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Formel 1, Bye-bye Trainingstag? Fahrer nach Nürburgring einig

Der Nürburgring und sein Eifelwetter geben der F1 eine Zukunftsvision. Improvisation und Action statt Routine. Die Fahrer wollen den Freitag loswerden.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Die Formel 1 wurde auf dem Nürburgring durch das Wetter in ein verkürztes Wochenende gezwungen. Regen und Nebel verhinderten die Trainings am Freitag. Das Zwei-Tage-Event bedeutete für die Fahrer am Samstag den Sprung ins kalte Wasser. Nicht zum ersten Mal gingen die Piloten ohne Anlauf ins Qualifying - und das Fazit fiel einmal mehr überwiegend positiv aus. Für viele ist es das Format der Zukunft.

"Ich denke nicht, dass wir am Freitag fahren müssen. Für mich ist das voll in Ordnung", kam Weltmeister Lewis Hamilton nach dem Zeittraining für den Eifel GP schnell auf den Punkt. Der Mercedes-Pilot fordert schon seit Jahren etwas Variation an den seit Dekaden immer gleichen Rennwochenenden. Traditionell werden in der Formel 1 am Freitag zwei Trainings über 90 Minuten abgehalten, gefolgt von einem weiteren über 60 Minuten am Samstagvormittag.

Einzig aufgrund von Wetterkapriolen, zumeist in der Taifunregion Suzuka, wurde die F1 hin und wieder zu neuen Ansätzen gezwungen. Das Management der Königsklasse nahm sich Hamiltons Denkansätze in der Coronavirus-Krise zu Herzen. Liberty Media nutzte den umgekrempelten Kalender, um einen Testlauf anzusetzen. Am letzten Oktoberwochenende gibt es für den Emilia Romagna GP in Imola planmäßig nur ein 90-minütiges Training am Samstag, gefolgt von Qualifying und Rennen.

Der Nürburgring kam der Traditionsrennstrecke in Italien durch sein Eifelwetter zuvor. "Ehrlich gesagt denke ich, dass wir an einem normalen Wochenende sowieso zu viel Training haben", sagt Pole-Sitter Valtteri Bottas gegenüber Motorsport-Magazin.com. Für ihn verliert die Formel 1 durch die ausufernden Testsessions an Reiz.

Nürburgring und Hülkenberg-Comeback liefern Argumente

"Mit all dem Training kriegst du all die Details richtig rein, am Freitag wird die ganze Nacht bis zur nächsten Session auf die Daten geschaut und alles über das Auto und den Fahrer gelernt", so der Finne, dem die Improvisation mehr Spaß bereitet. "Ich habe es immer gemocht, die Nuancen schnell zu erlernen. Seit ich klein war bin ich bei Schnee, Eis, allen möglichen Bedingungen gefahren und fand es immer interessant, schnell auf Pace zu kommen."

Im 3. Freien Training reichte das Pensum von 23 Runden für Daniel Ricciardo und Alexander Albon bis hin zu 30 Runden beim fleißigsten Fahrer, Williams-Youngster George Russell. Die einzige Ausnahme war Nico Hülkenberg, der erst zum Qualifying als Ersatz für den erkrankten Lance Stroll am Nürburgring war und folglich ohne eine einzige Runde zur Vorbereitung in den Ernstfall geschickt wurde.

"Ich musste nachdenken, denn so ganz ohne Vorbereitung ist es keine einfache Geschichte. Aber am Ende bin ich Rennfahrer, Profi und es ist mein Job. So eine Möglichkeit muss ich beim Schopf packen", so der Deutsche angesichts dieses Kaltstarts. Im Qualifying landete er auf dem letzten Platz, neun Zehntelsekunden hinter Teamkollege Sergio Perez. Im FP3 wäre er mit seiner Rundenzeit immerhin 15. gewesen.

Formel-1-Fahrer kommen mit wenig Training klar

Für jemanden, der innerhalb der letzten zehn Monate nur fünf Tage in einem Formel-1-Auto saß, war Hülkenbergs Vorstellung in jedem Fall eine stramme Leistung - und in gewisser Weise ein Beleg dafür, dass die Trainingssessions am Rennwochenende für die Fahrer ohnehin überflüssig sind. "Ich bin mir sicher, dass jeder Fahrer in der Formel 1 enorm talentiert und anpassungsfähig ist, und bei unterschiedlichen Bedingungen mit jeder Kurve und jeder Runde dazulernt", so Bottas.

