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Formel 1

Formel 1 Sotschi 2021: 7 Schlüsselfaktoren zum Rennen

Der Russland-GP der Formel 1 bietet heute eine höchst ungewöhnliche Ausgangslage. Schlägt Mercedes zurück? Was geht für Verstappen? Die Schlüsselfaktoren.
von Jonas Fehling

1. - S wie Startaufstellung

Eine so ungewöhnliche Ausgangslage wie heute in Sotschi lieferte nicht einmal der Belgien-GP in Spa. Beim Großen Preis von Russland (Start heute 14 Uhr, live bei Sky) belegt keiner der üblichen Favoriten in der Formel 1 die vorderen Ränge in der Startaufstellung. Das allein wird dem Rennen eine besondere Note verleihen. Im feuchten Qualifying sicherte sich auf abtrocknender Strecke Lando Norris die erste Pole Position seiner Karriere. Neben dem McLaren-Fahrer qualifizierte sich Ex-Teamkollege Carlos Sainz für den zweiten Startplatz.

Hinter dem Ferrari geht es überraschend weiter - mit George Russell im Williams. Erst auf Platz vier folgt als letzter Brite Weltmeister Lewis Hamilton. Noch vor Mercedes-Teamkollege Valtteri Bottas reihen sich Daniel Ricciardo und Fernando Alonso in der dritten Startreihe ein, hinter dem Finnen komplettieren Lance Stroll, Sergio Perez und Esteban Ocon die Top-10.

Sebastian Vettel verpasste die erste Hälfte der Startaufstellung in Sotschi um fünf Hundertstelsekunden denkbar knapp. Mick Schumacher startet ungewohnt weit vorne auf Platz 15. Grund dafür sind gleich drei Strafversetzungen wegen Motorenwechseln [Stand Samstagabend, siehe 5. - S wie Strafen]. Am Ende des Feldes reihen sich deshalb Nicholas Latifi und mit Charles Leclerc und Max Verstappen ganz hinten zwei eigentlich sehr viel schnellere Fahrer ein.

2. - S wie Start

Mindestens genauso speziell, aber in Sotschi gewohnt, ist beim Russland-GP die Startphase. Über sage und schreibe 890 Meter erstreckt sich auf dem 5,848 Kilometer langen Sochi Autodrom der Weg von der Pole Position bis zum ersten Bremspunkt für Kurve zwei. Der leichte Rechtsknick davor zählt zwar als Kurve, geht auf trockener Strecke [Wetterprognose siehe 6. - S wie Schauer] allerdings spielend leicht voll.

Dieser lange Anlauf bringt vor allem eines mit sich: jede Menge Gelegenheit für Attacken aus dem Windschatten. Nicht umsonst ärgerte sich Lando Norris nach dem Qualifying geradezu, seine erste Pole in der Formel 1 ausgerechnet in Sotschi erzielt zu haben. "Das ist der einzige Ort, an dem du nicht gerne auf der Pole stehen möchtest, mit dem weiten Weg bis Kurve eins", klagte der Brite.

Insbesondere der Drittplatzierte im Grid, diesmal George Russell, konnte bei den vorherigen Ausgaben des Russland-GP davon schon häufiger erheblich profitieren. Sebastian Vettel vor zwei Jahren oder Valtteri Bottas im Vorjahr schossen mindestens vorübergehend in Führung. "Ich wäre nicht überrascht, wenn George das Rennen nach Kurve drei anführt", sagte angesichts dieser Lehren Mercedes-Teamchef Toto Wolff. "Der beste Startplatz ist wohl Platz drei."

Platz zwei hingegen birgt gleich doppelt Probleme. Kein direkter Windschatten, noch dazu befindet sich diese Seite nicht auf der Ideallinie. Deshalb war auch Carlos Sainz trotz Reihe eins nicht vollends zufrieden. "Die dreckige Seite bestraft dich hier. Da muss ich meine Hausaufgaben machen, um nicht zu viel zu verlieren", sagte der Spanier. Immerhin der Starkregen am Samstag sollte auch die Rennlinie etwas vom Gummi befreit haben. Auch Hamilton - zusätzlich mit viel Windschatten-Gelegenheiten vor ihm - kann darauf hoffen.

