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Formel 1, Sauber-Teamchef Vasseur: Darum Alfa statt Honda

Sauber will mit Alfa Romeo ab 2018 wieder im Mittelfeld mitmischen. Teamchef Frederic Vasseur steht für den Neuanfang der Schweizer. Wir sprachen mit ihm.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Das Formel-1-Team von Sauber befindet sich seit Anfang 2017 im Umbruch. Zunächst verkündeten die Schweizer eine Kooperation mit Honda, dann folgte die Trennung von Teamchefin Monisha Kaltenborn. Kurz darauf wurde Ex-Renault-Mann Frederic Vasseur als Nachfolger verpflichtet. Dem Franzosen wird zugeschrieben, eine tragende Rolle bei der Kündigung des Honda-Deals gespielt zu haben. Im Interview erklärte er die Beweggründe für die Entscheidung gegen die Japaner und für Ferrari beziehungsweise Alfa Romeo.

Was hat sich seit ihrer Ankunft vor etwa einem halben Jahr im Team alles verändert?
Frederic Vasseur: Ich weiß nicht, da müssen Sie die Leute in der Fabrik fragen. Sicher, wir haben unsere Motorenentscheidung geändert. Das war der erste und wahrscheinlich wichtigste Schritt. Wir entschlossen uns, zu Ferrari zurückzukehren und die Partnerschaft mit Honda zu stoppen. Das war aber schon sehr spät in der Saison, weil wir im Juli mit den Arbeiten am neuen Auto begonnen haben. Aber letztendlich war es die richtige Entscheidung, weil es ein mittelfristiges Projekt ist. Wir mussten diese Entscheidung treffen. Dann sprachen wir mit Alfa Romeo, das dauerte natürlich ebenfalls seine Zeit. Aber wenn wir das mit der Länge des Projektes vergleichen, dann ist das nichts.

Sie erwähnten den Motorenwechsel. Der kam sehr schnell nachdem Sie zum Team stießen - war das Ihre Entscheidung?
Frederic Vasseur: Nun, so etwas ist immer eine Management-Entscheidung. Die wird nicht nur vom Teamchef getroffen. Die Entscheidung wurde auch in Vereinbarung mit den Aktionären des Unternehmens getroffen.

Können Sie erklären, warum Sie von Honda zurück auf Ferrari-Motoren gewechselt haben? Das Auto war zu dem Zeitpunkt ja schon in der Entwicklung, also bedeutete das wohl einen Schritt zurück...
Frederic Vasseur: Ich möchte nicht darüber sprechen, was vor meiner Ankunft passiert ist. Ich war ja nicht hier. Aber die Situation war die: Wir mussten nicht nur den Motor bedenken, sondern auch das Getriebe. Das war für mich das größte Problem, denn wir konnten so spät kein eigenes Getriebe mehr bauen. Wir hätten das McLaren-Getriebe nehmen müssen, aber ich wusste, dass McLaren Honda verlassen würde. Wir wären so in eine sehr schwierigen Situation geraten: McLaren wäre verantwortlich für unser Getriebe, aber McLaren selbst wäre mit Renault-Motoren gefahren. Schwer vorstellbar, dass es so funktioniert hätte.

Sie sagten, dass diese Entscheidung vom gesamten Unternehmen getroffen wurde, nicht nur von Ihnen. Aber Sie sind wohl derjenige, der mit der Entscheidung am meisten in Verbindung gebracht wird. Spüren Sie deshalb Druck? Schließlich war es riskante Entscheidung...
Frederic Vasseur: Natürlich, aber das ist mein Job. Wer im Rennsport arbeitet, muss solche Entscheidungen treffen, und er muss sie schnell treffen. Wie ein Fahrer, wenn er entscheidet, ob er links oder rechts überholt. Wenn er die falsche Entscheidung trifft, dann bezahlt er den Preis dafür. Für uns gilt dasselbe. Wenn wir solche Entscheidungen treffen müssen, dann müssen wir schnell alle Aspekte und alle Konsequenzen bedenken. Die Gelegenheit, mit Alfa Romeo zu arbeiten, ist eine Riesenchance für unser Unternehmen und unser Team.

Was ist momentan Ihre Hauptaufgabe im Team? Immer noch Restrukturierungen?
Frederic Vasseur: Ich bin ein bisschen zweigespalten. Einerseits müssen wir in ein, zwei Wochen Ergebnisse liefern, also sehr schnell - andererseits wissen wir, dass wir an einem mittelfristigen Projekt arbeiten und wir das Unternehmen für die nächsten sechs Jahre aufbauen müssen. Das ist wiederum ein sehr langer Zeitraum, den wir organisieren müssen. Das Wichtigste, wenn man ein Projekt über sechs Jahre aufbauen will, ist wahrscheinlich die Fähigkeit, jeden um dich herum zu motivieren. Aber die beste Möglichkeit, die Leute zu motivieren, sind schnelle Ergebnisse. Also müssen wir auf die Ergebnisse in Melbourne und auch beim Test aufpasse. Denn mit besseren Ergebnissen schaffen wir mehr Motivation.

War das einer der Gründe, warum das Team sich am Jahresende etwas verbessert hat? Sie verstanden das Auto besser und das motivierte das Team?
Frederic Vasseur: Ja. Ich glaube, die Verbesserungen am Ende der letzten Saison werden 2018 sehr wertvoll sein. Zum Beispiel beim Reifenmanagement oder bei Ähnlichem - auch wenn wir andere Reifenmischungen verwenden, die Philosophie bleibt die gleiche.

Sie haben die Alfa-Romeo-Kollaboration erwähnt. Sie haben ja jetzt diese wundervollen Shirts...
Frederic Vasseur: [lacht] Danke!

Können Sie das näher erklären? Es gab einige Stimmen. Die einen behaupteten, Sauber sei jetzt nicht mehr Sauber. Andere wiederum, dass Sauber immer Sauber ist...
Frederic Vasseur: Das kam nicht von mir. Ich denke, die Situation ist ziemlich klar. Der Name des Teams ist Alfa Romeo Sauber F1 Team. Und wir sprechen nicht nur von einem Sponsor, sondern von einem Partner. Wir werden unsere Kooperation weiter ausbaue. Es geht nicht nur um den Motor, es geht um viel mehr Technik. Wir stehen am Anfang der Geschichte und wir werden sicher die Zusammenarbeit zwischen den beiden Unternehmen weiterentwickeln.

Formel-1-Autos 2018 im Technik-Check: Alfa Romeo Sauber C37: (02:27 Min.)

Es ist nicht nur der Motor, sondern viel mehr?
Frederic Vasseur: Ja, denn der Motor kommt von Ferrari. Aber ich denke, wir können auch eine Zusammenarbeit für andere technische Bereiche entwickeln. Sie haben sehr viele Ressourcen und Wissen, und wir können so etwas für die Zukunft aufbauen.

Wie Sie sagten, ist dies derzeit ein mittelfristiges Projekt. Wie lauten ihre mittelfristigen Ziele?
Frederic Vasseur: Die gleichen. Wenn Sie sich alle Teams anschauen, auch die Top-Teams, wenn Sie sich Mercedes anschauen - die haben fünf Jahre gebraucht, bis sie Weltmeister wurden. Dabei haben sie ein Team übernommen, das im Jahr zuvor Weltmeister war. Wenn Sie sich Ferrari unter Jean Todt anschauen - die haben fünf oder sechs Jahre gebraucht, bevor sie Weltmeister wurden. Das gleiche bei Red Bull. Es ist immer ein langes Projekt. Niemand weiß, ob wir unser Ziel erreichen, Weltmeister werden, Zweiter werden, Dritter... Also müssen wir uns einfach darauf konzentrieren, morgen einen besseren Job zu machen. Ich denke, dass die Mentalität im Unternehmen ist. Das ist auch die Mentalität von Alfa Romeo. Sie sind zurück, weil sie ein neues Projekt entwickeln wollen. Das passt für mich, ich finde es sehr aufregend.

Sie haben Red Bull und Mercedes erwähnt. Das bedeutet, Sie haben sehr hohe Ziele?
Frederic Vasseur: Nun, wenn Sie so wie Alfa Romeo zurückkehren, dann haben Sie hohe Erwartungen. Aber ich will nicht sagen, dass wir 2021 oder 2022 Weltmeister werden. Trotzdem müssen wir so etwas im Hinterkopf behalten.

Es gab zu Jahresende viele Gespräche über Ihre Fahrer...
Frederic Vasseur: Nicht von meiner Seite.

Frederic Vasseur im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com - Foto: Sutton

Nein, nicht von Ihnen. Aber laut Ihnen war Mercedes einer der Gründe dafür, dass Sie Pascal Wehrlein nicht behalten haben. Schließlich sind Sie ja jetzt bei Alfa Romeo. Aber Pascal hat Marcus im letzten Jahr geschlagen. Hätten Sie also sonst Pascal im Team behalten?
Frederic Vasseur: Er hat zu Saisonbeginn Punkte gemacht, aber wenn Sie sich den letzten Teil der Saison anschauen, dann war es sehr ausgeglichen. Es ist nie einfach, so eine Entscheidung zu treffen. Aber wir waren der Ansicht, dass Marcus sich stetig verbesserte. Er ist ein guter Teamplayer und bringt viel technisches Wissen mit, und es war auch eine praktische Entscheidung.

Wenn wir den C37 anschauen, hat er nichts mit dem Auto aus dem Vorjahr zu tun. Äußerlich hat sich so viel verändert - wahrscheinlich mehr als bei allen anderen Teams...
Frederic Vasseur: Auch innen. Ja, wir haben von allen am meisten verändert.

Ein großes Risiko. Aber mussten Sie in Ihrer Situation dieses Risiko eingehen?
Frederic Vasseur: Wenn man Zehnter ist und keine Risiken eingehen will, dann stimmt etwas nicht. Es ist viel einfacher, in so einer Situation Risiken einzugehen und dann zurückzuschauen, wenn wir unsere Ziele erreicht haben. Für uns war es viel einfacher zu sagen, dass jetzt die richtige Zeit für Risiko ist.

Sie wirken auf mich viel entspannter als bei Renault. Fühlen Sie sich hier wohler?
Frederic Vasseur: Ja. Aber es ist schwierig für mich, diese Frage zu beantworten. Sicher fühle ich mich hier gut - mein ganzes Leben habe ich Unternehmen und Langzeit-Projekte aufgebaut. Ich denke, ich bin hier viel mehr in meinem Element als bei Renault. Aber ich habe auch die Zeit bei Renault genossen, die Atmosphäre war dort gut.


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