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Formel 1 Saison 2017: Das Urteil von Jacques Villeneuve

Jacques Villeneuve ist der Chef-Kritiker im Formel-1-Fahrerlager. Motorsport-Magazin.com ließ mit dem Kanadier die Saison 2017 revue passieren.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Das war in Abu Dhabi nicht gerade das größte Highlight zum Saisonende...
Jacques Villeneuve: Ich frage mich, wie du es schaffen kannst, so eine armselige und furchtbare Strecke zu designen. Selbst wenn du dein Bestes gibst ist das schwer. Ich weiß echt nicht, wie sie das hinbekommen haben. Mit all dem Geld, einer leeren Fläche, um alles Mögliche zu erschaffen. Schrecklich. Alle Kurven haben falsche Winkel, sodass du nicht racen kannst. Da willst du gar nicht zusehen. Das macht keinen Spaß. Schlimm. Die Saison auf diese Weise zu beenden ... direkt vor der Pause, das ist, als hättest du etwas Schlechtes gegessen.

Abgesehen davon war es aber eine gute Saison oder?
Jacques Villeneuve: Ja, die Saison war eigentlich sogar sehr gut. Und das hier war das schlechteste Rennen des Jahres. Das ist wie beim Golfen. Wenn du ein gutes 18. Loch hast, dann ist alles toll. Aber wenn du ein furchtbares hast, ist schlecht. Was echt schade ist, denn diese Saison war so großartig.

Villeneuve: Ferrari-Form mein Highlight 2017

Schauen wir mal zurück: Was war denn dein Highlight?
Jacques Villeneuve: Das Highlight war, dass Ferrari alle überrascht hat mit ihrem neuen Auto. Sie hatten das beste Auto, haben uns alle glauben lassen, dass wir bis zum Saisonende einen Kampf sehen würden. Das war ein Highlight, das echt Spannung reingebracht hat.

Wer war der Fahrer des Jahres für dich?
Jacques Villeneuve: Ich weiß es nicht ... (überlegt sehr lange, Anm. d. Red.). Ich weiß es nicht, nein. Denn keiner hatte eine perfekte Saison. Ich bin nicht sicher, wen du deshalb auswählen kannst. Der Fahrer der zweiten Hälfte war Lewis, denn da war er unschlagbar. Aber wenn du die erste Hälfte anschaust, dann kann er nicht der Fahrer des ganzen Jahres sein. Sebastian war fast perfekt, abgesehen von Singapur.

Und Baku!
Jacques Villeneuve: Aber Baku hätte keine so große Rolle spielen sollen. Aber es hat die Tür geöffnet, dass Singapur so wichtig wird. Baku war einfach nur ein Witz und lächerlich, hat aber keine Rolle für die Punkte gespielt. Das war eher Singapur, denn abgesehen davon war er immer voll da. Die ganze Zeit.

Und die Enttäuschung der Saison?
Jacques Villeneuve: Puh ... weiß ich auch nicht. Gib mir ein paar Auswahlmöglichkeiten.

Jolyon Palmer?
Jacques Villeneuve: Nein, denn wir wussten ja, dass er nicht gut ist. Also warum. Ist doch wahr. Du kannst nur enttäuscht sein, wenn du etwas Großartiges erwartest und es nicht passiert. Es gab niemanden, von dem erwartet wurde, dass er schnell sein würde, dann aber langsam war. Die Jungs, von denen wir gedacht haben, dass sie langsam sein werden, waren auch langsam.

Und Honda?
Jacques Villeneuve: Nein. Warum? Da wäre es auch überraschend gewesen, wenn sie gut gewesen wären. Sie waren, wo sie immer waren. Also keine Überraschung.

Okay. Nächster Versuch: Red Bulls Chassis zu Saisonbeginn.
Jacques Villeneuve: Ja. Vielleicht. Wir haben alle erwartet, dass der Red Bull da konkurrenzfähiger sein würde. Das war zu Saisonbeginn etwas enttäuschend. Aber sie haben dann gut reagiert.

War der Fahrer mit den Autos dieses Jahr wieder wichtiger als in den vorherigen Jahren?
Jacques Villeneuve: Ein bisschen. Wirklich nur ein bisschen. Es sind die gleichen Autos wie vergangenes Jahr, nur etwas schneller. Also nur ein kleines bisschen. Das Problem ist, dass es noch immer dieses Limit bei den Reifentemperaturen gibt, sodass die Fahrer nicht attackieren können.

Formel 1 2017: Der große Saisonrückblick mit einer F1-Legende: (15:28 Min.)

Lance Stroll? Alles gesagt, kein Kommentar

Lance Stroll war auch ein großes Thema dieses Jahr. Er hat uns am Donnerstag vor dem Abu Dhabi GP gesagt, dass er eine großartige Rookie-Saison hingelegt hat. Da stimmst du vielleicht nicht zu oder?
Jacques Villeneuve: Pass' auf. Ich weiß nicht einmal mehr, was ich dazu noch sagen soll. Man muss einfach zurückschauen. Ich will da gar nicht antworten. Was kann ich noch sagen? War er der einzige Rookie?

Naja, Esteban Ocon kann man vielleicht noch zählen. Der hat letztes Jahr nur wenige Rennen gefahren.
Jacques Villeneuve: Ja, stimmt.

Vielleicht war der ja die positive Überraschung!
Jacques Villeneuve: Ja! Denn er hat echt Fortschritte gemacht, war auch mental sehr stark, hat sich nicht auf die Füße treten lassen. Jetzt muss er noch einen Schritt machen.

Du warst im letzten Jahr ein großer Fan von Pascal Wehrlein. In diesem Jahr konnte er nicht immer vollends gegen Marcus Ericsson überzeugen. Für dich deshalb eine Enttäuschung?
Jacques Villeneuve: Puh ... das ist schwer zu beurteilen, wenn du in so einem Auto sitzt. Er ist superschnell. Das haben wir jetzt in Abu Dhabi wieder gesehen. Wenn er entspannt ist, ist er super schnell. Ich denke, es war für ihn einfach eine harte Situation für ihn im Team.

Villeneuve: Verstappen nur manchmal herausragend

Schauen wir in die Zukunft: Gibt es 2018 den Mega-Battle zwischen Vettel, Hamilton und Verstappen?
Jacques Villeneuve: Vettel und Hamilton ja. Verstappen manchmal. Denn wir haben gesehen, dass er manchmal herausragend war, aber manchmal - wie dieses Wochenende - langsamer als Ricciardo. Gerade ist er noch nicht der Mann für eine ganze Saison, ein bisschen Arbeit hat er da noch vor sich. Dann wird er großartig sein.

Und die Risikobewertung? Das wäre ja eine ganz andere Situation, wenn er im WM-Kampf ist. Ist er da bereit?
Jacques Villeneuve: Ich weiß nicht. Das ist ein ganz anderer Druck. Das wissen wir erst, wenn wir es sehen.


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