Formel 1 / Hintergrund

Formel 1 2018 - WM-Kampf verrückt: So müsste es wirklich stehen

In der F1 tobt 2018 nach vier Rennen ein unberechenbarer WM-Kampf. Hamilton luchst Vettel die Spitze ab. Eigentlich müsste der Leader Bottas heißen.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Für Sebastian Vettel scheint alles perfekt auszusehen. Zwei Siege zum Start in die neue Formel-1-Saison 2018 für den Ferrari-Piloten. Dann wieder zwei Pole Positions in China und Aserbaidschan. Doch in beiden Fällen keine Siege. In Shanghai verliert Ferrari im Strategie-Schach gegen Mercedes, Max Verstappen verpasst Vettel den Gnadenstoß. Nur P8. In Baku gipfelt die nächste suboptimale Ferrari-Strategie auch noch im ersten echten Vettel-Fehler. Verbremser. P4 statt Sieg.

Die kuriosen Folgen: Erst macht Lewis Hamilton trotz Platz vier am Ende eines schwachen Wochenendes und Rennens beim China GP mehr Punkte auf Vettel gut als es mit einem Sieg vor seinem deutschen Erzrivalen auf P2 möglich gewesen wäre. Dann erobert er in Baku nicht nur dank des Vettel-Patzers, sondern vor allem des unfassbaren Pechs seines Mercedes-Teamkollegen Valtteri Bottas sogar erstmals die WM-Führung.

Formel 1: Valtteri Bottas müsste WM-Wertung 2018 anführen

Das ist Hamilton fast schon peinlich. Der Weltmeister möchte gar nicht feiern, meint, diese Ehre gebühre nicht ihm. Wenn in Baku einer hätte jubeln dürfen, dann sein Teamkollege. Doch der ist zu Tode betrübt, fährt mit leeren Händen heim. Statt mit 25 Punkten.

25 Punkten, die für den Finnen die WM-Führung bedeutet hätten. Aktuell kommt Bottas auf 40, wäre mit dem Sieg also bei 65 und damit hinter Vettel und Hamilton - doch würden bei denen ja wieder Punkte wegfallen, hätte Bottas' Reifen im Duell mit einem Trümmer nicht den Kürzeren gezogen. Genug, um Bottas an die Spitze zu katapultieren.

Bottas hatte auch in China Sieg verdient

Genau deshalb ist es für Bottas insgesamt sogar noch ein bittersüßes Gefühl. Der Finne weiß, wo er eigentlich stehen müsste. "Es tut weh, aber wir können auch Positives mitnehmen", sagt der jetzt gar nur WM-Vierte "Denn wir waren konkurrenzfähig und hätten da oben stehen können. Das Auto fühlte sich stark an. Wir hatten eine gute Pace, vielleicht besser als gedacht."

Das war nicht der erste Fall. Schon in China hätte Bottas gewinnen müssen. Mercedes war Ferrari in Sachen Pace vielleicht nicht gewachsen, doch strategisch überlegen. Hätte das späte Safety Car das Rennen in Shanghai zugunsten Red Bulls nicht völlig auf den Kopf gestellt, wäre der präzise Mercedes-Undercut mit Bottas von Ferrari nicht mehr zu korrigieren gewesen, zudem Vettel-Schützenhilfe durch Kimi Räikkönen gescheitert war. Auch Mercedes und Bottas lässt sich ein verpasster eigener Reifenwechsel im Duell mit Red Bull nicht vorwerfen. Die Position auf der Strecke ließ diesen nicht zu.

Kimi Räikkönen ohne Ferrari-Boxendrama in Bahrain vorne dabei

Apropos Räikkönen. Nicht nur Bottas, auch der andere Finne im Formel-1-Feld sieht im WM-Stand genauso unverschuldet schlechter aus, als er dastehen könnte. Alleine in Bahrain hätte der Finne ohne den dramatischen Boxenstopp-Patzer Ferraris wenigstens Platz vier und damit zwölf Punkte geholt, eventuell wäre - dank neun Runden frischerer Reifen und rund fünf Sekunden Rückstand auf Hamilton vor dem Schlusssprint - sogar P3 drin gewesen.

