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Formel 1, Brasilien-Trainingsanalyse: Schlägt Mercedes zurück?

Kann Red Bull auch in Brasilien Ferrari und Mercedes herausfordern? Schlägt Mercedes endlich wieder zurück? Die Trainings-Analyse liefert erste Antworten.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Die Trainingsbestzeit am Freitag in Sao Paulo ging an Valtteri Bottas, Lewis Hamilton landete lediglich 0,003 Sekunden hinter seinem Teamkollegen. Also ist Mercedes beim vorletzten Formel-1-Wochenende des Jahres in Brasilien der Top-Favorit? Nicht unbedingt: Erwartungsgemäß waren auf der lediglich 4,309 Kilometer langen Strecke die Abstände extrem klein.

Ferrari-Pilot Sebastian Vettel war nur 0,073 Sekunden langsamer als der Tagesschnellste Bottas. Und auch Red Bull war etwas überraschend gut bei der Musik. Im ersten Training fuhr Max Verstappen sogar Bestzeit, konnte sich aber am Nachmittag aufgrund eines Öl-Lecks, das ihm viel Trainingszeit raubte, als einziger Top-Pilot nicht verbessern. Doch seine Zeit auf FP1 war nicht einmal zwei Zehntel langsamer als die Tagesbestzeit.

So extrem wie andernorts fielen die Verbesserungen in Sao Paulo aber nicht aus. Das hat zwei Gründe: Zum einen ist die Strecke kurz, dadurch sind nicht nur die Abstände klein, sondern auch die Verbesserungen. Zum anderen wurde die Strecke zuvor mit Hochdruckreinigungsanlagen bearbeitet, so dass sie zwar noch keinen Gummi hatte, aber zumindest nicht dreckig war.

Red Bull in Brasilien deutlich stärker als erwartet - Defizit bleibt

Also ist in Brasilien mit einem Dreikampf zwischen Ferrari, Mercedes und Red Bull zu rechnen? "Im Qualifying nicht", stöhnt Dr. Helmut Marko. Denn um im Qualifying eine realistische Chance zu haben, wenn Ferrari und Mercedes ihre Motoren aufdrehen, braucht Red Bull am Freitag einen ordentlichen Vorsprung wie in Mexiko. Den hat Red Bull aber in Brasilien nicht.

Die lange Zielgerade killt Red Bull komplett. Nicht nur, dass es einen Kilometer lang Vollgas gegeben wird, gleichzeitig geht es auch noch steil bergauf und der leichte Linksknick sorgt für zusätzliche Reibung. Nirgends ist Motorenpower so entscheidend wie in diesem letzten Sektor.

Bei lediglich 16 Sekunden Fahrzeit verlor Verstappen alleine im letzten Sektor drei Zehntelsekunden. Knapp 20 Stundenkilometer fehlen Red Bull auf der Ziellinie auf Ferrari und Mercedes. Dazu kommen zwei Zehntel aus Sektor eins, der ebenfalls viel Motorleistung verlangt.

Das alles kann Red Bull im kurvenreichen Mittelsektor nicht kompensieren. Dort war Verstappens Bestzeit aber immerhin drei Zehntel schneller als die von Hamilton und knapp zwei als die von Vettel. Hätte Verstappen eine normale zweite Session gehabt, hätte sich der Niederländer wohl noch ein wenig verbessern können, wie alle anderen Top-Piloten auch.

Mercedes und Ferrari nach Trainings optimistisch

Bei Ferrari und Mercedes zeigte man sich zumindest zufrieden. "Das Auto fühlt sich besser an als in Mexiko, aber wir arbeiten uns noch durch einige Punkte. Die Pace scheint nicht allzu schlecht zu sein, aber wir müssen immer noch daran arbeiten und uns weiter steigern", meint Lewis Hamilton.

"Es war okay. Wir hatten ordentliche Runs", war auch bei Sebastian Vettel von der üblichen Freitags-Depression wenig zu merken. Ganz im Gegenteil: "Die größte Sorge, die wir heute hatten, war ein lockere Schraube, die zwischen meinen Füßen war. Wir haben sie gefunden." Während der Session sorgte Vettel deshalb für den Funkspruch des Jahres. Aber wenn eine lose Schraube Vettels größte Sorge war, sagt das einiges über seinen Freitag.

Gut zu erkennen war allerdings, wie sich im Longrun sein rechter Hinterreifen auflöste. Beim Reifenwechsel war deutliches Blistering zu erkennen. Vettel beruhigt: "Die Reifen waren heute soweit okay bei uns - andere sahen da ziemlich schlecht mit aus."

