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Sponsorengelder, Rettungsversuche, enttäuschte Erwartungen - Timeline: Saubers Fahrer-Chaos

Sauber steckt tief in der Krise: Zu viele Fahrer haben Verträge. Motorsport-Magazin.com blickt auf das Chaos mit sieben Fahrern zurück.
von Heiko Stritzke

Motorsport-Magazin.com - Was haben Giedo van der Garde, Adrian Sutil, Sergey Sirotkin, Simona de Silvestro und Esteban Gutierrez gemeinsam? Alle fünf Fahrer sind in den vergangenen Monaten von Sauber vor die Tür gesetzt worden, teils mit, teils ohne Vertrag. Stattdessen setzt das Team von Monisha Kaltenborn auf die Dienste von Marcus Ericsson und Felipe Nasr. Doch van der Garde wollte es nicht auf sich sitzen lassen: Er verklagte sein Team in der Schweiz und in Australien und bekam in allen Instanzen Recht. Doch wie kam es zu dieser chaotischen Situation? Hier ein Überblick über die Geschehnisse und die involvierten Fahrer.

Giedo van der Garde

Der Niederländer stieß im Winter 2014 zu Sauber, nachdem er 2013 eine wenig erfolgreiche Saison mit dem Hinterbänklerteam Caterham absolviert hatte. Bereits bei seiner Verpflichtung wurde das Ziel ausgegeben, dass van der Garde 2015 ein Stammcockpit erhalten solle. Van der Garde brachte zwischen 8 und 12 Millionen seines Sponsors McGregor mit und kam 2014 zu einer ganzen Reihe von Freitagseinsätzen. Das Team zeigte sich angetan von seinem Feedback.

Giedo van der Garde ließ das Fahrer-Chaos nicht auf sich sitzen - Foto: Sutton

Umso überraschender kam die Verpflichtung von Ericsson und Nasr für den Niederländer. "Ich kann nur sagen, dass ich überrascht bin - und das in Großbuchstaben!", sagte er unmittelbar nach der Bekanntgabe Nasrs. Er soll zu diesem Zeitpunkt bereits über einen Vertrag für ein Cockpit verfügt haben. Kaltenborn entgegnete, indem sie Kimi Räikkönen zitierte: "Ich weiß, was ich tue." Scheinbar nicht, denn van der Garde klagte sich erfolgreich ins Cockpit: Erst in der Schweiz, dann in Australien. Einzig: Er hat keine Superlizenz. Diese hätte nämlich Sauber beantragen müssen...

Adrian Sutil

Auch Adrian Sutil soll einen gültigen Vertrag für 2015 gehabt haben. Der32-Jährige kennt die Situation jedoch: Für das Jahr 2014 hatte er eigentlich einen Vertrag mit Force India, doch das Team von Vijay Mallya kaufte sich aus dem Kontrakt heraus. Sutil ging zu Sauber mit einem Zweijahresvertrag. Schon die Verpflichtung van der Gardes mit Stammplatzgarantie für 2015 dürfte ihn beunruhigt haben.

Adrian Sutil fuhr in Abu Dhabi 2014 sein vorerst letztes F1-Rennen - Foto: Sutton

Endgültig klar wurde die Situation jedoch, als Anfang November zunächst Marcus Ericsson und dann Felipe Nasr als Stammfahrer für Sauber verkündet wurden. Zunächst verkündete er energisch: "Sie haben zwei Fahrer bekanntgegeben, das heißt aber nicht, dass diese beiden auch fahren werden." Schnell schlug Sutil jedoch versöhnlichere Töne an. Gerüchten zufolge soll er eine Abfindung kassiert haben.

Sergey Sirotkin

Eigentlich hätte Sergey Sirotkin längst Stammfahrer bei Sauber sein sollen. Im Sommer 2013 wurde der Russe als bei Sauber vorstellig, als das Team bereits schon einmal auf der Finanzklippe stand. Ein Deal mit russischen Investoren sollte Sirotkin 2014 ein Stammcockpit zusichern. Zunächst ging alles ganz schnell: Im September ließ sich der damals 17-Jährige in der Sauber-Box blicken und stellte sich den Medien, im Oktober fuhr er erstmals ein Formel-1-Auto - einen betagten Ferrari in Fiorano.

Nur ein Freitagseinsatz: Ursprünglich sollte Sergey Sirotkin Stammfahrer werden - Foto: Sutton

Zu diesem Zeitpunkt galt er bereits für ein Cockpit gesetzt, doch es sollte ganz anders kommen: Sirotkin erhielt keine Superlizenz und die Gespräche mit den russischen Investoren gerieten ins Stocken. 2014 wurde er als Ersatzfahrer vorgestellt, erhielt aber im Laufe des Jahres nur einen einzigen Freitagseinsatz in Russland. Zu diesem Zeitpunkt war der Russen-Deal längst im Sand verlaufen. Gleiches geschah anschließend mit der Verbindung Sauber-Sirotkin. Allerdings besaß der Russe ohnehin keinen Vertrag für 2015. Doch das Beispiel Sirotkin zeigt, wie schnell es in der Formel 1 gehen kann.

Simona de Silvestro

Die Schweizerin Simona de Silvestro war eine eher undurchsichtige Figur im Sauber-Fahrerschachspiel. Anfang 2014 stieß sie von den IndyCars kommend zu Sauber. Sie hatte jedoch nie einen Vertrag mit Monisha Kaltenborn, sondern war lediglich "affiliated driver". Im April absolvierte sie erstmals einen Test in einem 2012er-Fahrzeug. Beim US-GP in Austin sollte sie einen Freitagseinsatz erhalten. Doch im Laufe des Jahres verschlechterte sich die Beziehung zum Team. Angeblich wurden Zahlungen nicht getätigt, de Silvestro sollte nie im C33 sitzen. Im November trennte sie sich von ihrem Manager und wird 2015 zu den IndyCars zurückkehren.

Simona de Silvestro kam nur einmal zu einer Testfahrt in einem betagten Auto - Foto: Sutton

Esteban Gutierrez

Der Mexikaner scheint der einzige Fahrer zu sein, der sich nicht im Streit von Sauber trennte. Gutierrez fuhr 2013 und 2014 als Stammpilot für Sauber, sein Vertrag lief Ende des Jahres aus. Schon früh in der Saison 2014 dürfte ihm klar geworden sein, dass es für ihn bei Sauber nicht weitergehen würde. Als Sauber Ericsson und Nasr verpflichtete, war Gutierrez schon längst in Gesprächen mit Ferrari und dockte dort als Ersatzpilot an.

Marcus Ericsson und Felipe Nasr

Binnen einer Woche wurden Anfang November erst Ericsson und dann Nasr als Stammfahrer für 2015 präsentiert. Marcus Ericsson löste während der Caterham-Pleite schnell alle Verbindungen zu seinem alten Team auf und dockte mit 20 Tetra-Pak-Millionen bei Sauber an. Felipe Nasr kam aus der GP2 mit noch einmal doppelt so viel Geld von der Banco do Brasil, die neuer Hauptsponsor des Teams ist. Das Problem für beide Fahrer ist: Wenn van der Garde wirklich seinen Anspruch durchsetzt, muss einer der beiden Fahrer trotz gültigen Vertrags weichen. Wie es auch kommt: Für Sauber wird es richtig teuer werden - vermutlich existenziell teuer.

Muss einer der beiden Stammfahrer doch noch weichen? - Foto: Sutton

Der zeitliche Ablauf der Fahrer-Ereignisse bei Sauber

Ausgangssituation: Adrian Sutil und Esteban Gutierrez Stammfahrer, Sergey Sirotkin Test- und Ersatzfahrer.

Datum Ereignis
21.01.2014Giedo van der Garde wird als Test- und Ersatzfahrer bei Sauber bekannt gegeben
14.02.2014Sauber stellt Simona de Silvestro als 'affiliated driver' vor
13.03.2014Sauber präsentiert das Modehaus McGregor als neuen Sponsor
18.03.2014Monisha Kaltenborn sagt, dass Sergey Sirotkin so bald wie möglich fahren soll
16.04.2014Simona de Silvestro absolviert zwei Testtage im 2012er-Sauber
28.06.2014Sauber sichert Giedo van der Garde vertraglich ein Stammcockpit für 2015 zu
10.10.2014Sergey Sirotkin fährt beim Großen Preis von Russland den Sauber im 1. freien Training
01.11.2014Sauber verkündet Marcus Ericsson als Stammfahrer für 2015
06.11.2014Sauber verkündet Felipe Nasr als Stammfahrer für 2015
06.11.2014Adrian Sutil klagt über Ungereimtheiten bei der Fahrersituation bei Sauber
07.11.2014Monisha Kaltenborn lässt durchblicken, dass es für Sirotkin keine Perspektive mehr gibt
19.11.2014Simona de Silvestro trennt sich von ihrem Manager und von Sauber
10.02.2015Um sich fit zu halten, testet Giedo van der Garde einen GP2-Boliden in Valencia
17.02.2015Sergey Sirotkin geht in die GP2 und löst die Verbindung mit Sauber auf
Feb. 2015Van der Garde verklagt Sauber vor einem schweizerischen Gericht und bekommt Recht
05.03.2015Van der Garde verklagt Sauber vor dem obersten Gerichtshof in Victoria
11.03.2015In erster Instanz setzt sich van der Garde durch. Sauber geht in Berufung
12.03.2015Sauber scheitert mit der Berufung, van der Garde erhält endgültig Recht
13.03.2015Beide Sauber bleiben im 1. Training stehen, van der Garde absolviert ein Seatfitting
13.03.2015Van der Garde strebt Zwangsvollstreckung an und droht Kaltenborn mit Gefängnis
13.03.2015Die Entscheidung wird auf Samstag vertagt. Angeblich wird eine Einigung angestrebt
14.03.2015Giedo van der Garde verzichtet freiwillig auf sein Cockpit in Australien
17.03.2015Van der Garde löst den Vertrag mit Sauber gegen eine hohe Abfindung auf

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