Damit nicht genug. In Australien war Vettel der Gewinner des Safety Cars, Räikkönen der große Verlierer. Zuvor hatte der Finne vor dem Deutschen gelegen. Wieder spielten die Faktoren Glück und Pech, manch einer mag es auch Zufall nennen, das Zünglein an der Waage. Bei regulärem Rennverlauf hätte jedoch ziemlich sicher Hamilton vor Räikkönen und Vettel gewonnen. In Shanghai dagegen verlor Räikkönen durch seine Hilfe für Vettel dramatisch viel Zeit und zwei Positionen, bekam durch den Verstappen-Abschuss Vettels aber sogar einen Platz und damit drei Punkte mehr zurück.

In Baku erhielt der weiterhin letzte Ferrari-Weltmeister dank Red-Bull-Crash, Vettel-Verbremser und Bottas-Pech ebenfalls jede Menge Punkte zurück, doch hat das, Räikkönen selbst zufolge, nichts mit ausgleichender Gerechtigkeit zu tun. "Ich würde nicht sagen, dass ich über die Jahre besonders viel Glück hatte, aber ich verlasse mich auch nicht auf Glück. Darauf kannst du nicht zählen", sagt Räikkönen.

Deshalb habe auch der erstaunliche zweite Platz nach einem für den Iceman ziemlich chaotischen Wochenende in Baku (Fehler im Qualifying, Unfall mit Esteban Ocon im Startgetümmel) nichts mit Glück zu tun. Anders als viele Konkurrenten habe er sich eben nichts Entscheidendes - ein Mauerkontakt kurz vor Rennende blieb ohne Folgen für den Finnen - mehr zuschulden kommen lassen, als es im Rennen wirklich zählte, so Räikkönen.

Bereinigter WM-Stand in Formel 1 kaum messbar

Zwei Positionen machte Räikkönen in Baku im WM-Klassement gut, überholte Bottas und Ricciardo, ist mit 48 Punkten jetzt Dritter - 8 vor Bottas, 18 hinter Vettel. Alleine mit den potentiellen 12 Punkten aus Bahrain wäre er noch deutlich näher dran, bei normalem Rennverlauf in Australien sogar zwischen Hamilton und Vettel. Wäre es in Bahrain statt Ausfall sogar P3, nicht nur die sichere P4 geworden, würde der Iceman sogar nur einen Punkt hinter Hamilton rangieren. Dafür müsste man wiederum drei in China abziehen.

Insgesamt aber noch immer ein hochspekulatives Spiel. Objektiv lassen sich in der Formel 1 Glück und Pech nicht einfach so gegeneinander aufwiegen. Es lässt sich selten einschätzen, welch andere Folgen nur geringfügige Änderungen auf einen Rennverlauf genommen hätten. Die genannten Einflussnahmen des Safety-Cars sind wie beschreiben noch recht gut zu erklären. Doch was ist mit Ausfällen durch technische Defekte? Unmöglich zu sagen, wo etwa Daniel Ricciardo in Bahrain hätte landen können. Ausfälle durch Unfälle dagegen sind wieder klar. Verstappens Nuller in Bahrain und Aserbaidschan (dort auch Ricciardo) liegen klar in deren Eigenverantwortung.

WM-Ausblick: Ferrari mit Vorteil gegen Mercedes

Wie es jetzt weitergeht? Vielleicht genauso unvorhersehbar wie bislang. Seiner Sache sicher ist sich in der Formel 1 gerade jedenfalls niemand. Mehr als Mutmaßungen gibt es selbst nach vier Rennen noch nicht. "Es scheint so, als ob Ferrari noch immer das bessere Auto hat", sagt etwa Hamilton.

Formel 1 2018: So verlor Vettel den Sieg in Baku: (58:33 Min.)

Leichte Tendenzen gehen jedoch in Richtung der Scuderia. Ferrari als das Team, das es jetzt zu schlagen gilt. "Sie waren für einen Großteil des Wochenendes schneller als wir. Wir konnten im Rennen nur geradeso an ihnen dranbleiben", mahnt Hamilton. "Das Gefühl, das bei uns allen bleibt, ist, dass wir das ganze Wochenende über nicht die Pace hatten, die wir hätten haben müssen", bestätigt Mercedes-Teamchef Toto Wolff.

