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Formel 1, Silverstone Trainingsanalyse: Renault lebt gefährlich

Der Jubiläums-GP der F1 verspricht einen wilden Reifen-Poker. Weiche Pirellis in Silverstone der Strategie-Schlüssel. Mercedes Favorit, Renault geht Risiko.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Die Trainings der Formel 1 für den 70-Jahre-Jubiläums-GP in Silverstone wurden nicht nur von Mercedes dominiert. Pirelli bestimmte am Freitag mit seiner Reifenwahl für das zweite Rennen auf dem Highspeed-Kurs maßgeblich das Geschehen. Die noch weicheren Pneus machten die Longruns an einem heißen Sommertag zu einer kniffligen Aufgabe. Red Bull mit Max Verstappen zweite Kraft. Renault verfolgt aggressiven Ansatz bei Attacke auf die Spitze.

Der Kampfesmut der Franzosen manifestiert sich nicht nur an Daniel Ricciardos drittem Platz im 2. Freien Training. Der Australier landete mit acht Zehntelsekunden Rückstand auf Lewis Hamiltons Bestzeit hauchdünn vor Verstappen. Am Nachmittag fuhren Ricciardo und Teamkollege Esteban Ocon als einzige Piloten im Feld Longruns auf dem harten Reifen, und dieser dürfte am Sonntag von entscheidende Wichtigkeit sein.

Jedem Piloten stehen pro Wochenende nur zwei Sätze dieses Compounds zur Verfügung. "Ich verstehe nicht, warum Renault da schon einen harten verheizt hat, der fürs Rennen wertvoll sein könnte", sagt Red Bulls Motorsport-Berater Dr. Helmut Marko gegenüber Motorsport-Magazin.com. Pirellis Automobilsportchef Mario Isola wundert sich ebenfalls über diese Herangehensweise.

"Wir wissen alle, was Grosjean letztes Wochenende gemacht hat. Er ist 36 Runden auf dem C2 gefahren und der Reifen war total fertig, denn das ist zu viel. Wenn du eine Einstopp-Strategie in Erwägung ziehst, musst du mindestens 30 Runden auf dem C2 fahren und über 20 auf dem C3", so der Italiener, der fürchtet, dass Renault trotz der Probleme in der vergangenen Woche bei seiner Strategie ein hohes Risiko eingehen könnte.

Denn für das zweite Wochenende auf dem Silverstone Circuit wählte Pirelli noch weichere Reifen als beim Großbritannien GP. Die Formel 1 hielt trotz der Reifenschäden am letzten Sonntag an diesem Plan fest. Anstatt C1, C2 und C3 sind diesmal C2, C3 und C4 für die Mischungen Hard, Medium und Soft vorgesehen.

Formel 1 wollte weiche Reifen für die Show

"Das war keine Entscheidung von Pirelli sondern von der FIA und der Formel 1, um beim zweiten Rennen für mehr Action zu sorgen", erklärt Isola. "Sie hatten diese Anfrage schon für Österreich gestellt, aber da waren sie zu spät dran und wir konnten für das zweite Mal keine anderen Reifen bereitstellen. Aber es geht ihnen darum, ein Spannungselement in das zweite Wochenende zu bringen."

Aus Gründen der Spannung verzichtete die F1 auch darauf, im Dienste der Sicherheit beim Jubiläums-GP maximale Laufleistungen für die Compounds vorzugeben. "Die Möglichkeit, dass Teams unterschiedliche Strategien anwenden können, ist in der Formel 1 Teil der Show. Wenn wir eine maximale Rundenanzahl vorschreiben, werden alle Teams dieselbe Strategie planen und das ist nicht im Sinne der Unterhaltung", so Isola.

Renaults Ansatz lässt ihm nichts anderes übrig, als auf die Vernunft der Strategen zu hoffen: "Wenn sie den Reifen komplett abfahren liegt die Konstruktion frei und sie gehen ein hohes Risiko ein. Sie ist dann nicht mehr geschützt. Wenn sie das Risiko eingehen, werde ich sie nicht stoppen können. Ich kann schlecht auf die Rennstrecke springen und ein Auto anhalten. Ich hoffe, sie handeln mit dem Wissen vom letzten Sonntag verantwortungsbewusst und überschreiten die Grenzen nicht."

Formel 1, Silverstone-Training: Longruns auf Hard-Reifen (C2)

Fahrer Ø Rundenzeit Rückstand Reifenalter
Daniel Ricciardo 1:32.596 25 Runden
Esteban Ocon 1:32.696 + 0.100 14 Runden

Pirelli rät vom Soft-Reifen für das Rennen ab

Für den Rennsonntag sind Temperaturen von bis zu 30 Grad Celsius vorhergesagt, was sich mit den Bedingungen des Trainingsfreitags deckt. In den zwei Sessions über 90 Minuten wurden Teams und Fahrern das von der Formel 1 gewollte Spannungselement recht deutlich vor Augen geführt. Der Soft-Compound erwies sich schon auf einer Runde langsamer als die Medium-Mischung. Letztere führte Hamilton zu seiner Bestzeit im FP2, bei der er anderthalb Zehntelsekunden schneller als Bottas auf dem Soft-Reifen fuhr.

