit wie Norris Punktelos. Der Brite war nach seinem verkorksten Stopp hinter den Williams von Nicholas Latifi zurückgefallen: "Als ich hinter dem Williams festhing war es unmöglich zu überholen. Sie sind die Schnellsten auf der Geraden und wir sind vermutlich die Langsamsten. Wir konnten nichts machen."

Andreas Seidl nahm auch Norris' australischen Teamkollegen, der nicht unter dem Boxenstopp-Debakel litt, in Schutz: "Am Ende des Rennens mussten wir an beiden Autos auf einige Parameter aufpassen, unter anderem auf die Bremsen. Daher war es für Daniel nicht möglich die Pace zu erhöhen und anzugreifen." Knappe zwei Wochen hat McLaren nun Zeit sich auf das Heimspiel in Silverstone vorzubereiten, um eine erneute Nullnummer zu verhindern.