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Formel 1 Monaco - Analyse: So extrem trödelte Hamilton wirklich

Lewis Hamilton hielt im Formel-1-Rennen in Monaco den Betrieb auf. Ein Vergleich mit Williams und Ricciardo 2018 zeigt das wahre Ausmaß. Die Bummel-Analyse.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Von der Dramaqueen zum gefeierten Helden. Lewis Hamilton war neben seinem Schatten Max Verstappen ganz klar der Protagonist des Monaco GP der Formel 1 2019. Der Grund: Ein überstandener Monsterstint von 67 Runden auf dem Medium-Reifen.

Den hatte Mercedes dem Briten beim frühen Stopp aller Spitzenfahrer durch ein Safety Car in der elften Runde verpasst. Anders als seine Jäger Verstappen, Sebastian Vettel und Valtteri Bottas bekam Hamilton somit keinen Hard montiert.

Monaco zwingt Hamilton zum Durchfahren

Somit ahnte Hamilton schnell, was ihm nun blühen würde: Er musste die gewaltige noch zu fahrende Renndistanz mit einem weicheren Reifen als alle Verfolger bestreiten. Ein zweiter Stopp im engen Monte Carlo kommt unter normalen Umständen nicht infrage. Track Position ist alles.

Schnell meldete sich der Brite daher nervös, aufgeregt und anklagend am Boxenfunk. "Ich kann ihn nicht halten, seht ihr das nicht", so Hamilton über Verstappen, der ihm das gesamte Rennen über fast direkt im Getriebe hing. "Ich weiß nicht, was ihr euch mit diesen Reifen gedacht habt. Wir brauchen ein Wunder."

Rennanalyse: Wie extrem trödelte Hamilton wirklich?

Genau dieses Wunder gelang. Einzig und allein wegen Hamilton selbst, geht es nach den Schwärmereien und Heroisierungen Mercedes' für den Weltmeister. Wie es gelang? Indem Hamilton die Pirelli-Pneus exzessiv managte, eine regelrechte Bummelfahrt hinlegte. Übrigens längst nicht die erste in Monaco. Weil man dort eben so gut wie unmöglich überholen kann, funktioniert diese Taktik im Fürstentum so gut.

Doch wie weit trieb es Hamilton wirklich mit der Trödelei? Motorsport-Magazin.com macht die Rennanalyse dieses Mal zu Bummelanalyse und liefert einige spannende Vergleiche.

Bummel-Beleg #1: Verstappen Jäger ohne Pause

Das erste Indiz dafür, wie extrem Hamilton Dampf rausgenommen hat, ist sein Vorsprung auf Verstappen. Von dem kann nämlich so gut wie nicht die Rede sein. Ab Runde 15 (Rennfreigabe nach dem Safety Car) bis zum Ziel in Runde 78 betrug der durchschnittliche Rückstand (Start/Ziel) Verstappens auf Hamilton nur 0,695 Sekunden. Damit schaffte es der Red Bull bis auf fünf Ausnahmen immer in DRS-Range.

Gerade in Zeiten, in denen sich Fahrer in solchen Situationen eher leicht zurückfallen lassen, um Power Unit zu schonen und Reifen besser managen zu können, ein deutlicher Fingerzeig, wie langsam Hamilton wirklich angehen ließ. Allerdings ist auch zu erwähnen, dass Verstappen wegen seiner Zeitstrafe auch unbedingt überholen musste, um nach Überqueren der Ziellinie nicht hinter die, auch wegen Bummel-Lewis, ebenfalls leicht dicht folgenden Vettel und Bottas und damit vom Podium zu rutschen.

Bummel-Beleg #2: Selbst Williams schneller als Hamilton

Der zweite Indikator ist ein beliebter Vergleich aller, welche die Rennen nicht nur am TV-Bild verfolgen, sondern auch im Live-Timing haarklein mitlesen, sich über Gaps, Rundenzeiten und Sektorenseiten informieren: Wie schlug sich Hamilton eigentlich im Vergleich mit Fahrern im Mittelfeld, die in Clean Air frei angasen konnten?

Einen Musterkandidaten dafür gibt George Russell ab, fährt der Brite nicht einmal in einem Mittelfeld-Boliden, sondern sitzt im klaren Schlusslicht Williams. Noch dazu hatte Russell einige Runden lang Luft nach vorne. Weil Antonio Giovinazzi kurz nach der SC-Phase in Rascasse Robert Kubica so ungeschickt umdrehte, dass die gesamte Strecke kurzzeitig blockiert war.

So ging Russell mit sechs Sekunden Rückstand auf Hülkenberg in Runde 17, also genug Abstand, um nicht mehr ganz heftige Luftverwirbelungen zu erleiden. Bis Runde 21 hatte Russell die Lücke halbiert (Hülkenberg konnte selbst nicht die volle Pace seines Renault nutzen), eine Runde später waren es sogar nur noch 1,5 Sekunden auf den Renault.

Während dieser Aufholphase von fünf Umläufen erzielte Russell ohne Unterbrechung dramatisch schnellere Zeiten als Hamilton an der Spitze. 0,3 Sekunden, 0,7 Sekunden Zehntel, 1,1 Sekunden und zweimal 0,8 Sekunden genauer gesagt, in chronologischer Folge, war der Brite schneller. Im Williams. Mit auch noch härteren Reifen als Hamilton vorne.

"In einem Moment sagte mir mein Renningenieur, dass wir genauso schnelle Runden fahren wie der Führende. Davon war ich fast schon geschockt", sagte Russell selbst. "Die hatten sicher ein Problem."

