Formel 1

Hamilton trotz Sieg kritisch: Ungewohnt viele Fehler von mir

Lewis Hamilton konnte seinen Sieg bei der Formel 1 in Baku kaum fassen. Der Mercedes-Pilot freute sich angesichts seiner eigenen Performance nur bedingt.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Lewis Hamilton war beim vierten Rennen der Formel-1-Saison 2018 sowohl was die Pace als auch die Strategie anging über weite Strecke kein Siegkandidat. Am Ende feierte der Weltmeister trotzdem seinen ersten Saisonsieg, mit dem er Sebastian Vettel obendrein noch die WM-Führung entriss. In Euphorie verfiel Hamilton angesichts dessen aber noch lange nicht. Er war mit seiner eigenen Performance nicht zufrieden.

"Ich denke, es lief heute wirklich, wirklich glücklich", so Hamilton, der erst drei Runden vor Schluss die Führung von Teamkollege Valtteri Bottas übernahm, als dieser mit einem Reifenschaden ausfiel. "Es sind mir im Rennen zu viele Fehler unterlaufen, was für mich ungewöhnlich ist. Ich habe mit dem Auto gekämpft und mit den Reifen. Das ist etwas, das ich nicht auf die leichte Schulter nehme", sparte er nicht mit Selbstkritik.

Bis das Red-Bull-Duo mit seinem Crash im letzten Renndrittel die zweite Safety-Car-Phase auslöste, wäre für Hamilton selbst ein zweiter Platz eher ein glückliches Resultat gewesen. Nach dem Start war er zwar zunächst Vettels erster Verfolger, leistete sich in der entscheidenden Phase vor seinem ersten Boxenstopp jedoch einen Fehler und büßte seine Siegchancen durch diesen mehr oder weniger schon ein.

Verbremser wirft Hamiltons Strategie über den Haufen

Ende der Start- und Zielgeraden verbremste er sich, woraufhin er komplett den Anschluss an Vettel verlor und obendrein seine eigene Strategie über den Haufen warf. "Lewis wurde beim Anbremsen von einer Windböe erwischt und fuhr sich auf seinem ersten Reifensatz einen Bremsplatten ein", erklärte Mercedes-Teamchef Toto Wolff. Der Boxenstopp musste daraufhin vorgezogen werden.

Laut den Daten von Mercedes hatte Hamilton zunächst 25 km/h Gegenwind und dann plötzlich 15 km/h Rückenwind, weshalb der Bremspunkt auf einmal nicht mehr passte und er beim Anbremsen über das Ziel hinaus schoss. "Es war das herausfordernste Rennen, an das ich mich erinnern kann. Besonders mit dem Wind. Das hat es wirklich zum schwierigsten Rennen gemacht, fast wie ein Regenrennen", so Hamilton.

In Folge des Fehlers war Hamilton zur Einstopp-Strategie gezwungen. Nach seinem Reifenwechsel von Supersoft auf Soft in der 22. Runde mauserte sich Bottas mit seiner Ultrasoft-Strategie langsam zur größten Gefahr für Vettel. "Valtteri hat heute einen außergewöhnlichen Job gemacht und er hätte den Sieg wirklich verdient. Auch Sebastian hat einen tollen Job gemacht", gab Hamilton unumwunden zu.

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Hamilton konnte Potential nicht voll ausschöpfen

Zwar gewann er erstmals seit Australiern wieder das Qualifying-Duell gegen Bottas, doch unter dem Strich sah sich Hamilton nicht als Siegkandidaten. "Ich habe das ganze Wochenende gekämpft und hatte definitiv Probleme, das Potential voll auszuschöpfen - sowohl das des Autos als auch mein eigenes", sparte er nicht mit Selbstkritik. "Ich muss für heute dankbar sein, denn es war so ein schwieriges Rennen und du wusstest nicht, was passieren würde."

"Plötzlich war ich in Führung und konnte es nicht glauben. Ich hatte den Ferrari hinter mir und betete einfach nur, dass ich es zusammenbekomme, konzentriert zu bleiben und es nach Hause zu bringen", so Hamilton über die kurze und intensive Zeit an der Spitze des Feldes. Nachdem Ferrari das gesamte Wochenende über die Oberhand hatte, macht er sich hinsichtlich des Kräfteverhältnisses keine Illusionen.

"Ihre reine Pace ist im Moment deutlich besser als unsere. Im Rennen bin ich sicher, dass Sebastian an der Spitze verwaltetet hat. Auch im Rennen sind sie noch etwas besser. Wir sind zwar dran und haben beileibe kein fürchterlich schlechtes Auto, aber wir müssen es verbessern und etwas einfacher zu fahren machen", erklärt Hamilton, der trotz allem nach dem vierten Rennen der Saison in der WM an der Spitze liegt.

Hamilton trotz WM-Führung nicht erleichter

"Ich bin im Moment definitiv nicht erleichter", so Hamilton, der mit 70 Punkten einen Vorsprung von vier Zählern auf Vettel hat. "Ich habe wirklich gemischte Gefühle. Es fühlt sich ein bisschen komisch an, hier oben zu sein, aber ich muss es nehmen. Ich gab nicht auf, ich pushte weiter, aber es war auf jeden Fall ein sehr unsauberes Rennen von mir." Der einzige positive Aspekt seines Wochenendes in Form des Qualifyings konnte über all dies nicht hinwegtäuschen.

"Ich werde hier definitiv abreisen und noch härter an mir arbeiten, um sicherzustellen, dass sich solch eine Performance von mir wie heute nicht wiederholt", kündigte Hamilton an. "Ich muss herausbekommen, wie ich dieses Auto besser in den Griff bekomme. In Australien habe ich mich wirklich wohl gefühlt, aber seitdem war das nicht mehr der Fall und ich weiß nicht genau warum. Ich muss da weiter dran arbeiten."

Wolff sah den Sieg Hamiltons als Ausgleich für die Niederlage in Australien. "Für Lewis ist das Glück nach seinem Pech zu Saisonbeginn zurückgekehrt. Es ist wohl nicht falsch, heute als Wiedergutmachung für den verlorenen Sieg in Melbourne anzusehen", so der Österreicher, dessen Team in der Konstrukteurs-WM wiederum die Führung an Ferrari verlor.


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