Immerhin wagten sich acht Fahrer auf dem hoffnungslos überforderten Reifen in den Longrun. Leclerc markierte mit einem Mittelwert von 1:32.742 Minuten relativ deutlich den Bestwert. Ferrari-Teamkollege Sebastian Vettel musste fast eine halbe Sekunde abreißen lassen. Danach liegen die Fahrer relativ eng zusammen. "Der C4 ist nicht wirklich ein Reifen für das Rennen", so Isola. Trotzdem schließt er nicht aus, dass jemand aus dem Mittelfeld im Qualifying den Reifen für eine Attacke auf die Top-10 nutzen könnte.

"Wenn jemand auf dem C4 startet, heißt das nicht, dass sein Rennen gelaufen ist. Er kann einen frühen Boxenstopp machen und dann zwei weitere Stopps jeweils für Hard machen", stellt er beim Einsatz des Softs eine Dreistopp-Strategie in Aussicht, die für Renault nicht mehr drin ist. "Deshalb haben die meisten Teams sich die harten Reifen auch für das Rennen aufgehoben." Die schnellste Variante ist dieser Dreistopper aber ohnehin nicht.

Formel 1, Silverstone-Training: Longruns auf Soft-Reifen (C4)

Fahrer Ø Rundenzeit Rückstand Reifenalter
Charles Leclerc 1:32.742 12 Runden
Sebastian Vettel 1:33.175 + 0.433 16 Runden
Daniil Kvyat 1:33.409 + 0.667 14 Runden
Alexander Albon 1:33.439 + 0.696 11 Runden
Kimi Räikkönen 1:33.454 + 0.712 12 Runden
Carlos Sainz 1:33.493 + 0.751 14 Runden
Pierre Gasly 1:33.727 + 0.985 16 Runden
Lando Norris 1:34.230 + 1.487 15 Runden

Medium schnellster Reifen, Mercedes vorne

Doch ein erster Stint auf Soft würde aller Wahrscheinlichkeit nicht lange dauern. Nicht nur, dass der Medium-Reifen schon auf eine Runde keinerlei Nachteile mit sich bringt. Im Rennen ist der C3 deutlich schneller, wie Vettel zeigte. Eine halbe Sekunde nahm er Leclercs Soft-Longrun auf dem härteren Reifen ab. Dieser Wert deckt sich mit dem von Pirelli ausgegebenen Delta von 0,5 bis 0,6 Sekunden zwischen C3 und C4.

Die Favoriten konzentrierten sich bei ihrer Arbeit für das Rennen ausschließlich auf Medium. Bottas fuhr mit 1:32.227 Minuten im Mittelwert die schnellsten Zeiten. Verstappen und Hamilton folgten in Schlagdistanz. Da von ihnen niemand einen Longrun auf Hard fuhr und Renault nicht auf Medium unterwegs war, ließ sich das vom Reifenhersteller berechnete Delta von 0,7 Sekunden nicht bestätigen.

In der Vorwoche war der C3 noch als Soft im Einsatz. Bei ähnlichen Bedingungen zeigte sich erneut Blasenbildung, welche durch die für das Event angehobenen Reifendrücke auf vorne 27 und hinten 22 PSI verstärkt wurde. Durch die höheren Drücke wurde die Auflagefläche des Reifens weiter verringert. Darüber hinaus besteht ein höheres Risiko der Überhitzung.

Isola erwartet nicht, dass der Medium-Reifen im Rennen länger als nötig gefahren wird. "Von den Fahrern ist mehr Management gefordert, was in solch einer Situation mit weichen Reifen auf einem Highspeed-Kurs wie Silverstone normal ist", sagt er. Der Wechsel auf Hard lohnt sich bei der von Pirelli als schnellste Variante ausgegebenen Zweistopp-Strategie deshalb umso mehr: "Der Reifenabbau ist ziemlich hoch. Der Undercut wird also noch stärker als normalerweise sein."

Formel 1, Silverstone-Training: Longruns auf Medium-Reifen (C3)

Fahrer Ø Rundenzeit Rückstand Reifenalter
Valtteri Bottas 1:31.227 15 Runden
Max Verstappen 1:31.461 + 0.234 12 Runden
Lewis Hamilton 1:31.589 + 0.362 16 Runden
Sebastian Vettel 1:32.160 + 0.933 13 Runden
Nico Hülkenberg 1:32.278 + 1.051 18 Runden
Daniil Kvyat 1:32.424 + 1.197 18 Runden
Alexander Albon 1:32.513 + 1.286 13 Runden
Pierre Gasly 1:32.550 + 1.323 14 Runden
Lance Stroll 1:32.556 + 1.329 12 Runden
Charles Leclerc 1:32.903 + 1.676 19 Runden
Nicholas Latifi 1:32.976 + 1.749 21 Runden
George Russell 1:33.130 + 1.903 24 Runden
Antonio Giovinazzi 1:33.130 + 1.903 13 Runden
Romain Grosjean 1:33.558 + 2.331 20 Runden
Kimi Räikkönen 1:33.567 + 2.340 9 Runden
Kevin Magnussen 1:33.786 + 2.559 19 Runden

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