2019 fuhr Sebastian Vettel in Sotschi am Start von P3 auf P1 - Foto: LAT Images

Doch noch dazu ist Sainz im Nachteil des etwas schwächeren Ferrari-Antriebs. Um den 27-Jährigen herum stehen ausschließlich Fahrer mit Mercedes-Power. Sainz: "Da brauchst du einen Windschatten, sonst wird der Weg bis Kurve eins lang."

3. - S wie Strategie

Ist der Start erst überstanden, stehen die Chancen des sensationellen Führungstrios in der Startaufstellung, ihre Positionen länger verteidigen zu können, als man mit einem Mercedes im Heck erwarten sollte, besser als auf dem Gros der Strecken. In Sotschi lässt sich trotz der langen Geraden nicht besonders leicht überholen. Erst recht keinen McLaren oder Williams - beide sind bei den Topspeed-Werten exzellent. Deshalb können sowohl Hamilton als auch Bottas, aber auch Verstappen und Perez auf ihre Strategen angewiesen, um mit einem cleveren Stopp in frische Luft zu kommen und im Fernduell den Unterschied zu machen.

Die ganz großen Gelegenheiten bietet Sotschi dafür allerdings nicht. Mit 415 Metern ist die Boxengasse lang, noch dazu muss sie mit nur 60 statt der gewohnten 80 Stundenkilometern durchfahren werden. Das kostet so viel Zeit (rund 25 Sekunden), dass Zweistoppstrategien nahezu ausgeschlossen sind. Auch wenn der einst so sanfte Asphalt des Sochi Autodroms die Reifen inzwischen deutlich mehr leiden lässt.

Pirelli rechnet daher ganz klar mit nur einem Stopp. Perfekt aufstellen können sich dafür alle Teams. Wegen des verregneten Qualifyings herrscht auch in den Top-10 die freie Reifenwahl. Pirelli rät zu einem Start auf Medium und einem zweiten Stint auf Hard. So verfüge man über die größte Flexibilität, etwa für ein Safety Car. Soft-Hard, zugunsten besserer Traktion am Start, soll auch denkbar sein. Bei Soft-Medium soll es in Sachen Verschleiß eng werden.

4. - S wie Safety Car

Der Rat der Italiener zu einem langen ersten Stint für längere Reaktionsfähigkeit kommt nicht von ungefähr. Die Safety-Car-Wahrscheinlichkeit ist in Sotschi hoch und liegt bei 80 Prozent - die nahen Leitplanken an vielen Stellen der Strecke haben eben Folgen.

Besonders in der Startrunde krachte es in Russland in den vergangenen Jahren häufig. Schon hier ein Safety Car zu nutzen hält Pirelli-Leiter Maria Isola allerdings für gewagt. Eine Strategie wie bei Nico Rosberg 2014 sei wegen des gealterten Asphalts und der weichsten Reifen des gesamten Sortiments unmöglich, so der Italiener schon am Freitag. Damals hatte sich Rosberg am Start einen Bremsplatten eingehandelt, stoppte sofort und beendete das Rennen mit einem 52 Runden langen Stint im überlegenen Mercedes auf Platz zwei.

5. - S wie Strafen

Hoffnung auf ein ähnliches Ergebnis macht sich Max Verstappen nicht einmal mehr. Der Niederländer sprach nach dem Qualifying davon, sich glücklich zu schätzen einfach so viele Punkte wie möglich mitzunehmen. Wegen eines vorzeitigen Motorenwechsels - der war bei Red Bull im Saisonverlauf früher oder später obligatorisch - startet der Niederländer heute von ganz hinten und muss sich durchs Feld pflügen. Einzig und allein darauf richtete Red Bull das Setup aus.

