Wingman - so bezeichnete Toto Wolff Valtteri Bottas vor etwas mehr als einem Jahr in Ungarn. Offiziell gibt es im Formel-1-Team von Mercedes keine Nummer eins und keine Nummer zwei. Dass Lewis Hamilton im Zweifel der primus inter pares ist, ist aber ein offenes Geheimnis. In Singapur wurde das einmal mehr deutlich.

Auf dem Papier ist Mercedes-Kollege Bottas Hamiltons ärgster Konkurrent im WM-Kampf. Hamilton führt mit 296 Zählern vor Bottas mit 231. Charles Leclerc und Max Verstappen folgen mit je 200 Punkten auf Rang drei. In der Konstrukteurs-WM ist es entsprechend noch deutlicher: Hier steht es 527 zu 394 für Mercedes.

Und trotzdem sorgten die Silberpfeile in Singapur für einen kleinen Strategie-Eklat, und pfiffen Bottas im Rennen per Teamorder zurück - damit Lewis Hamilton vor ihm bleiben konnte. Was war passiert?

Der Start: Hamilton bleibt hinter Leclerc stecken

Zunächst einmal entwickelte sich das Rennen an der Spitze wie erwartet: Leclerc, von Pole gestartet, fuhr so langsam wie nur möglich, damit im Feld keine größeren Lücken entstanden. Hamilton von Rang zwei losgefahren und dort auch geblieben, fluchte bald am Funk: "Noch langsamer kann ich nicht fahren."

Doch überholen konnte der Weltmeister auch nicht. Auf dem Marina Bay Street Circuit herrscht quasi Überholverbot. Egal wie langsam Leclerc machte, Hamilton konnte nicht vorbeiziehen. Hamilton schlug deshalb schon in der Strategiebesprechung vor dem Rennen vor, einen Undercut zu versuchen.

"Ich meinte, dass ich das Risiko eingehen sollte, aber sie nicht", sagte Hamilton über seine Ingenieure. Tatsächlich tat sich im Rennen eine Chance dazu auf. In Runde 13 öffnete sich ein kleines Boxenstopp-Fenster zwischen Lance Stroll und Romain Grosjean. Hamilton wäre bei einem Stopp auf Rang 14 zurückgefallen und direkt vor Grosjean rausgekommen. Auf Stroll vor ihm hätte er rund fünf Sekunden Luft gehabt.

Formel 1 Singapur GP 2019 - Zwischenstand nach Runde 19

POSFahrerRückstand
1Leclerc
2Hamilton+ 1,054
3Vettel+ 3,577
4Verstappen+ 5,623
5Bottas+ 6,504
6Albon+ 8,521
7Norris+ 10,692
8Giovinazzi+ 13,320
9Gasly+ 18,801
10Ricciardo+ 19,594
11Stroll+ 20,764
12Grosjean+ 34,242

Das Problem: Mercedes verpasst Hamiltons Stopp-Fenster

Mercedes zögerte jetzt aber und holte Hamilton nicht zum Reifenwechsel rein. Stattdessen eröffneten Ferrari und Red Bull die Boxenstopps in Runde 19. Sebastian Vettel und Max Verstappen kamen genau in dem Fenster zwischen Stroll und Grosjean zurück und konnten ihre zunächst freie Fahrt nutzen. Eine Runde später kam auch Leclerc, der dadurch seine virtuelle Führung an Vettel verlor.

Hätte Mercedes jetzt reagiert und Hamilton gleichzeitig mit Leclerc zum Stopp geholt, hätte er mindestens die Position an Vettel verloren, womöglich auch schon Platz drei an Verstappen. Deshalb machte es keinen Sinn mehr, Hamilton sofort reinzuholen. Also ließ das Weltmeisterteam den Briten draußen.

Vettel musste sich in Singapur durch das Mittelfeld kämpfen -
Vettel musste sich in Singapur durch das Mittelfeld kämpfen -Foto: LAT Images

Die Überlegung war wie folgt: Ohne Leclerc konnte Hamilton nun an der Spitze sein eigenes Tempo fahren. Gleichzeitig würde das Führungstrio irgendwann auf Stroll und Co. aufschließen und Zeit verlieren. Dann könnte Hamilton möglicherweise mit einem Overcut an der Konkurrenz vorbei. Würde es ein Safety Car geben, wäre das der Jackpot, weil Hamilton bei seinem Stopp dann deutlich weniger Zeit verloren hätte und somit sicher in Führung gegangen wäre.

