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Formel 1

Alain Prost: Kein Platz für Eifersucht in der Formel 1

Alain Prost kennt die Formel 1 aus vielen Perspektiven. Renault will er zu altem Glanz führen. Er verrät, ob man auf einem guten Weg ist.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Du hast 2017 einen neuen Job bei Renault bekommen, kannst du etwas dazu sagen? Vorher warst du Markenbotschafter, jetzt bist du 'special advisor'.
Alain Prost:
Ich bin immer noch Markenbotschafter, das hat sich nicht geändert. Ich bin immer noch in das Formel-E-Projekt von Renault involviert, aber das ist eine andere Sache. Es gibt so viele Dinge bei Renault, weshalb sie mich gefragt haben, ob ich Teil dieses Projektes sein will. Wenn man in diesem Business unterwegs ist, konzentriert man sich nur auf ein Team. Ich bin froh, in dieser Position zu sein, denn ich sehe gerne alles. Ich kann helfen, wenn ich in der Garage bin, Teil der Organisation oder was auch immer. Die Idee ist, so schnell wie möglich das beste Team zu bekommen. Man muss alles verbessern, und meine Rolle ist es, bei der Veränderung der Struktur zu helfen. Auch geht es um die Diskussionen, was die richtige Strategie für die Formel 1 ist. Es kommen viele Dinge und ich bin froh, Teil davon zu sein.

Wie viel Zeit investierst du in die Formel 1, verglichen mit den anderen Bereichen?
Schwer zu sagen, denn man kann immer noch mehr investieren, als man tut. Es ist ein Business, mit dem du den ganzen Tag verbringen kannst. Aber auch die Formel E verlangt viel Zeit. Ich reise sehr viel und es gibt viele Dinge, die es für die kommenden Jahre vorzubereiten gilt. Viele Verhandlungen über die Verträge mit der Serie. Ich würde sagen, es sind derzeit mindestens 30 Prozent meiner Zeit, in Zukunft vielleicht mehr.

Du bist fast dein ganzes Leben bei Renault. Wie sind deine Erinnerungen an deine persönliche Karriere - 1981, 1982, 1983 - 30 Jahre später?
Es ist bedauerlich, dass ich mit ihnen nie Weltmeister werden konnte. Mindestens zweimal war es sehr knapp. In Viry-Chatillon hatten wir Motor und Chassis gebaut, und vielleicht haben wir bei der Organisation und dem Management ein paar Fehler gemacht. Eigentlich hätten wir leicht Weltmeister werden können. 1983 hatten wir diese Benzin-Geschichte beim Brabham, aber sie wollten nicht protestieren. Heute haben wir eine ganz andere Periode, es ist ganz anders. Es ist schade, denn wir hätten Champion sein sollen.

Alain Prost hat den WM-Titel 1983 mit Renault um zwei Punkte verpasst - Foto: Renault Sport F1

Ist es heute besser, Enstone und Viry getrennt zu haben?
Ich denke, es ist heute der beste Weg, die Dinge zu tun. Es ist sehr schwierig, alles in Frankreich zu haben, denn das kostet mehr Geld. Keine Frage, so ist es der beste Kompromiss.

Niki Lauda meinte, als Formel-1-Team muss man in Großbritannien angesiedelt sein aufgrund der Arbeitsbelastungen. Ist das für eure Motorenleute ein Nachteil?
Dahinter steckt eine Kultur. Natürlich könnte es weniger kosten, aber es würde keinen Performance-Gewinn bringen, denn wir haben die richtigen Leute zusammen. Geht es um das Chassis, ist es schwierig, die richtigen Leute zu finden, wenn man nicht in England angesiedelt ist.

Glauben Sie nicht, dass das der große Vorteil von Mercedes ist, weil es mit den Power Units so komplex ist, diese in das Chassis zu integrieren?
Sie haben gerade zu Beginn einiges richtig gemacht. Sie sind sehr stark, haben viel Geld und die richtigen Leute. Sie waren viel früher bereit als das Renault-Team. Man kann diese beiden Teams nicht vergleichen. Es sind einfach fünf oder sechs Jahre Unterschied, was die Entwicklung betrifft. Das Problem ist: Renault hat vor langer Zeit gewonnen, und man will Renault also so bald wie möglich wieder siegen sehen. Und das ist ein großer Fehler. Wir müssen da sehr aufpassen, dass wir dem Team nicht zu viel Druck aufbürden. Wenn man sich an Ferrari erinnert, die haben Brawn geholt und hatten bereits ein gutes Team. Das Lotus-Team letztes Jahr dagegen war komplett am Ende. Wir haben von null begonnen und das braucht Zeit.

