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Formel 1: Die Hintergründe zum Kopie-Protest gegen Racing Point

Racing Point steht am Pranger, den letztjährigen Mercedes kopiert zu haben. Der Renault-Protest hat es in sich. Die Hintergründe zum Technik-Skandal.
von Christian Menath

Der Protest von Renault gegen Racing Point rüttelt die Formel 1 wach: Es geht nicht nur um Legalität oder Illegalität des RP20, es geht um eine prinzipielle Frage: Wie viel Kopie darf sein und vor allem wie darf kopiert werden?

Kopieren an sich ist in der Formel 1 nicht verboten. Seit jeher schauen sich Ingenieure von anderen Ingenieuren Ideen ab. Meist geht es dabei um Detaillösungen oder konzeptionelle Kopien. Racing Point hat nun alles zusammengefügt und ein komplettes Auto in allen Details nachgebaut.

Die Frage ist nur, wie hat Racing Point den letztjährigen Mercedes nachgebaut? Es ist kein Geheimnis, dass sich die beiden Rennställe nahestehen. Racing Point kauft bei Mercedes nicht nur Motoren und Getriebe, sondern inzwischen auch immer mehr Aufhängungsteile.

Racing Point nutzt Mercedes-Windkanal

Seit kurzem nutzt Racing Point auch den Windkanal des Weltmeisterteams in Brackley. Und plötzlich präsentiert der Rennstall mit dem RP20 2020 eine perfekte Kopie des Mercedes F1 W10 aus der Saison 2019. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt?

Die Ähnlichkeit zum Mercedes der Formel-1-Saison 2019 ist verblüffend - Foto: LAT Images

Wie haben die Ingenieure aus Silverstone ihre Kollegen aus Brackley kopiert? Racing Point verweist auf legale Spionage. Die FIA untersuchte die verblüffende Ähnlichkeit schon zu Beginn des Jahres. Racing Point hatte tausende Fotos des F1 W10 vorliegen, nach denen die Kopien angefertigt wurden.

Fotos alleine würden als Beweismittel natürlich nicht genügen. Die FIA-Kontrolleure schauten sich auch die Konstruktionswege und Fertigungswerkzeuge an. Aus den CAD-Daten soll klar hervorgegangen sein, dass die Designer mehrere Iterationen brauchten, um von der Foto-Kopie zu ihrer letztlichen Version zu kommen.

Wie kopiert Racing Point?

Kritiker sagen, eine so exakte Kopie wäre nur aus Bildmaterial nicht möglich. Sie sagen, Racing Point muss Daten oder Know-how direkt von Mercedes erhalten haben. Das wäre laut Reglement nicht erlaubt. Das Outsourcing von Entwicklung und Fertigung der 'Listed Parts' ist zwar erlaubt, Haas lässt sein Monocoque schließlich auch bei Dallara bauen. Allerdings darf der Auftragnehmer kein Konkurrent sein. Genau das wäre Mercedes aus Sicht von Racing Point.

Wie hat Racing Point also kopiert? Genau darum geht es in dem Protest. In Anhang 6 des Sportlichen Reglements - besser bekannt als 'Listed Parts Artikel' - wird genau definiert, welche Teile ein Rennstall selbst bauen muss. Bis 2019 umfasste diese Liste genau folgende vier Punkte:

  • Monocoque
  • Vordere Crash-Struktur
  • Überrollstruktur
  • Bodywork

2020 kam zu dieser Liste noch ein entscheidendes Element hinzu: Die Bremsbelüftungen. Bremsbelüftungen sind seit jeher ein schwieriger Fall im Reglement. Ihre primäre Aufgabe sollte es sein, die Bremsen mit Kühlluft zu versorgen. Die Teams haben den vom Reglement gegebenen Freiraum aber in den letzten Jahren immer mehr dazu genutzt, Aerodynamik-Elemente an die Innenseite der Radträger zu schrauben.

