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Danner spricht Klartext zum Singapur-Crash: Vettel nicht schuld

Singapur-Startcrash 2017: Wen trifft die Schuld? Sebastian Vettel, Max Verstappen oder Kimi Räikkönen? Formel-1-Experte Christian Danner meint: niemand.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Mit etwas Abstand: Wer hatte denn Schuld an der Startkollision in Singapur?
Christian Danner: Ich war hin- und hergerissen. Wenn man das live kommentieren muss, ist es wahnsinnig schwierig, weil man verschiedene Dinge sieht, aber nicht unbedingt die richtige Abfolge. Deshalb bin ich jetzt der Meinung, dass es keinen Schuldigen gibt.

Aber es gibt Gründe, warum das passiert ist: Vettel fährt natürlich nach links, um sich zu verteidigen. Man kann einem Rennfahrer keine Vorwürfe machen und sagen, du darfst deine Position nicht verteidigen. Das ist das Normalste der Welt. Das macht Hamilton, das macht Vettel, das machen alle.

Verstappen hat erst versucht, genau das gleiche mit Kimi zu machen. Dann musste er aber schon wieder in die andere Richtung, weil Kimi schon längst da war. Er hat also auch nichts falsch gemacht. Und dem Kimi kann man ja auch nicht sagen, er soll bitte schlechter starten. Er ist links gefahren, weil er dort vorbei wollte. Das ist einfach dumm gelaufen, ich mache hier niemandem der Beteiligten einen Vorwurf.

Jetzt könnte man sagen, Vettel darf dieses Risiko aber gar nicht eingehen, weil er nicht mit Verstappen und Ricciardo, vor denen er gestartet ist, um die WM kämpft...
Christian Danner: Ich kann nicht nachvollziehen, wie man sagen kann, dass Vettel ein bisschen vorsichtiger hätte fahren sollen in seiner Situation. Das hat hier nichts mit Risikomanagement zu tun. Du fährst los und verteidigst deine Position. Das ist ein ganz normaler, fast instinktiver Reflex, den jeder Rennfahrer hat, wenn er auf die erste Kurve zufährt. Das hätte auch alles geklappt, hätte Kimi nicht diesen super Start gehabt. Ich bleibe dabei: Es ist einfach dumm gelaufen.

Kann ich mir als Rennfahrer nicht vornehmen, vorsichtiger ranzugehen, weil ich so und so vor meinem WM-Kontrahenten bin?
Christian Danner: Das geht schon, aber das Risiko, nach links zu ziehen, wenn links Verstappen ist, ist kein Risiko. Außer, wenn innen der Kimi ist - und das kannst du nicht erahnen. Ich habe mir die Situation immer wieder mal angesehen. Wenn ich weiß, dass es auf eine Kollision herausläuft, dann stecke ich natürlich zurück. Aber in diesem Fall war es ein reines Covern der Position - und das ist noch lange keine Kollision. Verstappen und Vettel wären schon irgendwie durch die erste Kurve gekommen, das ist nicht das Thema. Das Risiko, dass Verstappen Vettel abschießt, war da nicht gegeben, auch wenn der hart fährt. Einzig Kimi hat die Situation - völlig unschuldig - dramatisiert.

Die Frage nach einer möglichen Strafe erübrigt sich damit...
Christian Danner: Ja. Und ich bin heilfroh, dass - nicht immer, aber immer öfter - gute Fahrerstewards am Werk sind. Emanuele Pirro ist einer der Besten. Er ist nicht nur ein richtig intelligenter Mann, sondern auch in diesem Thema unglaublich bewandert. Aufgrund seiner FIA-Aktivitäten beschäftigt er sich permanent mit allen denkbaren Situationen. Er ist mittendrin in der Materie und komplett up to date. Er hat nicht nur ein gutes Bauchgefühl, er weiß auch, wie man Daten lesen kann.

Ist die Weltmeisterschaft damit gelaufen?
Christian Danner: Nein, ich würde nicht sagen, dass die WM dadurch gelaufen ist. Leichter ist es für Sebastian natürlich auch nicht geworden. Das war für Hamilton ein geschenkter Elfmeter, den er perfekt verwandelt hat. Es kann aber auch bei Hamilton noch zu viel passieren, um zu sagen, die WM ist gelaufen.

Ein Elfmeter, der aber gar nicht so einfach zu verwandeln war. Das war schon große Klasse von Hamilton, oder?
Christian Danner: Dass Hamilton Extraklasse ist, brauchen wir gar nicht mehr sagen, dass wissen wir inzwischen. Dann kam auch noch das Wunder des plötzlich schnellen Silberpfeils dazu. Mercedes weiß selbst nicht, warum das Auto plötzlich schnell war, sie wollen es aber natürlich verstehen, um es reproduzieren zu können. Offensichtlich war das Auto im Rennen eine Klasse für sich. Das, was Red Bull immer behauptet hat, nämlich das beste Auto zu haben und in Singapur mit um den Sieg zu fahren, das hat nicht funktioniert. Red Bull hat im Rennen keinen Stich gegen Hamilton gemacht.

Haben wir in Singapur eigentlich irgendetwas über das Kräfteverhältnis gelernt?
Christian Danner: So richtig nicht. Ich gehe davon aus, dass wir jetzt wieder die klassische Pattsituation haben, in der Mercedes und Ferrari gleichauf sind. Je nachdem, wer als Erster in die erste Kurve fährt, kann das Ding gewinnen.

Vettels Singapur-Crash: Wer trägt die Schuld?: (03:38 Min.)


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