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Formel 1 Portugal, Favoriten-Check: Vollgas-Krimi deluxe?

Der Portugal GP ist für Überraschungen gut. Warum ausgerechnet Pirellis Reifen-Angst für einen echten Krimi zwischen Mercedes und Red Bull sorgen könnte.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Portimao ist eine kuriose Strecke für die Formel 1. Der spezielle Asphalt, die zahlreichen Höhenunterschiede und Windböen sorgen immer wieder für Überraschungen. Für Valtteri Bottas gibt es beim Portugal GP 2021 deshalb Payback. Im vergangenen Jahr fuhr der Finne die schnellste Zeit der Qualifikation, startet aber nicht von Pole, weil er die Bestzeit im Q2 fuhr.

2021 fuhr Hamilton die schnellste Zeit - allerdings auch im Q2. Die schnellste Zeit im Q3 fuhr eigentlich Max Verstappen, die Runde wurde jedoch aufgrund von Tracklimits gestrichen. Und so darf Bottas heute von Pole starten, weil er die schnellste gültige Zeit im Q3 fuhr.

Verstappen im Qualifying eigentlich schneller

Wie diffizil Portugal für die Formel 1 ist, zeigte sich auch am letzten Versuch in Q3: Beide Mercedes-Piloten gingen auf den Medium-Reifen auf die finale Zeitenjagd. Verbessern konnten sich Bottas und Hamilton nicht, das lag aber wohl eher am stärkeren Wind. Noch immer weiß Mercedes nicht, welcher Reifen der schnellere war.

Nach den Tiefschlägen in Imola ist Bottas aber in Portimao wieder zurück. Sein Erfolgsgeheimnis: "Ich wusste, dass der Speed in den ersten beiden Rennen da war, aber mein größtes Problem war es, die Reifen auf Temperatur zu bringen. Darauf haben wir uns konzentriert und wir haben viel darüber gelernt." Die Outlaps, die Vorbereitung der Reifen sind in Portugal genauso wichtig wie die schnelle Runde selbst.

So ungewiss es ist, auf welchen Reifen Mercedes auf eine Runde am schnellsten war, so ungewiss ist auch das Kräfteverhältnis. Schließlich fuhr Verstappen im entscheidenden Moment eigentlich schneller. Dass Sergio Perez nur gut eine Zehntel langsamer war als der Niederländer ist ebenfalls ein Indiz dafür, dass Verstappen noch ein wenig schneller hätte fahren können.

Entsprechend schwierig sind Prognosen für das Rennen. Beide Mercedes und beide Red Bull starten auf den Medium-Reifen. Vor allem für Verstappen und Perez auf den Plätzen drei und vier könnte das zunächst gefährlich werden. Denn Carlos Sainz auf Platz fünf startet auf Soft.

Start: Red Bull droht Gefahr von hinten

Der Medium-Reifen ist aber deutlich schwieriger auf Temperatur zu bringen. Im Qualifying waren zwei Aufwärmrunden nötig. Die gibt es vor dem Rennen nicht. Als es im vergangenen Jahr am Rennstart leicht zu nieseln begann, wurde plötzlich das ganze Feld durcheinandergewürfelt, weil das Warmup der Medium-Pneus so schwierig war. "Das könnte die Anfangsphase knifflig machen", meint Mercedes Ingenieur Andrew Shovlin.

Sergio Perez spielt die Gefahr herunter: "Ich habe keine Angst davor. Und wenn, dann gehen ihnen die Soft-Reifen sehr schnell ein." Für Perez mag das keine Katastrophe sein, für Verstappen wäre es das schon. Schließlich muss er den Anschluss halten. Carlos Sainz und Esteban Ocon, die aus der dritten Reihe auf Soft starten, könnten für Red Bull zum Spielverderber werden.

Portugal: Strategischer Krimi Mercedes vs. Red Bull

Für Red Bull wäre es auch wichtig, Perez im Renen zu halten. Auch wenn der Portugal GP ein Einstopp-Rennen wird, wird es strategisch interessant. Dafür braucht Red Bull Perez. "Wir müssen unsere Strategie für morgen verstehen und herausfinden, welche Möglichkeiten sich uns bieten", kündigt Lewis Hamilton an.

Die Spitzengruppe muss beim voraussichtlich einzigen Boxenstopp zwischen Soft und Hard wählen. Beide sind echte Möglichkeiten, weil Verschleiß und Abnutzung auf dem glatten Asphalt extrem gering sind. Das führt gleichzeitig dazu, dass der Zeitpunkt des einzigen Stopps stark variieren kann. Das Gute daran: Pirellis konservative Reifenwahl. Die Fahrer verfluchen die drei härtesten Reifenmischungen auf eine Runde. Im Renntrimm bedeutet das allerdings weniger Reifenmanagement.

Das Boxenstopp-Fenster ist deshalb größer als üblich. Besonders aggressive Undercuts sind ebenso möglich wie ein Pokern auf VSC- oder Safety-Car-Phasen für einen Boxenstopp zum Nulltarif. Das könnte vor allem bei Mercedes auch teamintern für Verstimmung sorgen.

Mercedes im Rennen wieder stärker?

Schließlich ist Lewis Hamilton bekannt dafür, auf eine alternative Strategie setzten zu wollen, wenn er auf der Strecke keinen Weg vorbei findet. Eigentlich will Mercedes keinen Strategie-Poker zwischen den eigenen Piloten, Red Bull könnte die Silberpfeile aber dazu zwingen. "Morgen starten zwei Mercedes direkt vor zwei Red Bull, das sind gute Zutaten für ein schönes Rennen", meint auch Toto Wolff.

Die Longruns vom Freitag geben im engen Duell auch noch keine großen Hinweise. Bottas war auf seinem Medium-Run schneller als beide Red Bull. Die Bullen allerdings fuhren deutlich länger auf der mittleren Mischung. Hamiltons Run war deutlich langsamer, allerdings fand Mercedes auch Schäden an beiden Silberpfeilen.

Interessant ist aber, dass Mercedes an den ersten beiden Rennwochenenden im Qualifying größere Probleme hatte als im Rennen. In Imola verschenkte Verstappen die Pole mit einem Fehler. In Portugal war es nicht ganz so eindeutig. Setzt sich der Trend fort, ist Mercedes leichter Favorit für den Grand Prix.

Gestartet wird der Große Preis von Portugal am Sonntag um 15 Uhr Ortszeit, das entspricht 16 Uhr MESZ in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Fans verpassen im Live-Ticker von Motorsport-Magazin.com keine Entscheidung auf der Strecke oder können das Rennen im TV oder via Live-Stream (mit VPN überall) genießen.