Formel 1

Formel 1 Spa Trainingsanalyse: Ferraris Rennpace macht Sorgen

Ferrari dominierte die Trainings in Spa - doch was sind die Bestzeiten wert? Fällt Sebastian Vettel der schwache Mittelsektor im Rennen auf die Füße?
von Christian Menath

Spa und Monza sind Ferraris letzte Hoffnung. In den ersten zwölf Rennen gewannen Sebastian Vettel und Charles Leclerc kein einziges Rennen. Bei den meisten waren sie chancenlos, doch den einen oder anderen Sieg warf die Scuderia auch leichtfertig weg. In Spa und Monza passen die Streckencharakteristika wieder zum Ferrari. Nach der Schmach von Budapest begann der Freitag gut für Ferrari.

Vettel und Leclerc dominierten beide Trainingssessions. Am Nachmittag fuhr der Monegasse mit 1:44,123 Minuten die absolute Bestzeit. Vettel auf Rang zwei fehlten bereits sechs Zehntelsekunden. Der viermalige Formel-1-Weltmeister hatte aber einen Fehler auf seiner schnellsten Runde, bekam seine Runde nicht optimal zusammen. Trotzdem wäre Leclerc auch so schneller gewesen.

Als erstem Verfolger fehlten Valtteri Bottas schon 0,8 Sekunden. Red Bull aka Max Verstappen hatte schon knapp 1,3 Sekunden Rückstand. Red Bull relativierte jedoch ein wenig: Ein Problem am Motor sorgte dafür, dass der Niederländer nicht die volle Leistung abrufen konnte. "Auf dieser langen Strecke kostet das viel, aber morgen werden wir wieder die normale Leistung haben", verspricht Verstappen.

Was der Niederländer aber auch sagt: "Ferrari zu schlagen wird hart, weil sie hier super schnell sind. Aber das ist keine Überraschung, diese Strecke liegt ihnen definitiv besser als uns. Wir sollten aber näher an Mercedes dran sein."

Mercedes mit problematischem Freitag

Auch bei Mercedes lief beileibe nicht alles rund. Vor allem im 1. Training gab es Probleme. Erst funktionierte das Gaspedal von Lewis Hamilton nicht, dann streikte die Telemetrie beim fünffachen Weltmeister. Am Nachmittag war er mit seinem Helm nicht zufrieden. Doch das waren nur Nebenschauplätze. Mehr Sorgen macht sich Mercedes aufgrund der Performance.

" Wir müssen einen großen Schritt machen, wenn wir gegen sie kämpfen wollen", mahnt Valtteri Bottas. Hamilton gibt sich noch pessimistischer: "Sie waren schon das ganze Jahr über stark auf den Geraden, deshalb hatte ich das Gefühl, dass sie dieses Wochenende richtig gut sein könnten. Wenn wir es nicht mit unserer puren Pace können, müssen wir jetzt einen anderen Weg finden, um sie an diesem Wochenende unter Druck zu setzen."

Vettel sieht Defizite bei Ferrari

Doch war es wirklich so dramatisch? Ist die Messe schon gelesen? Noch lange nicht. Sebastian Vettel wurde in seinen TV-Interviews nicht müde zu betonen, dass es nur Freitag sei und die Saison 2019 schon das ein oder andere Mal diese Ergebnisse am Trainingstag hervorgebracht habe - bei bekanntem Ergebnis am Sonntag. "Wir scheinen da immer etwas ziemlich anders im Vergleich zu den anderen zu machen", so Vettels Erklärung.

Aber das war nicht der einzige Grund für Vettels Pessimismus. Auf dem Papier musste Ferrari in Spa schnell sein, doch auf dem Papier gibt es auch noch ein anderes Problem: Reifenverschleiß. Der Ferrari ist auf der Geraden schnell, weil er wenig Luftwiderstand hat. Gleichzeitig generiert er dabei auch weniger Abtrieb. In Verbindung mit dem kleinen Spa-Heckflügel keine Kombination für das schwarze Gold.

Formel 1 Spa 2019, Sektorzeiten 2. Training

Sektor 1 Sektor 2 Sektor 3
Leclerc 30,204 45,179 28,740
Vettel 30,586 45,142 28,826
Bottas 31,064 44,831 28,924
Hamilton 31,080 44,787 28,957
Perez 30,595 45,748 28,774
Verstappen 31,289 44,959 28,848
Räikkönen 30,701 45,944 29,063
Stroll 30,722 46,199 28,811

Schon auf eine Runde zeigt sich: Ferrari ist nur im ersten Sektor richtig stark. Dort gibt es mit La Source nur eine echte Kurve. Der Rest ist Vollgas. Acht Zehntelsekunden verlieren die beiden Mercedes-Piloten allein hier. Im kurvigen Mittelsektor haben die Silberpfeile die Nase wieder vorne. Dreieinhalb Zehntel verliert Ferrari hier. Im letzten Sektor hat Ferrari dann wieder die Nase vorne, aber nicht mehr so deutlich wie in Sektor eins.

Auf eine Runde geht sich die Rechnung noch ganz gut aus für Ferrari. Das dürfte sie auch, wenn Mercedes im Qualifying den Motor richtig aufdreht. Doch was auf eine Runde noch funktioniert, wird im Rennen zum richtigen Problem. "Die Longruns waren zu schlecht", analysiert Vettel schonungslos. "Es ist nichts Spezielles passiert, wir sind einfach nicht so schnell."