Im Training am Freitag fehlte es allerdings noch an Topspeed. "Ich kann nicht Überholen", klagte Verstappen da - obwohl er nur hinter dem Williams von Nicholas Latifi fuhr. Der steht im Grid nun unmittelbar vor Verstappen, daneben der ebenfalls bestrafte Charles Leclerc in einem zumindest nicht völlig unterlegenen Ferrari.

Hartes Brot also für den Niederländer? Gut möglich. Hier allerdings kann auch ohne einen verrückten Stopp schon in Runde eins strategisch etwas gehen. Pirelli jedenfalls wäre alles andere als überrascht, sollten Verstappen und Leclerc auf harten Reifen starten - um dann im Schlussspurt ein Feuerwerk auf Soft abzubrennen.

Zuletzt noch interessant: Bleibt es wirklich bei den drei Motorenstrafen gegen Leclerc, Verstappen und Latifi? Oder zieht Mercedes nach dem verwachsten Qualifying zumindest mit Bottas oder sogar mit Hamilton nach? Toto Wolff sprach nach dem Qualifying von strategischen Optionen für Bottas. Näher kommentieren wollte der Mercedes-Motorsportchef das allerdings nicht.

6. - S wie Schauer

All diese strategischen Überlegungen sind Makulatur, sollte es in Sotschi auch im Rennen regnen. Dann ist Chaos programmiert. Nach dem Stark- und Dauerregen des Samstags stehen die Zeichen aktuell [Stand Samstagabend] allerdings zumindest auf einen Sonntag, der maximal mit Schauern aufwartet. Gut 30 Prozent beträgt die Regenwahrscheinlichkeit zum Start. Ein kurzer Schauer allein wäre allerdings mehr als genug, um das Geschehen auf den Kopf zu stellen.

7. - S wie Sieger

Bleibt es in Sotschi trocken, so sind die Karten klar verteilt. Mercedes verfügt in Russland über das mit Abstand beste Paket an der Spitze. Red Bull scheint in Sachen Pace näher dran als gedacht, liegt mit den Startplätzen neun und 20 allerdings zu weit zurück, um realistisch in den Kampf um den Sieg eingreifen zu können.

Es sei denn die Herren Norris, Sainz und Russell halten Hamilton und Bottas lang genug in Schach. Stichwort Überholunfreundlichkeit. Das Trio jedenfalls ist samt und sonders heiß darauf, sich vor den Mercedes zu halten. "Mercedes ist weit hinter uns und bei den Red Bull ist es ähnlich. Ich glaube wir haben eine gute Pace, das Auto ist einer guten Position", sagte Norris. Selbst Russell im Williams sprach nach dem Qualifying offen von Hoffnungen auf ein Podium.

Seidl gab sich skeptischer. "Mercedes fährt in einer anderen Liga. Es wird sehr schwierig werden, Lewis abzuwehren, er ist nicht so weit weg", sagte der McLaren-Teamchef. Sainz weiß ebenfalls um die schwierige Aufgabe. "Sie sind hier mehr als eine halbe Sekunde bis eine Sekunde schneller als wir, ganz klar. Sie werden uns früher oder später unter Druck setzen", sagte der Spanier. "Wir müssen schauen, ob wir davor bleiben können. Das ist natürlich das Ziel!"

Vorteil des Trios: Anders als Hamilton haben sie nicht viel zu verlieren. Der Weltmeister will dennoch nicht zurückstecken. "Nur weil ich um die WM kämpfe, heißt das nicht, dass ich nicht hart fahre", sagte der Brite. "Du musst es einfach ausbalancieren und in der Vergangenheit war ich da relativ gut, denke ich. Mit der Balance Mit Risiken. Das sollte also okay sein."

Und Sotschi-Guru Bottas [zwei Siege und zwei zweite Plätze in der vergangenen vier Ausgaben, darunter ein an Hamilton abgetretener Sieg]? Der Finne glaubt trotz P7 noch immer fest an seine Siegchancen in Russland. "Ich glaube noch immer, dass wir um den Sieg kämpfen können. Bei der Pace, die wir gestern im Longrun hatten", sagte Bottas.


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