Raten Sie zu Geduld?
Ja. Ich verfolge diese Strategie. In der Formel 1 hat man oftmals zu hohe Erwartungen und das ist ein großes, großes Problem. Es ist besser, langsam etwas aufzubauen und Fortschritte zu erzielen. So gelingt der Erfolg.

In seiner Zeit als Teamchef hat Alain Prost einiges dazu gelernt - Foto: Sutton

In den frühen 2000er Jahren hatten Sie Ihr eigenes Team. Das war natürlich ein komplett anderes Projekt, aber was haben Sie gelernt, was Ihnen heute hilft?
Ich habe davor gelernt, während des Projekts und danach. Ich habe immer gelernt. Aber ich denke, es war nichts komplett Neues. Ich wusste, wie man ein Team führt und ehrlich gesagt denke ich nicht, dass ich große Fehler gemacht habe. Ich hatte ein Budget von 40 Millionen Euro, für die Motoren musste ich 30 Millionen zahlen und dann hatten wir die Internetkrise 2001. Es gab viele Dinge. Ich hatte das kleinste Team in der Formel 1 in einer Zeit, als die Hersteller kamen. Zum Vergleich: Toyota hatte zehnmal so viel Geld. Dazu einige Leute, die ich auch gerne gehabt hätte, die aber drei- oder viermal so viel Gehalt bekommen haben. Ich war in Frankreich ansässig, wo die Sozialabgaben höher sind. Es war einfach nicht machbar. Ich wurde nie von Peugeot unterstützt, das war ein großes Problem. Im letzten Jahr hatten wir einen Verschleiß von 40 Motoren während der Saison. 40 Motoren! Ich denke nicht, dass ich Fehler begangen habe. Vielleicht habe ich manchmal nicht die richtige Entscheidung getroffen. Dann holt man jemanden, der nicht so gut funktioniert. Das ist das Leben eines Formel-1-Teams. Ich habe viel gelernt, auch über die Leute. Was sie tun, wenn sie dich lieben oder hassen wollen. Ich habe eine andere Philosophie dafür. Ich war sehr sauer und traurig, als ich gewisse Dinge gelesen habe. Ich war sehr verärgert über einige Berichte, nicht weil der Journalist es geschrieben hatte, sondern weil ihm jemand gesagt hatte, er solle das schreiben. Das war mein größtes Problem, zu viel Politik. Ich habe eine andere Philosophie, weshalb ich auch viel gelernt habe.

Macht es Sie traurig, wenn Sie sehen, mit wie wenig Budget Sie ein Formel-1-Team betreiben mussten und wenn Sie im Vergleich jetzt das Budget von Renault sehen?
Es ist nicht derselbe Job. Es ist ein anderes Geschäft. Meine Rolle ist nun eine komplett andere. Wenn man ein Team mit wenig Geld betreibt, ist es eine andere Herausforderung. Das sind komplett andere Dinge. Aber zumindest hat man nützliche Dinge gelernt. Aber ich bin nicht eifersüchtig auf das Geld von McLaren oder Ferrari, denn ich war komplett neu. Mein Projekt war es, komplett französisch zu sein. Alle Firmen, die Synergien die dahinterstecken. Wenn das nicht funktioniert, ist es gescheitert, dann hätte man es nicht tun sollen.

Fans und Medien sind mehr auf die Fahrer fokussiert, als auf die Hersteller. Was hältst du von der Fahrerpaarung bei Renault und wie sieht es aus mit einem französischen Fahrer bei Renault?
Ich denke, das ist vor allem eine Frage der französischen Journalisten. Das ist normal. Aber wenn Sie sich erinnern, als ich in den 80er Jahren bei Renault begonnen habe: 90 Prozent des Marktes waren Französisch. Es war die Regel, dass mindestens ein Fahrer Franzose sein musste. Heute ist Renault ein weltweit agierendes Unternehmen. Die Nationalität des Fahrers ist nicht so wichtig. Wenn der Fahrer aus einem wichtigen Markt stammt, zum Beispiel Südamerika oder Indien - weil das neue Märkte sind - dann ist das gut. Aber man sollte nicht zuerst auf die Nationalität schauen. Wenn es eines Tages einen guten französischen Fahrer gibt, der frei verfügbar ist und nicht unter Vertrag steht, wäre das gut. Aber das ist heute nicht der Fall.

