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Formel 1

F1-Trainingsanalyse Spielberg: Mercedes mit Upgrade vor Vettel?

Mercedes scheint auch in Österreich den Ton anzugeben. Aber Vettel ist am Freitag stärker als zuletzt, Red Bull dafür abgeschlagen. Die Trainings-Analyse.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Beim Blick auf die Ergebnisliste könnte einem Angst und Bange werden: Nach der dominanten Vorstellung in Frankreich scheint Mercedes auch in Österreich das dominierende Formel-1-Team zu sein. Dabei hat Lewis Hamilton erst vor einer Woche die WM-Führung von Sebastian Vettel übernommen - zieht er nun davon?

Die Frage ist berechtigt, weil die Mercedes-Dominanz in Frankreich aufgrund von Streckencharakteristik, Asphaltbeschaffenheit und Reifen nicht unerwartet kam. Doch in Österreich erwarteten viele ein ausgeglichenes Bild, wenn nicht sogar Ferrari in Front. Doch Mercedes brachte mitten im Triple-Header ein größeres Aerodynamik-Update. Der Schlüssel zum Erfolg?

Ultrasoft macht in Spielberg schon in erster Runde Probleme

Auf den zweiten Blick wirkt die Mercedes-Dominanz sogar noch stärker. Lewis Hamilton fuhr seine schnellste Runde auf Soft - alle anderen hatten die Supersoft aufgeschnallt. Sein Vorsprung - auf der zeitmäßig kürzesten Rennstrecke des Formel-1-Kalenders 2018 - betrug trotz dieses vermeintlichen Reifen-Nachteils 0,176 Sekunden auf Teamkollege Valtteri Bottas und 0,236 Sekunden auf Vettel.

Vermeintlich, weil die Sachlage nicht ganz klar ist. In der Theorie ist der Ultrasoft rund 0,3 Sekunden schneller als Supersoft Der wiederum soll etwas schneller sein als Soft. In der Praxis allerdings sieht es anders aus. Im Gegensatz zu zum Supersoft und Soft hat der Ultrasoft nämlich Probleme mit dem Graining. Das kann sogar schon in der ersten schnellen Runde auftreten, der Reifen-Vorteil wird dadurch eliminiert.

Pirelli: Mercedes, Ferrari und Red Bull werden Ultrasoft meiden

Am Freitag war das Graining beim Ultrasoft besonders schlimm. Der Asphalt entwickelte sich seit dem letzten Jahr stark, ist nun deutlich rauer. Das Setup der Autos wurde darauf wohl noch nicht perfekt eingestellt. Pirelli erwartet diesbezüglich deutliche Besserung am Samstag. Regen am Donnerstag machte die Strecke zusätzlich grün. Sollte es von Freitag auf Samstag nicht mehr regnen, wird das Grip-Niveau deutlich steigen - und die Graining-Probleme damit sinken.

Trotzdem glaubt man beim Reifenausrüster, dass die Top-Teams den Ultrasoft auf jeden Fall vermeiden wollen. Aufgrund der geringen Delta-Zeit können sich Mercedes, Ferrari und Red Bull im Q2 locker auf Supersoft qualifizieren.

Das würde einen Start auf Supersoft und einen zweiten und letzten Stint auf Soft bedeuten. Das Einstopp-Rennen ist garantiert. Um die Haltbarkeit muss man sich keine Sorgen machen: Selbst bei einem frühen Stopp sollte der Soft locker bis zum Rennende halten.

Mercedes mit Update zufrieden, Konkurrenz geschockt

Doch trotzdem ist die Konkurrenz von Mercedes geschockt - zumindest vom WM-Führenden im Silberpfeil. "Hamilton fuhr in einer eigenen Liga", meint Red Bulls Motorsportberater Dr. Helmut Marko.

Und tatsächlich war man auch bei Mercedes selbst nach dem Freitag mit den neuen Teilen recht zufrieden. "Wir haben ein recht umfassendes Aero-Kit hierher mitgebracht und glücklicherweise scheint alles wie erwartet zu funktionieren", freut sich Mercedes' Andrew Shovlin. Lewis Hamilton stimmt zu: "Es ist wirklich fantastisch, die Updates am Auto zu sehen. Das Auto fühlt sich in bestimmten Bereichen der Strecke besser an, was schon jetzt ein Fortschritt im Vergleich zur vergangenen Woche ist. Als ich im ersten Training das erste Mal aus der Box gefahren bin, fühlte sich das Auto auf Anhieb besser an."

