Formel 1

Formel 1 Kanada Rennanalyse: Ferraris heimliche Stallorder

Ferrari sagte Charles Leclerc beim Kanada GP nichts von Sebastian Vettels Strafe. Angeblich war es ein Fehler. Hätte Leclerc Zweiter werden können?
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Die Strafe gegen Sebastian Vettel beim Kanada GP sorgte für großes Aufsehen. Zum ersten Mal in der Formel-1-Saison 2019 hätte kein Mercedes gewonnen, hätten die Rennkommissare keine Strafe ausgesprochen. Was dabei unterging: Welche Rolle Charles Leclerc dabei am Ende spielte.

Klar, Vettel verlor durch die zusätzlich addierten fünf Sekunden seinen Sieg an Lewis Hamilton. Der Ferrari war nicht schnell genug, einen entsprechenden Vorsprung herauszufahren. Sonst wäre Vettel gar nicht erst so stark unter Druck von Hamilton geraten.

Aber Vettel hätte durchaus noch weiter zurückfallen können. Denn Teamkollege Leclerc war nicht allzu weit zurück. Er überquerte die Ziellinie nach Runde 70 genau 6,038 Sekunden hinter Vettel - also fast exakt eine Sekunde zu spät, um von der Strafe zu profitieren.

Leclerc: Wusste nichts von Vettels Strafe

Was anschließend für viel Verwunderung sorgte, waren die Aussagen des Monegassen in der Ehrenrunde. "Aber er hat trotzdem noch gewonnen?", war seine erste Reaktion, als ihn sein Renningenieur auf der Auslaufrunde über die Strafe informierte. Auf die verneinende Antwort reagierte Leclerc prompt: "Ah, fuck, scheiße."

Heißt im Umkehrschluss, dass Ferrari Leclerc während des Rennens nicht über die Strafe informierte. Es dauerte ein wenig, bis die Rennkommissare die Szene von Runde 47 beurteilt hatten, doch zehn Runden später war die Strafe fix. Da gab es noch 13 Runden zu fahren.

"Es ist sehr viel los auf dem Kommandostand, und wir haben es einfach vergessen", erklärte Ferrari Teamchef Mattia Binotto. "Wir haben es nicht getan, hätten es aber tun sollen."

Ferrari musste sich während des Rennens tatsächlich schon mit einem möglichen Einspruch gegen die Vettel-Strafe befassen, weil das Zeitfenster für die Absichtserklärung eine Stunde nach der ausgesprochenen Strafe schließt.

Erst in Monaco erklärte aber ebenjener Binotto, dass der Strategiepatzer bei Leclerc im Qualifying nichts mit den Problemen von Sebastian Vettel zur gleichen Zeit zu tun hatte. Schließlich gäbe es für jeden Fahrer ein eigenes Strategie-Team, erklärte Binotto vor zwei Wochen noch.

Hat Ferrari Vettels Strafe wirklich vergessen?

Die Erklärung, man habe es schlichtweg vergessen, ist nicht besonders glaubwürdig. Ferrari wollte aber wohl nicht die nächste Stallorder-Diskussion heraufbeschwören. Und gleichzeitig war Vettel ohnehin bedient genug.

Die Frage lautet: Hätte Leclerc Vettel noch kassieren können, hätte er um dessen Strafe gewusst? "Es hätte meinen Ansatz nicht verändert", versucht der Monegasse zu beschwichtigen. "Ich habe hart gepusht, um sie einzuholen. Ich habe gesehen, dass sie eng beisammen waren und gekämpft haben."

Tatsächlich ist es schwer zu sagen, ob Leclerc die Lücke noch hätte zufahren können. Als Vettel den Fehler machte, Zeit verlor und sich der Zweikampf gegen Hamilton intensivierte, holte Leclerc auf, fuhr konstant schneller als das Spitzen-Duo. Sein Rückstand schrumpfte von 14 Sekunden in Runde 46 auf 6 Sekunden in Runde 70.

Hätte Leclerc noch schneller gekonnt?

In Runde 57 lag er noch immer knapp zwölf Sekunden zurück. Den Großteil seines Rückstandes holt er erst auf, als Vettels Strafe schon fix war. Ob er dabei noch eine Sekunde hätte finden können? Das kann nur Leclerc selbst beantworten.

Fakt ist, dass Leclerc deutlich frischere Reifen hatte. Vettel kam schon in Runde 26 zum Stopp, Leclerc erst sieben Runden später. Dadurch hatte er am Ende einen deutlichen Reifen-Vorteil. Ein Vorteil, der ihm überhaupt erst den großen Rückstand eingebrockt hatte.

Denn vor den Boxenstopps lag Leclerc noch rund vier Sekunden hinter dem Spitzenreiter. Durch Vettels Undercut wuchs der Rückstand binnen dieser sieben Runden auf fast 15 Sekunden an. Mercedes versuchte bei Lewis Hamilton etwas Ähnliches, sah aber nach zwei Runden ein, dass der Weltmeister dabei zu viel Zeit verlor. Hamilton lag vor den Stopps 1,7 Sekunden hinter Vettel, zwei Runden später waren es bereits fünf Sekunden.

Durch den zu späten Boxenstopp nahm Ferrari Leclerc aus dem Kampf um die Spitze, machte aus einem Dreikampf einen Zweikampf. Dass der Youngster die Pace hatte, zeigte er auf den abgefahrenen Medium-Reifen. Als ihm Ferrari 'Plan B' funkte, fuhr er auf Anhieb schneller als das Führungsduo und verkleinerte seinen Rückstand von sieben auf vier Sekunden.

Ob Leclerc also im Wissen um die Strafe die fehlende Sekunde hätte rausfahren können? Reine Makulatur. Ob es Absicht von Ferrari war, Leclerc nicht in Kenntnis darüber zu setzen? Wahrscheinlich. Ob es mit einer besseren Strategie geklappt hätte? Ziemlich sicher.

Aber: In diesem Fall haben sich die Ferrari-Strategen etwas dabei gedacht. "Wir haben einfach versucht, so lange wie möglich zu fahren. Wir haben auf ein Safety-Car gehofft, das nie kam", erklärte Leclerc. Wäre das Safety-Car gekommen, wäre er plötzlich der lachende Dritte gewesen. Das Safety-Car darf dann doch als wahrscheinlichere Option als die Strafe angesehen werden.


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