Die WM-Führung Hamiltons jedenfalls bedeute kaum etwas. Einzig: "Für Lewis hat sich damit wohl das Pech vom Saisonbeginn wieder ausgeglichen. Es ist wahrscheinlich fair, zu sagen, dass er heute den verlorenen Sieg von Melbourne zurückbekommen hat. Aber natürlich wissen wir, dass noch viel Arbeit vor uns liegt, um die Pace unseres Autos für einen engen Dreikampf im Rest der Saison zu verbessern."

Vettel, Räikkönen & Ferrari-Chef legen Understatement ad acta

Und Ferrari selbst? Redet sich inzwischen sogar selbst stark. "Unser Auto hat sich als sehr konkurrenzfähig erwiesen und ist in der Lage, auf jeder Art von Strecke gut abzuschneiden", sagt Teamchef Maurizio Arrivabene. "Von der Hitze in Bahrain über die kühlen Temperaturen in China und das windige Baku: Der SF17H war immer konkurrenzfähig", bestätigt Liberty-Sportchef Ross Brawn. Selbst Vettel schiebt die Favoritenrolle jetzt nicht mehr zu Mercedes. Understatement? War einmal. "Wir haben ein Auto, mit dem wir im Qualifying etwas anstellen können. Und wenn wir vorne starten, können wir im Rennen was machen, wir haben gute Rennpace, da bin ich nicht im Ansatz besorgt", sagt Vettel.

Somit sei Ferrari jetzt noch deutlich stärker aufgestellt als schon 2017. "Es ist ganz anders als im vergangenen Jahr, als wir im Quali die meiste Zeit nicht konkurrenzfähig genug waren - und später in der Saison auch im Rennen nicht konkurrenzfähig genug, um die Dinge zu schaffen. Jetzt sind wir schnell genug, damit uns diese Dinge gelingen. Das Auto ist da und wir müssen sicherstellen, dass es da bleibt", sagt Vettel.

Kimi Räikkönen schließt sich voll und ganz an. "Wir sind für die Zukunft ziemlich zuversichtlich, denn wir haben den Speed und das ist die Hauptsache. Wir müssen nur all die Fehler und Problemchen minimieren, um die ganze Zeit da vorne zu sein. Ich habe auf jeden Fall den Speed. Ich weiß, dass ich den Speed habe. Wir müssen nur alles zusammenbringen, dann können wir noch besser sein", sagt Räikkönen voller Überzeugung.

Hamilton: Ferrari deutlich vor Mercedes - und mir

Weit weniger euphorisch klingt die Konkurrenz. "Wir haben definitiv noch Arbeit zu tun, sind noch immer hinten. Dass ist vorne angekommen bin (in Baku, Anm. d. Red.) war vielen Umständen geschuldet. Kimi war fast auf Pole, lag zwei Zehntel vor Sebastian. Ihre rohe Pace ist also deutlich vor unserer", stellt Lewis Hamilton sogar ziemlich ernüchtert fest.

"Im Rennen hat Sebastian gemanagt, da bin ich mir ziemlich sicher. Ihre Pace ist also auch im Rennen etwas vor unserer", meint Hamilton. Mercedes und Bottas dagegen waren davon ausgegangen, Vettel auch ohne Safety Car in einem stärken zweiten Stint zumindest einholen zu können. "Ein furchtbares Auto haben wir aber auf keinste Weise", relativiert Hamilton. "Wir müssen nur etwas nachjustieren, es leichter fahrbar machen. Wir brauchen auf jeden Fall eine Verbesserung. Und ich selbst muss auch herausfinden, wie ich dieses Auto etwas besser verstehen kann."

Das sei noch wichtiger als das Entwicklungsrennen, wenngleich Hamilton auch hier einen Schlüsselfaktor im WM-Kampf sieht. "Das wird auf jeden Fall wichtig sein, aber es ist mehr, das wahre Potential des Autos abzurufen. Denn ist Australien hatte wir ja schon auf dem richtigen Fuß begonnen. Aber jetzt sind wir hinter ihnen, hinter den Ferrari und kämpfen damit, aufzuholen."

Auf glückliche Rennen wie Baku dürfe sich Mercedes nicht verlassen. "Es gab jetzt schon zwei komische Rennen, die dafür gesorgt haben, dass wir weiter dabei sind. Aber wir können nicht darauf vertrauen, dass es in den nächsten 17 Rennen noch mehr davon gibt. Wir brauchen Performance und Vertrauen ins Auto."


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