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Formel-1-Rennanalyse Barcelona: War Vettels Stopp notwendig?

Sebastian Vettel und Ferrari standen nach dem Spanien GP 2018 da wie die Idioten: Ein Extra-Stopp kostete das Podium. War der Reifenwechsel wirklich nötig?
von Christian Menath
Formel 1 Spanien 2018: Ferrari - Spiegel, Reifen & Strategie: (10:49 Min.)

Im Nachhinein ist man immer schlauer. Das gilt für die Rubrik der Rennanalyse eigentlich immer. Aber das Formel-1-Rennen in Spanien ist etwas anders. Denn während sich Zuschauer und Experten eigentlich einig sind, dass Sebastian Vettels zweiter Boxenstopps ein Fehler war, bestreitet es der Ferrari-Pilot selbst.

Doch der Reihe nach: Am Start ging Vettel von Position drei an Mercedes-Pilot Valtteri Bottas vorbei und sicherte sich Platz zwei hinter Lewis Hamilton. Während sich Hamilton vorne absetzen konnte, fuhr Vettel auf Rang zwei und musste eher in seine neuen und inzwischen verbotenen Rückspiegel schauen. Weil Überholen in Barcelona aber nahezu unmöglich ist, konnte Bottas auch im deutlich schnelleren Mercedes nichts gegen Vettel ausrichten.

Mercedes-Problem rettet Vettel beim ersten Stopp

In Runde 17 kam Vettel als erster Pilot zu seinem regulären Reifenwechsel. Der Plan schien zunächst nicht aufzugehen, Vettel konnte mit frischen Medium-Pneus nicht schneller fahren als Bottas auf den abgefahrenen Soft. Im Gegenteil: Bottas machte Zeit auf Vettel gut. Nach zwei Runden hatte Bottas Vettel virtuell schon überholt, kam dann in Runde 19 zum Stopp. Weil hinten links das Rad aber nicht richtig von der Felge ging, dauerte der Stopp untypisch lange - Bottas kam wieder knapp hinter Vettel zurück auf die Strecke.

Eigentlich hätte von diesem Zeitpunkt an alles so zu Ende gehen können. Allerdings kam noch einmal Schwung in das Rennen, als Esteban Ocon seinen Force India abstellen musste und sich die Rennleitung für VSC entschied. Vettel nutzte die vermeintliche Gunst der Stunde und kam als einziger Top-Pilot noch einmal zum Reifenwechsel.

Sebastian Vettel verbremst sich in der Box

An der Boxenausfahrt die böse Überraschung: Vettel kam nicht auf Platz drei hinter Bottas zurück, sondern auf Rang vier, direkt hinter Max Verstappen. Unter normalen Umständen wäre Vettel vor dem Red Bull wieder zurück auf die Strecke gekommen, allerdings verlor er beim Boxenstopp rund zwei Sekunden, weil er seine Parkposition nicht richtig erwischte. "Dadurch mussten die Mechaniker nachrücken, das hat Zeit gekostet", gab sich Vettel selbstkritisch. "Dazu hatte ich aber auch noch etwas Verkehr in der Boxengasse."

Und schnell wurde klar, dass der Plan des zusätzlichen Boxenstopps nicht aufgehen würde. Obwohl sich Verstappen einen Teil des Frontflügels abgefahren hatte, machte Vettel gegen Verstappen keinen Stich.

Vettel: Haben es mit Reifen einfach nicht geschafft

Die große Frage lautet nun: War der zweite Boxenstopp ein Fehler oder war er schlicht notwendig? "Wir konnten die Reifen einfach nicht am Leben halten", rechtfertigte Vettel nach dem Rennen die fragwürdige Ferrari-Strategie.

Formel 1 Spanien 2018: Ferrari - Spiegel, Reifen & Strategie: (10:49 Min.)

Auch wenn es auf den ersten Blick einfach aussehen mag, der Sachverhalt ist etwas komplizierter. Die Reifen waren in Barcelona besonders. Eine 0,4 Millimeter dünnere Lauffläche sorgte für ein besseres Temperaturmanagement. Deshalb gab es quasi kaum Blistering und Graining.

Kein Reifenabbau in Barcelona

Gleichzeitig hat der neue, extrem sanfte Asphalt eine besondere Wirkung auf die Reifen. Er bietet zwar unglaublich viel Grip, lässt die Reifen aber nicht abbauen. Wichtig: Abbau und Verschleiß sind zwei unterschiedliche Dinge. Der Abbau bezeichnet einen Performance-Verlust, der Verschleiß ist, wie viel Gummi der Reifen verliert.