Die Volltank-Hitliste führt Charles Leclerc zwar an, allerdings drehte er auf seinem Soft-Run nur drei Runden. Vettel fuhr zehn Runden am Stück, die Zeiten brachen merklich ein. Am Ende kam er auf einen Schnitt von 1:52,0 Minuten. Hamilton fuhr bei einem sehr ähnlichen Run im Schnitt eine Sekunde schneller. Verstappen fuhr ebenfalls eine Sekunde schneller, drehte aber nur fünf Runden.

Formel 1 Spa 2019: Longruns auf Soft

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Durchschntl. Zeit
Leclerc 12 3 1:50,978
Hamilton 19 11 1:51,031
Verstappen 11 5 1:51,031
Perez 15 10 1:51,282
Bottas 17 9 1:51,374
Vettel 19 10 1:52,019
Räikkönen 17 9 1:52,448

Wie schon so oft in dieser Saison hat Ferrari nicht nur kein Glück, sondern auch etwas Pech. Normalerweise bietet Spa schon zu Beginn des Wochenendes viel Grip. Durch das 24-Stunden-Rennen Ende Juli ist die Strecke komplett mit gutem Pirelli-Gummi eingedeckt. In diesem Jahr regnete es allerdings ununterbrochen - weshalb die Strecke ungewöhnlich grün ist.

Einstopp-Rennen in Spa fast unausweichlich

"Die Streckenoberfläche ist hier ein ziemlich rauer Asphalt. Dadurch ist der Kurs sehr fordernd zu den Reifen, wenn die Fahrzeugbalance nicht stimmt", erklärt Mercedes-Ingenieur Andrew Shovlin. "Das schadet sowohl auf einer Runde als auch auf Long Runs, weil man die Reifen nicht richtig behandeln kann, wenn die Balance nicht okay ist." Das trifft bei den Topteams Ferrari am härtesten, weil die Rote Göttin am wenigsten Abtrieb produziert.

Bitter auch: Das Rennen wird ein klares Einstopp-Rennen. Dadurch wiegt der Reifen-Nachteil noch schwerer, weil die Stints länger werden. Kann Ferrari vielleicht etwas bei der Strategie machen? Die Pace ist da, um sich auf den Medium-Reifen zu qualifizieren. Doch das muss nicht zwangsläufig ein Vorteil sein.

Bis auf George Russell fuhr kein Pilot ernsthaft auf den Hard-Reifen. Selbst Pirelli glaubt nicht, dass im Rennen jemand freiwillig mit dem C1-Reifen fährt. Also wird es ein Einstopp-Rennen mit Soft und Medium. Wer auf Medium startet, hat aber ein Problem bei einer frühen Safety-Car-Phase: Während die Soft-Konkurrenz möglicherweise stoppt, die Mediums aufzieht und bis zum Rennende durchfahren kann, sind den Medium-Startern die Hände gebunden. Die Softs halten möglicherweise nicht bis zum Rennende durch, die Hard sind zu langsam.

Ferrari auf Medium stärker als auf Soft

Aber es gibt auch Hoffnungsschimmer für Ferrari. Mit dem Setup haben Vettel und Leclerc schon beim ein oder anderen Rennen die Rennpace nach einem schwachen Freitag einigermaßen in den Griff bekommen. Dazu kommt die Streckenentwicklung entgegen. Und auch das Wetter könnte Ferrari in die Karten spielen: Am Sonntag soll es zu einem Temperatursturz kommen, rund zehn Grad weniger sagen die Meteorologen vorher.

Formel 1 Spa 2019: Longruns auf Medium

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Durchschntl. Zeit
Perez 9 3 1:50,161
Verstappen 9 3 1:50,387
Bottas 11 3 1:50,641
Leclerc 16 7 1:50,827
Vettel 11 2 1:51,066

Außerdem sind die Reifenprobleme auf Medium nicht ganz so groß. Die Zeiten auf dem mittleren Pneu waren etwas versöhnlicher. Als einziger Top-Pilot fuhr Charles Leclerc etwas mehr Runden auf Medium, die Zeiten brachen nicht ein, blieben sogar sehr stabil.

Auf eine Runde ist Ferrari auch im Qualifying Top-Favorit, im Renntrimm gibt es aber gehörige Probleme. Überholen in Spa ist möglich, das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass es mit Wetter, Streckenentwicklung und der Medium-Pace gleich ein paar Hoffnungsschimmer gibt.

Racing Point gut, aber nicht gut genug

Ein Wort sollte man auch noch über Racing Point verlieren. Force India war traditionell stark in Spa, die Stärke scheint auch in der Racing Point DNS zu stecken. Das große Upgrade liefert gute Ergebnisse, Sergio Perez konnte sich sogar vor Verstappen setzen. Im Renntrimm trumpfte er sogar ganz groß auf. Allerdings fuhr der Mexikaner offenbar mit deutlich weniger Benzin, das zeigen seine Zeiten zu Beginn der Stints. Ferrari, Mercedes und Red Bull wird Racing Point wohl nicht ärgern können.


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