Das Scheitern: Zu viele Variablen laufen gegen Mercedes

Der Plan ging aus mehreren Gründen nicht auf. Das Safety Car kam erst viel später. Außerdem verlor Vettel im Verkehr kaum Zeit, weil er entschlossen überholte. Und Hamiltons Zeiten brachen schon nach wenigen Runden wieder ein.

Mercedes hatte sich verspekuliert. Statt den Undercut zu riskieren, der im Nachhinein perfekt aufgegangen wäre, entschied man sich für den Overcut, der nicht nur Platz drei, sondern auch viel Zeit kostete. "Wir haben heute am leeren Tor vorbeigeschossen, als wir den Undercut in Runde 19 verpasst haben", ärgerte sich Mercedes' Top-Ingenieur Andrew Shovlin.

Erst in Runde 26 hatte Mercedes ein Einsehen mit seinem Weltmeister und stoppte Hamilton. Der Brite kam als Boxenstopp-bereinigt Vierter zurück. Sebastian Vettel und Max Verstappen waren längst vorbeigegangen. Während er vor dem Stopp noch direkt vor Vettel lag, hatte er nun acht Sekunden Rückstand auf ihn.

Die Order: Hamilton droht Platz sechs - nur Bottas kann helfen

Doch der Mercedes-Aufreger hatte sich schon vor Hamiltons Stopp abgespielt. Nämlich als man Valtteri Bottas die Anweisung gegeben hatte, langsamer zu machen. Der Finne war in Runde 22 zu seinem Stopp gekommen. Im ersten Stint lag Bottas auf Rang fünf hinter Verstappen und vor Alex Albon. Nach dem Stopp kam er genau in dieser Lücke wieder raus.

Das Problem aber war, dass Hamilton auf seinen alten Reifen Zeit verlor. Nicht nur auf Bottas, sondern auch auf Albon. Mercedes wollte Hamilton aber auf keinen Fall noch hinter dieses Duo auf Platz sechs zurückfallen sehen. Deshalb meldete sich bald Chef-Stratege James Vowles am Funk, und bat Bottas um langsamere Rundenzeiten: "Kannst du 48,8 fahren?"

Für Bottas besonders ärgerlich, weil er nicht nur Verstappen vor ihm ziehen lassen musste, sondern auch Hamiltons Position nicht angreifen konnte. Während der Finne nach seinem Stopp die frischen Reifen nutze und 1:45,3 Minuten fuhr, nahm er nach der Aufforderung Tempo raus und fuhr plötzlich nur noch 1:48,5 Minuten.

In der Runde nach seinem Stopp hatte Bottas die Lücke auf Verstappen von 6,5 auf 4,5 Sekunden verkleinert. Erst als Bottas seine Mission erfüllt hatte und Hamilton vor ihm rausgekommen war, durfte er wieder Gas geben. Da war der Zug aber bereits wieder längst abgefahren. Obwohl Verstappen auf Stroll auflief, vergrößerte sich der Abstand bis zum Hamilton-Stopp in Runde 26 wieder auf über sechs Sekunden.

Bottas nahm die Teamstrategie gelassen. "Wir haben bei unseren Boxenstopps vorgeschriebene Regeln, damit sie die Reihenfolge unserer Autos nicht beeinflussen", erklärte er. "Der besser platzierte Fahrer erhält immer Vorrang. Wenn also das hintere Auto früher stoppt und einen Undercut macht, stellen wir sicher, dass der andere Fahrer trotzdem vorne bleibt."

Das Fazit: Bottas hat also gebremst, um die teaminterne Reihenfolge vor den Stopps beizubehalten. Im Gegensatz zu Ferrari ging es dabei aber nicht um einen unfairen Undercut von einer Runde, sondern um eine andere Strategie. Mercedes verpasste die große Undercut-Chance und riskierte bei Hamilton danach lieber mehrere zusätzliche Runden. Rückblickend ein Fehler - aber wäre die Strategie aufgegangen, dann wäre Hamilton der glückliche Sieger gewesen.

So aber musste Bottas den Preis für Hamiltons Risiko zahlen. Aus Teamsicht war das Einbremsen durchaus sinnvoll, weil so letztendlich keine zusätzliche Position verloren ging. Aus Sicht des Sports allerdings schade, dass der WM-Zweite Blitzableiter für den WM-Ersten spielen muss. Es erinnert etwas an: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren.