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Formel-1-Analyse: Ferrari-Motor Vettels Erfolgsgarant in Spa?

Lewis Hamilton schob die Spa-Niederlage auf den Motor. Ist die Ferrari Power Unit wirklich so viel stärker als die von Mercedes? Die Analyse.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Lewis Hamilton vs. Sebastian Vettel, Mercedes vs. Ferrari: Das Duell in der Formel-1-Saison 2018 elektrisiert. Im wahrsten Sinne des Wortes. Neben dem Kampf Mann gegen Mann sind in diesem Jahr auch die Maschinen auf einem ähnlichen Niveau. Erstmals seit 2014 scheint Mercedes sogar im Hintertreffen. Ausgerechnet beim Motor scheint es zu hapern.

Zumindest, wenn man Lewis Hamilton glaubt. Nach der Niederlage in Spa sagte der Mercedes-Pilot zu Motorsport-Magazin.com: "Es ist nur die Motorleistung. Sie können irgendwie mehr Energie abgeben als wir. Von Kurve eins bis Eau Rouge und dann können sie den Vorsprung mit auf die Gerade nehmen."

Wenig später machte Hamilton noch einen Kommentar, der von vielen Medien völlig aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Weil der Brite von 'Tricks' sprach, die Ferrari am Motor hat. Anschließend erklärte er ausführlich, dass 'Tricks' nicht im illegalen Sinn gemeint war. Doch dafür interessierten sich viele nicht mehr.

Ferrari & Mercedes in Spa mit neuen Motoren

Seit Ferrari in Montreal die zweite Ausbaustufe zündete und offenbar leistungsmäßig vor Mercedes liegt, müssen sich die Italiener Vorwürfe anhören, ihr Motor wäre illegal. In Spa kamen die nächsten Ausbaustufen der Motoren von Ferrari und Mercedes. Seitens der FIA gibt es keine Zweifel an der Legalität. "Und wir müssen der FIA hier vertrauen", sagt Mercedes Motorsportchef Toto Wolff gerne.

Doch ungeachtet der Frage wie, stimmt es überhaupt? Hatte Mercedes in Spa nur aufgrund der Power keine Chance? Sebastian Vettel sieht es nämlich anders, wie er Motorsport-Magazin.com erklärte: "Ich hoffe, dass wir mehr Leistung haben, wir haben auch Fortschritte gemacht in den letzten zwei Jahren. Aber ich glaube, es ist ziemlich klar: Wir sind mit weniger Flügel gefahren, wir waren schnell in den Sektoren eins und drei und dafür etwas langsamer im zweiten Sektor. Aber ich würde nicht abstreiten, dass wir bei der Motorenleistung näher sind als letztes Jahr."

Spa 2018: Darum waren Vettel & Ferrari stärker als Mercedes: (07:59 Min.)

Tatsächlich gab es große Unterschiede bei den einzelnen Sektoren. Als Grundlage dient Q2 vom Samstag. Vettel fuhr in Sektor eins rund dreieinhalb Zehntel schneller als Hamilton, im dritten Sektor noch einmal eine Zehntelsekunde. Im Mittelsektor hingegen holte sich Hamilton fast vier Zehntel zurück.

Beste Sektorzeiten Qualifying Belgien GP 2018

Sektor 1 Sektor 2 Sektor 3
1 Vettel 29,872 Hamilton 43,115 Vettel 28,12
2 Räikkönen 29,957 Räikkönen 43,426 Räikkönen 28,135
3 Perez 29,963 Vettel 43,496 Hamilton 28,221
4 Ocon 30,154 Bottas 43,521 Verstappen 28,224
5 Hamilton 30,217 Verstappen 43,909 Ocon 28,327

Aufgrund des Regens fiel der Power-Vergleich leider im Q3 aus. Im letzten Abschnitt drehen die Teams die Leistung noch ein Quäntchen mehr auf. Doch die Tendenz ist klar: Ferrari in den Highspeed-Sektoren schneller, Mercedes in den kurvenreichen Sektoren. Ein klares Indiz dafür, dass es sich nicht nur um Leistung dreht, sondern auch um das aerodynamische Setup. Wer sich Topspeed durch geringeren Luftwiderstand erkauft, verliert dafür in den Kurven - und umgekehrt.

