Formel 1

F1, Charles Leclercs seltsamer Denkansatz: Sehe nur Negatives

Charles Leclerc machte sich mit Top-Leistungen als Formel-1-Rookie zum Ferrari-Kandidaten. Trotz seiner starken Rennen ist der Youngster äußerst kritisch.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Während Daniel Ricciardo und Fernando Alonso der Silly Season ihre ersten beiden Sensationen bescherte, ist der große Ferrari-Domino für die Formel-1-Saison 2019 noch nicht gefallen. Die Italiener lassen sich bei ihrer Entscheidung zwischen Kimi Räikkönen und Charles Leclerc weiter Zeit. Ein neuer Kontrakt für den Iceman scheint immer wahrscheinlicher, doch noch ist auch Youngster Leclerc weiter im Rennen um das Cockpit neben Sebastian Vettel.

Der Sauber-Rookie zeigte in seiner Debütsaison eine steile Lernkurve und wurde schon früh als potentieller Ferrari-Pilot für die Saison 2019 gehandelt. Im Rahmen des Rennwochenendes auf dem Red Bull Ring verkündeten italienische Medien sogar schon Leclercs Wechsel nach Maranello, doch die Gerüchte blieben Gerüchte.

Dass die Zeichen auf ein weiteres Jahr mit Räikkönen stehen, steht aber nicht für einen Fall der Aktie Leclerc. Vielmehr wäre allgemein erwartet worden, dass der Finne wie in den vergangenen Jahren während der ersten Saisonhälfte seine Zukunft klärt. Genug dafür getan um weiterhin ein ernsthafter Kandidat für Ferrari zu sein, hat Leclerc in seinen ersten zwölf Rennen in der Königsklasse.

Nicht nur mit seinen 13 WM-Punkten stach er aus der Masse heraus. Dreimal gelang ihm im unterlegenen Sauber C37 der Sprung ins Q3. Mit dem sechsten Platz von Baku steht für Leclerc außerdem ein echtes Top-Resultat für Sauber-Verhältnisse zubuche. Darüber hinaus bewies er in Zweikämpfen gegen Fernando Alonso in Barcelona und Montreal seine Qualitäten gegen einen der besten Piloten im Grid.

Leclercs etwas andere Einstellung: Extrem schwierig, Positives zu sehen

Trotz dieses eindrucksvollen Bewerbungsschreibens übt sich Leclerc im Extrem-Tiefstapeln. "Es ist für mich extrem schwierig, etwas Positives in dem zu sehen, was ich mache", so der 20-Jährige über seine Einstellung zum Rennfahren. "Ich bin immer sehr selbstkritisch und sehe nur das Negative in meiner Leistung."

Selbst seine eigene Erfolgsgeschichte will er sich nicht so richtig auf die eigene Fahne schreiben: "Wenn ich gute Ergebnisse habe, sage ich, dass es dem Team zu verdanken ist. Wenn die Resultate schlecht sind, sage ich, dass es meine Schuld ist." Worte, die man von einem Leistungssportler nur selten hört - vor allem in der Formel 1, wo selbst Weltmeister ihre Fehler auf Windböen und die Technik abwälzen.

Ob Leclerc mit einer derart ungewöhnlichen Einstellung gegen Champions wie Hamilton oder Vettel bestehen kann? "Keine Ahnung, das ist weit weg", so der Monegasse. "Ich denke aber, dass es der richtige Ansatz ist, die Dinge so zu sehen." In der Formel 2 dominierte Leclerc 2017 nach Belieben und auch da habe er es nicht anders gehandhabt. "Ich war immer so. Ich denke, dass ich so schneller wachse."

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Leclerc über Formel-1-Debüt: Ersten drei Rennen waren schwierig

Zugegeben, ein bisschen etwas vorwerfen kann sich Leclerc schon. Neben seiner atemberaubenden Pace zogen auch seine doch recht zahlreichen Ausritte die Aufmerksamkeit auf sich. Im Regen von Hockenheim ging Leclerc gleich mehrmals fliegen, bei den Wintertestfahrten war er ein regelrechter Stammgast im Kiesbett.

Gerade zu Saisonbeginn war seine Erfolgsgeschichte längst nicht abzusehen. "Die ersten drei Rennen waren schwierig für mich", erklärt Leclerc, der ganz zu Anfang noch gegen Teamkollege Marcus Ericsson das Nachsehen hatte, den er mittlerweile nach Belieben dominiert. "Ich musste viel lernen, über alles eigentlich. Das viel stärkere Auto, mehr Anpressdruck, mehr Menschen um mich herum, mehr Medien", fügt er an.

Umso steiler ging es danach bergauf. In Baku fuhr sich Leclerc ins Rampenlicht und holte dabei seine ersten Punkte in der Formel 1. Zwischen Aserbaidschan und Österreich punktete er in sechs Rennen fünf Mal. "Insgesamt war es sehr positiv", so Leclerc. Tatsächlich begannen quasi zeitgleich mit Baku die Berichte, die ihn als Räikkönen-Nachfolger in den Ferrari schrieben.

Statistik-Vergleich, Formel-1-Saison 2018: Ericsson vs. Leclerc

Statistik - RennenEricssonLeclerc
Rennduell55
Ø Rennplatzierung12.212.2
Bestes Rennergebnis96
Statistik - Qualifying
Q1-Aus84
Q2-Einzug45
Q3-Einzug03
Qualifying-Duell39
Ø Qualifying-Platzierung16.8314
Bestes Qualifying-Ergebnis139
Ø Abstand Teamkollege (Sek.)1.313-1.313
Statistik - Saison
Starts1212
Siege00
Podien00
Top-1035
Ausfälle22
WM-Punke513
WM-Rang1715

Ferrari-Gerüchte amüsieren Leclerc: Immer ein Vergnügen

"Es ist immer ein Vergnügen diese Artikel zu lesen, die mich bei Ferrari sehen", sagt Leclerc. "Denn das ist mein Traum, seit ich ein Kind bin." Zu Kopf gestiegen ist ihm all das aber keineswegs. "Es ist für mich kein Problem, zum Rennen zu kommen und meinen Fokus darauf zu richten. An der Strecke denke ich nicht im Geringsten über irgendwelche Gerüchte nach."

In der Sommerpause wird er dafür umso mehr Zeit gehabt haben, von einer Zukunft bei der Scuderia zu träumen. Zuletzt wurde ein Verbleib von Räikkönen aber wieder wahrscheinlicher als noch vor einigen Wochen. Zwar war zwischen dem 38-Jährigen und der Scuderia in der Vergangenheit zu diesem Zeitpunkt des Jahres schon alles geregelt, doch gerade das lässt die Fans des Iceman hoffen.

Dass der sonst so kalkulierte Finne Ewigkeiten braucht um sich zu entscheiden, erscheint untypisch. Ebenso eine impulsive Rücktrittserklärung in den letzten Atemzügen der Saison. Vielleicht ist Räikkönen aber auch wie Alonso bereits seit langem klar, dass Ende 2018 Schluss ist, und er wartet nur noch auf den richtigen Moment. Allzu lange kann es jedenfalls nicht mehr dauern, bis auch Leclerc Gewissheit über seine Zukunft haben wird.

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