Auch wenn das Reglement an dieser Stelle zuletzt etwas restriktiver formuliert wurde, Bremsbelüftungen sind noch immer ein Grenzfall zwischen Bodywork und Bremskühlung. Genau aus diesem Grund wurden die Bremsbelüftungen auch in die 'Listed Parts' aufgenommen.

Renault-Protest durchdacht

Der Renault-Protest ist deshalb sehr clever gewählt. Als Racing Point 2019 den RP20 entwickelte, waren die Bremsbelüftungen noch nicht gelistet. Das geschah erst mit dem 2020er Reglement. Ein Protest gegen das gesamte Auto wäre wohl nicht von Erfolg gekrönt gewesen - auch weil die FIA bereits untersucht hatte.

Renault musste sich ein bestimmtes Bauteil heraussuchen und hat das mit den Bremsbelüftungen sehr geschickt getan. Auch, weil die Belüftung mehr ist, als nur eine Öffnung. Wie genau die Kanäle nach dem Einlass verlaufen, ist auf Bildern nicht unbedingt ersichtlich.

Mit Marcin Budkowski verpflichtete Renault Anfang 2018 einen hochrangigen FIA-Mitarbeiter. Der Pole war Technik-Chef des Automobilweltverbandes und ist direkter Vorgänger von Nikolas Tombazis. Budkowski wusste genau, worauf es beim Protest ankommt.

Deshalb mussten die Stewards den Protest auch zulassen und die entsprechenden Teile konfiszieren. Die Entscheidung wird aber auf sich warten lassen: Zunächst wurde Racing Point ein Zeitfenster zugestanden, in dem es zu den Vorwürfen Stellung nehmen darf. Das kann dauern: Renault arbeitete wochenlang an dem rund 40-seitigen Protest.

Ist Mercedes in die Kopie involviert?

Das prekäre an dem Protest: Es geht nicht nur um Renault und Racing Point. Sollten die Stewards feststellen, dass sich die Bremsbelüftungen nahezu gleichen und der Konstruktionsweg nicht nachvollziehbar ist, hat auch Mercedes ein Problem.

Mercedes hat bereits zugesichert, die Bremsbelüftungen des F1 W10 für Vergleichszwecke zur Verfügung zu stellen. Die Technik-Experten der FIA werden für ihr Dossier, das sie für die Stewards anfertigen, auch mit Mercedes-Ingenieuren sprechen.

Wenn der Protest Erfolg hat, stellt sich die Frage, wie Racing Point an die Daten kommen konnte. Dann könnte es auch für Mercedes heikel werden. Der Fall ist hochpolitisch. Vor allem Renault und McLaren wollen auf keinen Fall, dass das Racing-Point-Modell Schule macht. Sie sehen nicht nur die DNA der Formel 1 in Gefahr, sondern vor allem ihr Geschäftsmodell.

Alpha Tauri will legale Red-Bull-Kopie

Renault und McLaren entwickeln das gesamte Chassis selbst und müssen dafür viel Geld investieren. Racing Point ist plötzlich mit deutlich geringerem Budget schneller. Red Bull steht auf Racing Points Seite: "Wir hoffen auf eine schnelle Klarstellung", so Dr. Helmut Marko.

Red Bulls Motorsportberater will eine Lockerung des Reglements. Statt mit Fotos und Nachbauten zu kopieren, fordert er: "Das kann man sich alles sparen. Man soll gleich die Unterlagen vom Hauptteam nehmen dürfen und so Kosten sparen."

Toro Rosso war mit diesem Modell 2008 so erfolgreich, dass die Formel 1 als Reaktion darauf die Listed Parts einführte, zunächst sogar deutlich strikter als in ihrer heutigen Form. Red Bull scharrt deshalb schon mit den Hufen: Sollte im Zuge des Protests eine Liberalisierung kommen, würde Alpha Tauri sofort damit beginnen, den Red Bull nachzubauen.


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