Ein Performance-Verlust trat in Barcelona nicht ein. Er wäre erst eingetreten, wenn der gesamte Gummi auf der Lauffläche aufgebraucht ist. Dann fahren die Piloten auf einer Sicherheitsschicht, fast auf der Karkasse des Reifens. Passiert das, gibt es einen regelrechten Einbruch der Rundenzeiten. Den gab es aber bei keinem einzigen Piloten.

Für den Fahrer ist der Verschleiß auch nicht zu spüren. Die Ingenieure hingegen können ihn einigermaßen überwachen. Temperatursensoren in den Felgen zeigen die Karkassentemperatur. Sinkt die Karkassentemperatur und stabilisiert sich auf einem niedrigeren Niveau, ist das ein Zeichen für Verschleiß, dass weniger Gummi auf dem Reifen ist.

Entsprechend ist es nur bedingt relevant, die Rundenzeiten heranzuziehen. Einen offensichtlichen Einbruch der Rundenzeiten gab es bei Vettel weder vor dem ersten, noch vor dem zweiten Stopp. Der leichte Anstieg vor dem zweiten Stopp ist dem Verkehr geschuldet. Daraus abzuleiten, die Reifen seien in einem guten Zustand gewesen, der Stopp überflüssig, wäre nicht richtig.

Hamilton & Bottas kamen weit besser mit Reifen klar

Es erscheint aber merkwürdig, warum die Konkurrenz offenbar wenig Probleme mit einer Einstopp-Strategie hatte. "Es war ein sehr einfaches Einstopp-Rennen", sagte Lewis Hamilton nach seinem Sieg sogar. "Die Reifen haben sich besser als erwartet verhalten. Ich bin froh, dass das Team so gut darauf reagiert hat und Ferrari vielleicht nicht", meinte Bottas. "Ich glaube, wir hatten heute eine gute Rennintelligenz."

Doch auch die meisten anderen Teams hatten diese Rennintelligenz, warum nicht Ferrari? War der Reifenverschleiß einfach höher als bei der Konkurrenz? Kimi Räikkönen verriet nach seinem Ausfall, dass er auf einer klaren Einstopp-Strategie unterwegs war. Warum dann nicht Vettel? "Man kann es nicht vergleichen, wenn man in unterschiedlichen Positionen ist", sagte der Deutsche zu Motorsport-Magazin.com. "Wenn du in einer anderen Position bist, kannst du etwas probieren. Er ist ausgeschieden, deshalb wissen wir nicht, was passiert wäre."

Vettel: Darum nur auf Medium gewechselt

Auch Pirellis Mario Isola hätte den zweiten Stopp bei Vettel nicht erwartet. "Es ging nur um die Lebensdauer der Reifen, nicht um den Abbau. Die Lebensdauer der Mediums war aber ziemlich hoch. Wenn ich mir seine Rundenzeiten ansehe, hatte er noch keinen Einbruch."

Neben Vettel kamen übrigens nur Perez und Sirotkin während der VSC-Phase zu einem zweiten Reifenwechsel. Im Gegensatz zum Ferrari-Piloten wechselten sie aber auf Soft, respektive Supersoft. Ferrari setzte Vettel für den Schlussspurt noch einmal auf Medium.

Dabei wäre die schnellste Zweistopp-Strategie laut Pirelli eine andere gewesen. Zweimal Soft, einmal Supersoft, sagten die Analysen. Einen frischen Satz Softs hatte Vettel nicht mehr, ein nagelneuer Satz Supersofts stand allerdings noch zur Verfügung.

Fazit: Möglicherweise machte Ferrari den Fehler nicht mit dem zweiten Stopp, sondern schon mit dem ersten. Unter normalen Umständen hätte man durch den frühen Stopp in Runde 17 die Position gegen Bottas verloren. Und nur durch den frühen ersten Stopp brachte sich Ferrari selbst in die Bredouille. Kimi Räikkönen verriet schließlich, dass eine Einstopp-Strategie von Anfang an geplant war.

Normalerweise ist Ferrari eher bekannt dafür, zu viel mit den Reifen zu riskieren, als einen Sicherheitsstopp einzulegen. Die VSC-Phase wirkte aber wohl wie ein Lockmittel für den zusätzlichen Stopp. Unter normalen Umständen hätte sich wohl Bottas die Zähne bis zum Schluss an Vettel ausgebissen, statt Vettel an Verstappen.

Formel 1 Spanien 2018: Ferrari - Spiegel, Reifen & Strategie: (10:49 Min.)


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