Einmal hinter Hülkenberg angekommen brachen Russells Zeiten in der Folge naturgemäß rapide ein. Bis zu seiner Überrundung in Umlauf 47. Bei diesem Vorgang verlor der Brite sehr viel mehr Zeit als Hülkenberg, bestritt den Rest des Rennens daraufhin wieder mit freier Sicht. Die Folge: Fast durchgängige Pace-Augenhöhe mit Hamilton, als dessen Reifen ganz am Ende 'tot' waren, so Hamilton selbst, fuhr Russell sogar über eine weitere Phase durchweg schneller als Hamilton.

Zieht man den gesamten Rennverlauf nach dem Safety Car heran und rechnet alle Ausreißer durch Überrundungen & Co. heraus, so fuhr Russell um Schnitt nur 0,8 Sekunden pro Runde langsamer Hamilton. Der wahre Abstand der Performance des Mercedes und des Williams ist ein Vielfaches.

Bummel-Beleg #3: Ricciardo 2018 mit 160-PS-Defizit nur 1 Sek. langsamer

Einen Performance-Unterschied gibt es auch zwischen den Boliden der Generation 2018 und 2019. Die Formel 1 ist in diesem Jahr erneut schneller geworden. Auch in Monaco, wie der im Qualifying mehrfach unterbotene Streckenrekord von Daniel Ricciardo aus dem Vorjahr vor Augen führt. Genau das führt nun zum dritten und letzten Bummel-Beleg. Dem sehr ähnlichen Monaco GP 2018.

Genannter Ricciardo spielt dabei die tragende Rolle. Der Australier gewann den Monaco GP vor einem Jahr sehr ähnlich wie Hamilton: ebenfalls von Pole gestartet unter erschwerten Bedingungen nach dem Boxenstopp. Sogar unter noch erheblich schwereren, hatte Ricciardo die letzten gut fünfzig Runden mit einer defekten MGU-K bestreiten müssen. Damit fehlten dem Red-Bull-Piloten rund 160 PS.

Ricciardo fuhr also mit einem heftigen Defekt, Hamilton mit einem völlig intakten Silberpfeil, einzig mit einer nicht idealen Reifenmischung. Noch dazu umfasste sein Stint streng genommen nicht einmal 67 Push-Laps, sondern 64 bedenkt man das Safety Car. Das ist nicht so weit weg von der vorherigen Pirelli-Empfehlung für einen Wechsel auf Medium. Zwischen Runde 18 und 25 sei der angebracht, richteten die Italiener vor dem Rennen aus. Das Safety Car endete nach 14 Runden, Hamilton hatte lag also nur drei außerhalb dieser Vorgabe.

Trotz alldem - schnellere Boliden 2019, Ricciardo mit 160 PS weniger - war Hamilton im Durchschnitt nur gut eine Sekunde pro Runde schneller als Ricciardo im Vorjahr (Vergleich ab Zeitpunkt dessen Defekts): 1:17.705 versus 1:18.801.

Vettel: Weniger Druck auf Ricciardo als Verstappen auf Hamilton

Ein weiterer Nebenaspekt: Sebastian Vettel, 2018 der Verfolger des bummelnden Führenden, fuhr Ricciardo mit doppelt so großem Anstand hinterher. Während Verstappen ab Lap 15 nur fünf Mal nicht im DRS war, schaffte es Vettel 2018 ab Lap 19 nur sechs Mal überhaupt in das DRS. Statt der im Schnitt 0,695 Sekunden Verstappens auf Hamilton waren es bei Vettel auf Ricciardo somit 1,479 Sekunden - bis zu einer späten VSC-Phase 2018.

Nach dieser ließ Vettel komplett abreißen, hatte seine Reifen nicht mehr da, wo sie hingehören. Sieben Sekunden betrug sein Rückstand im Ziel. Verstappen dagegen attackierte Hamilton drei Runden vor Schluss sogar noch in der Hafenschikane, fuhr am Ende mit 0,537 Sekunden hinter dem Briten ins Ziel.

Das entsprach jedoch nicht dem Ergebnis. Durch die fünf Strafsekunden ging es für Verstappen zurück hinter Vettel und Bottas. Nur, weil Hamilton vorne so getrödelt hatte? Oder hätte Vettel auch ohne den Bummelzug-Mercedes nah genug an Verstappen dran bleiben können, um von der Strafe zu profitieren? "Ich glaube ja, denn wir hatten eine gute Pace", meint Sebastian Vettel auf Nachfrage von Motorsport-Magazin.com. "Aber es war nicht so, darum können wir es nicht sicher sagen."

Fazit: Lewis Hamilton hat ganz klar extrem gebummelt. Wenn dein Verfolger dir derart dicht folgt, nahezu pausenlos, du im schnellsten Auto des Feldes zudem mehrfach nur auf einer ähnlichen, teils sogar langsameren Pace unterwegs bist wie das langsamste, kann man nur zu diesem Schluss gelangen. Auch der Vergleich zu Ricciardo 2018 geht, wenn wegen der völlig anderen Probleme auch etwas schwieriger zu vergleichen, in diese Richtung. Der größere Bummler ist dennoch Hamilton, musst Ricciardo 2018 eben nicht managen, sondern stets mit allem, was er hatte irgendwie vorne bleiben.

Ferrari, Red Bull, Mercedes: F1-Zwischenbilanz nach Monaco 2019: (15:55 Min.)


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