"Aber im Rennen war ich aus irgendeinem Grund im Mittelsektor nicht mehr schneller", schränkt Hamilton ein. Der Brite hat recht, ab einem gewissen Zeitpunkt holte Vettel überall Zeit. Die wahrscheinliche Erklärung dafür ist wahrscheinlich der Reifenverschleiß. "Unser Auto hat im Vergleich zu Ferrari, Red Bull und Force India die Reifen am härtesten rangenommen", bestätigt Toto Wolff.

Hamilton nur unwesentlich langsamer als Vettel

Doch hat sich Mercedes den guten Mittelsektor wirklich mit so viel Luftwiderstand erkauft, dass der erste Sektor so katastrophal war? Die klare Antwort lautet nein. Denn der Topspeed des Mercedes war gut. Im Qualifying wurde Vettel mit 335,5 km/h geblitzt, Hamilton mit 334,6 km/h. Der Unterschied ist marginal.

Formel 1 2018: Top-Themen nach dem Belgien GP: (10:02 Min.)

Glücklicherweise gibt es in Spa eine zweite, gut angebrachte Geschwindigkeitsmessung. Nämlich genau am Ausgang von Radillon. Dort ist das Verhältnis von Motorenpower zu Luftwiderstand deutlich mehr auf Seite der Leistung als am Ende der Kemmel-Geraden. Zum einen, weil die Geschwindigkeiten niedriger sind. Zum anderen, weil es bergauf geht. Und zuletzt auch noch deshalb, weil die Autos durch das Lenken gegen mehr Reibung ankämpfen müssen.

Und genau an dieser Stelle wurde Vettel als Schnellster mit 315,6 km/h gemessen. Hamilton hingegen nur mit 311,8 km/h. Sieht man sich die gesamte Beschleunigungsphase ab La Source an, sind die Kurvenverläufe recht ähnlich. Bis etwa 240 Stundenkilometer. Dann zieht der Ferrari leicht davon. Der Vorsprung hält bis zum Ausgang von Radillon, dann kommt der Mercedes wieder. Am Ende der Geraden sind sie fast gleichauf.

Das spricht für eine unterschiedliches Energiemanagement. Während bei einem reinen Verbrennungsmotor der Drehmomentverlauf für die Beschleunigung verantwortlich war, ist es heute deutlich komplexer. Die beiden Hybridsysteme und die Batterie müssen koordiniert werden. MGU-K und MGU-H können Energie abgeben und verbrauchen. Die MGU-H kann entweder Energie in die Batterie einspeisen oder direkt die MGU-K befeuern. Außerdem muss die elektrische Energie nicht gleichmäßig abgegeben werden, es gibt nur eine Maximalleistung von 120 Kilowatt für die MGU-K.

Durch die vielen Systeme können am Ende eigenartige Leistungs- und Geschwindigkeitskurven zustande kommen. Ferrari deshalb Illegalität vorzuwerfen, wäre falsch.

Ferrari in langsamen Ecken besser als Mercedes

Aber auch das ist noch nicht die ganze Wahrheit. "In langsamen Ecken und bei der Traktion haben wir Probleme", sagt Wolff selbstkritisch. Aus La Source musste Hamilton von 88 km/h rausbeschleunigen, Vettel von 94 km/h. Ferrari kommt also schon schneller auf die Gerade. Das bringt mehr Zeit als eine höhere Endgeschwindigkeit.

Es ist also die Summe der Faktoren, wie so oft in der Formel 1. Mechanischer Grip in langsamen Kurven, Traktion, Leistung und Luftwiderstand. All das machte Ferrari im ersten Sektor unschlagbar und Mercedes schlagbar.

Was kann Mercedes nun noch tun? Neue Motoren wird es 2018 nicht mehr geben - zumindest nicht ohne Strafe. Alle verfügbaren Motorkomponenten wurden bereits eingesetzt. Aber es gibt auch noch andere Wege, Performance zu finden. Zum einen beim Energiemanagement. Auch wenn die Motorsteuergeräte beschränkt sind, an der Software darf Hand angelegt werden.

Auf der anderen Seite kann auch am Verbrennungsmotor noch Leistung gefunden werden - über neues Benzin. Ferrari erhielt in Spa ein neues Benzin, das einen Teil zur Leistungssteigerung beitrug. Fünf Benzin-Upgrades sind über die Saison erlaubt. Mercedes muss also nicht einfach mit dem Rückstand leben. "Lieber gehen wir in Flammen auf, als mit einem Rückstand zu leben", sagte Wolff auch unlängst.


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