Vettel im Ferrari plötzlich für Freitage erstaunlich stark

Doch auch wenn Vettels Zeit auf den ersten Blick nicht spektakulär scheint, der Ferrari-Star fuhr für seine Verhältnisse einen guten Freitag. Zuletzt lag Vettel in den Trainings noch deutlich zurück. Das weiß auch Mercedes. "Ferrari gelingt normalerweise ein großer Schritt vom Freitag auf den Samstag. Aus diesem Grund messen wir den Rundenzeiten von heute keine allzu große Bedeutung bei", so Shovlin.

Vettel selbst sieht es ähnlich: "Wir hatten auf eine Runde vielleicht mehr erwartet, aber ich glaube das ganze Feld hat sich schwer getan, mit den Ultrasoftreifen mehr herauszuholen. Vielleicht waren wir da noch am besseren Ende des Feldes. Auch die Longruns waren ganz okay, es sah relativ konstant aus. Wir waren mit am längsten draußen und haben deshalb mit am meisten Daten. Heute war ein besserer Freitag als die vergangenen."

Ferrari im Soft-Longrun gut dabei

Vettel hörte sich schon pessimistischer an. Die Longruns lassen sich auf dem Red Bull Ring aus zwei Gründen gut vergleichen: Erstens ist die Runde kurz und die Runs gehen somit über mehrere Runden, zweitens fuhren alle Piloten zur gleichen Zeit auf den gleichen Reifenmischungen.

Und tatsächlich sieht es auf die Longruns gar nicht einmal so schlecht aus. Zumindest auf den Soft-Pneus. Dort lag Vettel knapp zwei Zehntelsekunden hinter Hamilton, fuhr allerdings ein paar Runden länger. Auf den Ultrasoft allerdings fehlte Vettel noch etwas auf Mercedes: Gut vier Zehntelsekunden war Bottas schneller als Vettel. Hamiltons Mini-Longrun auf Ultrasoft ist nicht besonders repräsentativ.

Longruns Ultrasoft

Fahrer Stint-Länge gefahren gegen Reifen-Alter Zeit
Bottas 12 Anfang 25 1:08,359
Vettel 18 Anfang 27 1:08,796
Hamilton 2 Anfang 16 1:09,104
Räikkönen 13 Anfang 11 1:09,183
Verstappen 11 Anfang 20 1:09,262
Ricciardo 7 Anfang 22 1:09,535

Longruns Supersoft

Fahrer Stint-Länge gefahren gegen Reifen-Alter Zeit
Bottas 2 Ende 13 1:07,873
Räikkönen 3 Ende 24 1:08,521
Ricciardo 15 Ende 26 1:08,917

Longruns Soft

Fahrer Stint-Länge gefahren gegen Reifen-Alter Zeit
Hamilton 7 Ende 17 1:07,809
Vettel 11 Ende 25 1:07,995
Verstappen 13 Ende 28 1:08,798

Gut für Ferrari also, dass der Ultrasoft womöglich im Rennen gar nicht zum Einsatz kommt. Der Supersoft wurde bei den Longruns etwas stiefmütterlich behandelt. Nur Daniel Ricciardo fuhr viele Runden auf der roten Mischung - die allerdings nicht besonders schnell.

Doch was war mit Red Bull los? "Wir tun uns schwer", musste Dr. Helmut Marko gestehen. "Auf keiner Reifenmischung hat es funktioniert." Das zeigen nicht nur die Rückstände auf eine Runde. Auch die Longruns waren katastrophal. Auf allen Mischungen waren Daniel Ricciardo und Max Verstappen deutlich hinter Ferrari und Mercedes.

Marko: Red Bull Chassis zählt zu den besten - Interview: (05:54 Min.)

Das Formtief kommt nicht nur aufgrund des Heimspiels zur falschen Zeit: Ausgerechnet in Österreich soll Red Bull erstmals eine Qualifikations-Modus zur Verfügung haben. Über Nacht wird es deshalb Sonderschichten im Simulator geben, um das Setup zu verbessern.

Fazit: Mercedes sieht stark aus, keine Frage. Aber Ferrari sieht nicht so schlecht aus, wie manch einer glaubt. Macht Vettel den üblichen Schritt von Freitag auf Samstag, ist Mercedes durchaus in Reichweite. Red Bull hingegen scheint auf dem falschen Fuß erwischt zu sein. Der neue Qualifying-Modus macht den Abstand am Samstag höchsten nicht größer, den Rest kann die Simualtorarbeit wohl nicht reinholen.


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