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Formel 1

Formel 1, Teamchefs bei den Stewards: FIA verbietet Lobbyarbeit

In Silverstone marschierte Mercedes-Teamchef Toto Wolff in der Rennpause zu den Stewards, um Lewis Hamilton zu verteidigen. Red Bull schimpft, FIA reagiert.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Der Unfall zwischen Lewis Hamilton und Max Verstappen beim Großen Preis von Großbritannien schlug bereits unmittelbar nach der folgenreichen Szene hohe Wellen. Noch am Boxenfunk zwischen FIA-Rennleiter Michael Masi und Red Bull bzw. Mercedes ging es in der folgenden Rennunterbrechung zügig heiß her. So hielt Red Bulls Teamchef Christian Horner dem Australier einen Vortrag, warum der Crash ganz klar auf Hamiltons Kappe gehe, auch Teammanager Jonathan Wheatley schaltete sich ein.

Bei Mercedes tat es ihm sein Pendant Ron Meadows gleich, ehe Teamchef Toto Wolff für den wohl kuriosesten Funkverkehr sorgte. Er habe Masi eine E-Mail geschrieben. Diese beinhaltete Skizzen aus FIA-internen Steward-Richtlinien, die Hamilton vor einer Strafe durch die Stewards bewahren sollten. An eben die verwies Masi den Mercedes-Leiter - wie zuvor schon Horner. Er sei der falsche Adressat, die Stewards würden bereits ermitteln.

Red Bull: Niemand sollte je zu den Stewards dürfen

An einem Punkt lud Masi Wolff dazu ein, er könne auch selbst hoch zu den Stewards gehen und ihnen sein Anliegen direkt schildern. Genau das setzte Wolff in die Tat um. Davon wiederum hörte Horner und marschierte daraufhin seinerseits zu den Stewards, aus Angst vor einer Einflussnahme Wolffs auf das Urteil und, um so ein Gegengewicht zu setzen.

Initiativ wäre Horner nicht zu den Stewards gegangen. Im Gegenteil: Wolffs Verhalten bezeichnete der Brite als inakzeptabel. "Ich denke nicht, dass man sich bei den Stewards einmischen sollte. Sie müssen einen freien Kopf haben, um diese Entscheidungen treffen zu können", erklärte Horner noch in Silverstone. "Ich bin zu den Stewards gegangen, weil ich gehört hatte, dass Toto da war und einen Fall vorstellt. Da willst du, dass es fair und ausgeglichen ist, aber ich denke nicht, dass es überhaupt jemandem erlaubt sein sollte, die Stewards zu sehen."

Mercedes: Wollten Regeleinhaltung sicherstellen

Mercedes verteidigte den eigenen Vorstoß damit, man habe schlicht sicherstellen wollen, dass die Regeln auch eingehalten würden - oder in diesem Fall eher gesagt die Richtlinien. "Wir hatten nach dem Vorfall Benken und wollten vor dem Restart sicherstellen, dass die Stewards die internen Richtlinien der FIA für Stewards zum Richtig und Falsch beim Überholen gelesen hatten und ihnen folgen", berichtete Chief Technical Officer James Allison. Für Mercedes sei Hamiltons Manöver nämlich vollständig von diesem Guide gedeckt gewesen.

Für Horner ein völlig unmöglicher Vorgang. Das betonte der Brite nun in einem Rückblick auf das Wochenende in Silverstone seines Teams erneut deutlich. Masi sei der Ansprechpartner für die Teams, leitete Horner diese Passage eines längeren Kommentars auf der Teamwebsite Red Bulls ein. "Ihm kannst du via Boxenfunk deinen Punkt klarmachen und er entscheidet dann, es an die Stewards weiterzuleiten oder nicht."

Masi schickt Wolff zu den Stewards

Genau hier wird es interessant. Masi gab noch im Funkverkehr mit Wolff an, seine Mails während des Rennens nicht abzurufen, er müsse sich auf das Geschehen konzentrieren. An die Stewards weitergeben - oder in diesem Fall weiterleiten - konnte der Australier das Anliegen Wolffs also nicht. Deshalb das Angebot, es doch selbst bei den Stewards zu versuchen.

Diesen direkten Kontakt von betroffenem Team zu den Formel-1-Richtern dürfe es allerdings nicht geben, kritisiert Horner. "Die Stewards sind - und waren immer - ein vollständig unabhängiges Organ und während der 16,5 Jahre, die ich Teamchef bin, bin ich nie mitten im Rennen oder in einer Session in den Raum der Stewards gegangen", so Horner.

Horner sieht Lobbyismus: Stewards müssen unabhängig sein

Was Wolff gemacht habe, sei ein wenig, wie eine Jury zu beeinflussen, die gerade dabei sei, ihr finales Urteil zu fällen. "Die Stewards sind weggeschlossen, um sicherzustellen, dass sie unabhängig von äußeren Einflüssen sind, damit sie ihre eigenen Schlüsse ziehen können", schreibt Horner. Auch er selbst habe nicht dort sein dürfen, so der Brite weiter. Horner: "Ich habe gehört, dass Toto die Stewards beeinflusst hat, also bin ich hoch, um sie zu sehen und habe den Punkt angeführt, dass keiner von uns dort sein sollte und es für niemanden angemessen sei, sich einzumischen während der Entscheidungsprozess noch läuft."

Das sei auch International Sporting Code der FIA so ausgeführt, so Horner. Dort heißt es etwa in Artikel 11.5 über diverse Offizielle, insbesondere auch Stewards, niemand dürfe ein finanzielles oder persönliches Interesse haben, das seine Fähigkeit beinträchtigen könne, seine Pflichten mit Integrität und auf unabhängige und gewissenhafte Weise auszuführen.

FIA verschärft Regeln: Steward-Besuch nur nach Freigabe

"Jetzt bin ich froh, dass die FIA klargestellt hat, dass diese Art der Lobbyarbeit in Zukunft nicht mehr toleriert wird, denn das kann die Stewards in eine Entscheidung drücken, die nicht ganz fair und unparteiisch ist", ergänzt Horner. Damit zielt der Brite auf einen gewissen Sinneswandel bei FIA-Rennleiter Michael Masi.

Noch am Sonntag hatte der Australier erklärt, er habe kein Problem damit Teamvertreter mit den Stewards sprechen zu sehen. "Wenn wir einen Vorfall haben, laden wir nach dem Rennen die Teams und Fahrer ein, vor den Stewards zu erscheinen", sagte Masi. Auch habe es erst im vergangenen Jahr in Monza einen Fall gegeben, in dem Hamilton in einer Rennunterbrechung mit den Stewards gesprochen habe. "In der Unterbrechung gibt es diese Möglichkeit. Es gibt keinen Grund, warum nicht", sagte Masi.

Inzwischen liegt die Sache, wie von Horner angedeutet, bereits anders. Masi hat die Teams darüber informiert, dass unaufgeforderte Besuche bei den Stewards in Zukunft nicht mehr toleriert werden. Zugang zu den Stewards werde für andere als die nötigen FIA-Offiziellen nur noch mit vorheriger Freigabe oder als Resultat einer Vorladung gewährt. Ersteres war in Silverstone, zumindest informell, allerdings ohnehin der Fall.

Bei Nichteinhaltung droht alles von Verwarnung bis hin zu Disqualifikation. Grundlage ist hier Artikel 12.2.1 des Sporting Code. Dort wird unter i) das Nichteinhalten der Instruktionen von Offiziellen als einer von vielen Punkten gelistet, die zu Strafen führen können.


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