Früher war die Tricolore viel stärker vertreten - Foto: Sutton

Als Nico Rosberg zurückgetreten ist, hatten Sie da Angst, dass Nico Hülkenberg aus seinem Vertrag aussteigen will, um einen Silberpfeil zu bekommen?
Ich war nicht Teil dieser Diskussionen, also kann ich dazu nichts sagen. Ich glaube aber nicht, dass es da Befürchtungen gab.

Nico Rosberg ist als Weltmeister zurückgetreten, Sie kennen das Gefühl…
Ich kenne das Gefühl, daher war es für mich auch keine Überraschung. Ich konnte das gut verstehen. Es ist sehr mutig, es zu tun, sehr mutig. Vor allem, wenn man die Chance bekommt, Titel Nummer zwei einzufahren. Ich mag das. Um ehrlich zu sein, habe ich großen Respekt vor dieser Entscheidung.

Also verstehen Sie die Leute nicht, die sagen, er sein kein richtiger Racer?
Nein, die verstehe ich nicht. Denn wenn man solch eine Entscheidung trifft, auch bei mir als viermaliger Champion, dann ist es immer eine menschliche Entscheidung, keine Entscheidung als Rennfahrer. Niemand ist in dieser Situation, also muss man das respektieren. So, wie er es gemacht hat, war es okay, auch wenn das Team in eine schwierige Situation gekommen ist. Ich respektiere die Entscheidung.

Oft wurde das Duell zwischen Rosberg und Hamilton mit Prost und Senna verglichen. Kann man das so sehen?
Nein. Man kann immer darüber reden, was gleich war oder ähnlich, aber man kann es nicht vergleichen. Man kann verschiedene Generationen nicht vergleichen. Was wir hatten, war: zwei Fahrer aus demselben Team kämpfen um die Weltmeisterschaft. Das ist der Vergleich. Aber solch eine Situation wird man immer haben.

Es gibt aber die Stereotypen, Lewis der so genannte echte Racer, Nico der intelligente, schlaue Typ.
Wenn man zwei solche Fahrer hat, wird man immer einen Unterschied im Fahrstil finden, oder im Charakter, oder im Verhalten. Wenn Ayrton bei mir war, hatte er es sich aufgezwungen, eine andere Persönlichkeit zu haben. Wenn man diese Situation nun bei Lewis und Nico hatte, ist das natürlich. Als ich mit Niki zusammengefahren bin, haben wir nie Dinge forciert. Wir waren immer offen, haben gekämpft. Heute versuchen die Leute zu sehr, Vergleiche zu ziehen.

Hamilton vs. Rosberg - für Prost nicht mit seinem Duell mit Senna zu vergleichen - Foto: LAT Images

Wie ist Ihre Beziehung mit Niki heute? Ihr seid ja wieder Gegner.
Es ist schön für mich, wieder in diesem Umfeld zu sein, denn ich habe eine sehr gute Beziehung mit allen. Das ist auch Teil meines Jobs, dass ich mit jedem freundlich sprechen kann und sie mir auch zuhören.

Sie meinten, als Teamchef waren sie nicht eifersüchtig auf das Budget der anderen Teams. Wie ist es heute, ist Renault eifersüchtig auf das Budget von Mercedes?
In der Formel 1 gibt es keinen Platz für Eifersucht. Man muss dafür arbeiten, das meiste Geld zu bekommen, um neue Sponsoren zu finden, um die Resultate einzufahren. Wenn wir jetzt 200 Millionen Euro mehr bekommen würden, wüsste ich nicht, was wir damit machen sollen. Natürlich braucht man viel Geld, man muss sich neu strukturieren, man muss entwickeln. Klar ist: Wenn wir an der Spitze mitfahren wollen, brauchen wir immer mehr und mehr von allem. Das ist normal. Aber wir sind nicht eifersüchtig. Man muss seine Gegner respektieren, das ist das erste Gebot.

In welchen Bereichen müssen Sie das Team verbessern?
Überall.

Auch bei den Fahrern?
Die Fahrer muss man getrennt betrachten. Das ist ein anderes Thema. Es ist nicht einfach zu wissen, was man wirklich kann. Organisatorisch ist es auch eine Frage, ob wir neue Dinge einführen können. Da geht es nicht nur um Geld. Solche Sachen müssen wir verbessern, das wissen wir.

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