Darüber hinaus hat sich in der Formel 1 mit der vielen Trainingszeit auch eine Art Arbeitsblindheit eingeschlichen. "Wenn du so viel Zeit hast, nimmst du dir natürlich auch mehr Zeit, um reinzukommen", so Verstappen. "Wenn du weißt, dass du nur eine Session hast, bist du viel schneller bei der Sache. Das ist ganz anders, als du des normalerweise zu Beginn eines FP1 handhabst."

Ferrari-Pilot Charles Leclerc schien sich angesichts von Platz vier im Qualifying ebenfalls besonders wohl zu fühlen, wenn Nägel mit Köpfen gemacht werden. "Mir hat das ziemlich gut gefallen. Normalerweise haben die Fahrer in den drei Trainings so viel Zeit, sich an die Strecke anzupassen und all die Daten zu analysieren. Ich mag es, nur ein Training zu haben. Es ist einfach besser", so der Monegasse.

An einem normalen Wochenende wäre die zweite Startreihe für ihn vielleicht nicht drin gewesen. Wenn die Ingenieure an der Rennstrecke und in den heimischen Fabriken loslegen, Simulatorfahrer die ganze Nacht unterschiedliche Setups auf Herz und Nieren testen, schwindet der Vorteil eines Fahrers mit schneller Auffassungsgabe.

Formel 1, Hintergründe zum Blitz-Comeback von Nico Hülkenberg!: (09:44 Min.)

Teams müssen Wochenende neu erlernen

"Wir würden sicherlich noch etwas schnellere Zeiten fahren", glaubt Max Verstappen im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com, dass die Fahrer ihre Möglichkeiten auf dem Nürburgring aufgrund der kürzeren Trainingszeit nicht ganz ausgeschöpft haben. McLaren-Fahrer Lando Norris wird bei der Nachfrage noch etwas präziser. "Es ist schwer zu sagen, aber zwei bis drei Zehntel, oder vielleicht auch vier", so die Einschätzung des Briten.

Doch was, wenn nicht der Fahrer sondern das Auto der limitierende Faktor ist? Bei AlphaTauri fühlte man sich durch das fehlende Training in der Eifel benachteiligt. "Normalerweise machen wir über die ersten beiden Trainings hin zum FP3 gute Fortschritte. Ich denke, dass wir etwas darunter gelitten haben. Wir haben uns im dritten Training mit der Balance nicht wohlgefühlt", so Monza-Sieger Pierre Gasly.

Der Franzose und Teamkollege Daniil Kvyat verlor im Qualifying auf den Positionen 12 und 13 fast eine Sekunde auf die Spitze des Verfolgerfelds. "Ich konnte immer sofort ins Auto springen und war gleich da. Ich habe dafür nie viele Runden gebraucht", so der Russe, der über etwaige Defizite beim Setup hinwegsehen kann: "Es ist keine Zeit, eine perfekte Abstimmung zu finden. Du fährst mit dem was du hast und musst damit zurechtkommen."

Kompaktes Wochenende sportlich und wirtschaftlich positiv

Gasly würde das Zwei-Tage-Format trotz der Nachteile für sein Team gerne beibehalten. "Es übt mehr Druck auf uns aus, alles richtig zu machen. Du gehst mit den Änderungen, die du nach dem Training machst, blind ins Qualifying. Das ist eine schöne Herausforderung. Wir können es kompakter fassen. Ich mag es so und würde das in Zukunft gerne sehen", so der 24-Jährige.

AlphaTauri wurden unter diesen Voraussetzungen Defizite in der eigenen Organisation aufgezeigt, doch bei anderen Teams war die exzessive Setuparbeit in vielen Fällen reine Zeitverschwendung. "Manchmal bekommt man es sofort hin, manchmal nicht. Hin und wieder arbeitet man das ganze Wochenende und geht am Ende wieder in die Ausgangslage zurück", so Carlos Sainz gegenüber Motorsport-Magazin.com.

Ein weiteres Argument für die Verkürzung des Wochenendformats ist der immer weiter anwachsende Kalender der Formel 1. Ohne die Coronavirus-Krise wäre die Saison 2020 mit 22 Stationen die umfangreichste der Geschichte geworden. Durch die Anpassungen sind es zwar nur 17 Rennen, dafür gibt es vier Triple-Header.

"Es werden immer drei Tage sein, mit dem Medien-Tag am Freitag", so Ricciardo. "Wir können so die Möglichkeit schaffen, mehr Rennen zu fahren oder uns mehr Zeit für die Vorbereitungen aufs Wochenende geben. Manchmal fühlen sich die Wochenenden sehr endlos an. Nur auf coolen Rennstrecken wie Austin können wir es auch gerne auf fünf Tage machen."


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