Doch wie sahen die Longruns aus? Red Bull lässt sich leider aus zwei Gründen nicht wirklich gut beurteilen. Zum einen fuhr Verstappen aufgrund seines technischen Defekts etwas weniger Runden, zum anderen fuhren die Bullen einen etwas anderen Rhythmus.

Brasilien GP, 2. Training Longruns auf Supersoft

Fahrer Gefahren gegen Reifen-Alter Stint-Länge Durchschnittliche Zeit
Hamilton Ende 15 10 1:12,354
Räikkönen Anfang 17 2 1:12,911
Vettel Ende 24 18 1:12,976
Verstappen Anfang 14 9 1:12,988
Ricciardo Anfang 20 13 1:13,222
Bottas Anfang 25 16 1:13,373

Die Supersoft-Longruns sind am interessantesten, weil alle Piloten die weichste Mischung fuhren. Am schnellsten fuhr Hamilton, allerdings drehte er den Supersoft-Longrun am Ende mit leerem Auto. Das tat auch Vettel, allerdings hatte der Ferrari-Pilot schon deutlichen Rückstand. Kimi Räikkönens Longrun wird seinem Namen nicht wirklich gerecht, drehte er nur zwei Runden am Stück mit dem Supersoft-Pneu.

Die Red-Bull-Zeiten wurden zu Beginn mit schweren Autos gefahren, deshalb gibt es nicht viele Referenzwerte. Nur Valtteri Bottas, der allerdings einen längeren Run fuhr. Immerhin konnte Verstappen den Mercedes-Piloten hier deutlich hinter sich lassen.

Brasilien GP, 2. Training Longruns auf Soft

Fahrer Gefahren gegen Reifen-Alter Stint-Länge Durchschnittliche Zeit
Verstappen Ende 14 7 1:12,548
Ricciardo Ende 24 12 1:12,579
Vettel Anfang 18 10 1:12,732
Hamilton Anfang 28 12 1:13,203

Die Bestzeit auf den Soft-Runs von Red Bull sind deshalb auch nicht besonders viel wert, weil Verstappen und Ricciardo mit leeren Autos fuhren, während Vettel und Hamilton schon zu Beginn auf Soft unterwegs waren. Interessant: Hier dreht sich das Kräfteverhältnis um, Vettel war deutlich schneller als Hamilton. Einschränkung: Hamilton begann auf zehn Runden älteren Reifen.

Brasilien GP, 2. Training Longruns auf Medium

Fahrer Gefahren gegen Reifen-Alter Stint-Länge Durchschnittliche Zeit
Bottas Ende 23 17 1:12,612
Räikkönen Ende 25 16 1:12,985

Kimi Räikkönen und Valtteri Bottas mussten bei den Longruns die Edel-Helfer spielen und die Medium-Pneus austesten. Beide fuhren zur gleichen Zeit ähnlich lange Longruns. Das bessere Ende hatte Bottas für sich, er fuhr gut drei Zehntelsekunden schneller.

Mercedes und Ferrari in Brasilien Favoriten, Red Bull bleibt Außenseiter

Ein klares Bild ergibt sich aber aus den Freitagslongruns nicht wirklich. Alle drei Top-Teams sind wohl recht eng zusammen. Doch nah dran reicht Red Bull nicht, wenn man in der Qualifikation chancenlos ist. "Aber wenn man nah dran ist, kann man sie unter Druck setzen", hofft Marko.

Und dann gibt es da noch eine Hoffnung: Die Prognosen gehen am Samstag von Regen aus. Das war zwar zuletzt nicht Red Bulls Stärke, aber Marko hofft dennoch auf Hilfe von oben: "Das wäre auf jeden Fall vorteilhaft für uns, wir haben uns da auch verbessert."

Das Wetter könnte Red Bull dann auch am Sonntag in die Hände spielen: Im Rennen werden deutlich höhere Temperaturen erwartet. Dann ist der Reifenverschleiß viel wichtiger und Red Bull könnte von der eigenen Stärke mehr profitieren.

Motorsport-Magazin.com-Prognose: Das Qualifying werden Ferrari und Mercedes im Trockenen untereinander ausmachen. Die Longrun-Zeiten sind undurchsichtig, die Teams liegen nah beieinander. Zwischen Mercedes und Ferrari kann man keinen klaren Favoriten ausmachen, Red Bull braucht auch am Sonntag Hilfe vom Wettergott.


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