Formel 1 / Hintergrund

Uneinigkeit & viele Fragezeichen - Die Hintergründe zur Mercedes-Teamorder

Was hatte es mit der kontroversen Mercedes-Teamorder beim Malaysia GP auf sich? Motorsport-Magazin.com schlüsselt die komplizierte Situation auf.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Nicht nur bei Red Bull gab es nach dem Rennen Kontroversen, sondern auch bei Mercedes ging es hoch her. Motorsport-Magazin.com schlüsselt die Abläufe zwischen Nico Rosberg, Lewis Hamilton und den Teammitgliedern auf.

Die kontroverse Situation

Runde 51 von 56: Nico Rosberg schließt auf Platz vier liegend immer weiter zu Vordermann Lewis Hamilton auf. Er teilt dem Team via Funk mit, dass er schneller als Hamilton und vorbei gehen könne. Von Ross Brawn gibt es aber die Anweisung, die Position zu halten. Hamiltons Pace sei kontrolliert, er spare Sprit. "Ich möchte bitte beide Autos nach Hause bringen", sagt Brawn zu Rosberg. Der Deutsche akzeptiert die Anweisung und bleibt bis zum Überqueren der Zielflagge hinter Hamilton und verpasst das Podium als Vierter.

Die Erklärung für die Teamorder

Hamilton musste Sprit sparen. "Wir hatten einen höheren Spritverbrauch als erwartet, als es gegen Ende ging, und mussten einige Maßnahmen ergreifen, um sicherzugehen, dass beide Autos ins Ziel kamen", erklärte Brawn. Zustimmung gab es von Toto Wolff, der die Teamorder nachvollziehen konnte. "Wenn beide Autos stranden, sieht es ganz unglücklich aus und das wollte Ross vermeiden. Aus Teamsicht war das alles okay", sagte der Executive Director des Teams. Auch Rosberg beschwerte sich kurz nach dem Rennen nicht und fügte sich der Entscheidung. "Für das Team war dieses Ergebnis sehr wichtig und deshalb war es wichtig, alle Risiko-Faktoren herauszunehmen", sagte er. "Man darf auch den Reifenabbau nicht vergessen."

Rosberg war schneller, warum darf er nicht überholen? Das verstehe ich nicht.
Christian Danner

Hätte Rosberg Hamilton überholen können?

Ja. Nachdem beide Mercedes-Piloten ihre jeweils vierten Boxenstopps in Runde 41 und 42 absolviert hatten, schloss Rosberg immer weiter zu Hamilton auf. "Rosberg war schneller, warum darf er nicht überholen? Das verstehe ich nicht", meinte auch Motorsport-Magazin.com-Experte Christian Danner. Selbst Hamilton machte bei seiner Podiumsrede kein Geheimnis daraus, dass Rosberg diesem Rennen der schnellere der beiden war. Während Hamilton auf seine Pace achten musste und das Rennen kontrolliert fuhr, hätte Rosberg weiter pushen können. "Ich musste nicht unnormal Sprit sparen", versicherte er. "Es war alles im grünen Bereich."

Wie reagierte Rosberg auf die Teamanweisung?

Mit sehr gemischten Gefühlen. Zum einen freute er sich über den starken Silberpfeil und das beste Teamergebnis von Mercedes seit der Rückkehr als Werksteam. Gleichzeitig machte er kein Geheimnis daraus, die Entscheidung zwar akzeptiert zu haben, damit aber nicht glücklich gewesen zu sein. "Ich bin komplett zweigeteilt", sagte er. "Ich wäre gern Vollgas gefahren, habe in dem Moment aber akzeptiert, dass die Entscheidung von Ross zu akzeptieren ist. Ich weiß nicht, ob ich die Red Bulls hätte einholen können. Aber ich hätte gern die Chance genutzt zu sehen, wie weit ich komme."

Die Uneinigkeit zwischen Lauda und Wolff

Während Brawn und Wolff die Teamorder verteidigten, konnte Niki Lauda den Zwischenfall nicht nachvollziehen. Der Aufsichtsratsvorsitzende was der Meinung, dass es nie zu einem harten Kampf zwischen den beiden gekommen wäre, weil Rosberg einfach schneller war. "Musste es sein, dass Nico zurückstecken musste? Nein, das musste nicht sein. Aus Mercedes-Sicht hätte ich gesagt: Lasst die beiden fahren", machte Lauda deutlich und kündigte klärende Gespräche mit der restlichen Teamführung an.

Vor laufenden TV-Kameras kam kurz nach Rennende es zu einem kniffligen Aufeinandertreffen zwischen Wolff und Lauda. "Das auf den Positionen drei und vier waren Teamprinzipien. Aus Fahrersicht kann man das natürlich anders sehen. Aber wenn wir das verloren hätten, wären wir die Deppen gewesen. Wir sind doch einer Meinung, Niki?", wandte sich Wolff an Lauda. "Nein, sind wir nicht", entgegnete dieser. "Ich hätte sie gegeneinander fahren lassen. Wir müssen nun mit Ross bereden, ob wir das jetzt immer so machen."

Ich hätte sie gegeneinander fahren lassen. Wir müssen nun mit Ross bereden, ob wir das jetzt immer so machen.
Niki Lauda

Gibt es eine Nummer 1 und Nummer 2 bei Mercedes?

Schnell kamen erste Stimmen auf, dass Rosberg nun mit dem Nummer-2-Status bei Mercedes behaftet sei und seinem britischen Teamkollegen im Zweifelsfall den Vorrang lassen müsse. Rosberg wehrte sich umgehend gegen diese Behauptung. "Ich kann verstehen, dass nach außen hin so ein Eindruck entstehen kann", sagte er. "Aber ich weiß, dass wenn ich vorn gewesen wäre, genau diese Entscheidung auch getroffen worden wäre. Es gibt im Team keine Nummer 1 und keine Nummer 2."

Mercedes hatte in den vergangenen Jahren immer wieder betont, dass es die Piloten frei fahren dürfen. Nun stellt sich die Frage, ob es außer einer möglichen Kollision zwischen Rosberg und Hamilton noch weitere nachvollziehbare Gründe gab, eine Teamorder auszusprechen. "Für mich gibt es keine", meinte Danner. "Eine Teamorder am Anfang der WM bei zwei Piloten, wo alles noch offen ist, finde ich fehl am Platz."

So reagierte Hamilton auf die Anweisung

Hamilton entschuldigte sich noch auf dem Podium für den Verlauf des Rennens und machte keine Geheimnis daraus, dass Teamkollege Rosberg ebenfalls einen Platz auf dem Treppchen verdient hätte. "Ich muss mich auch bei Nico bedanken. Er fuhr das Rennen cleverer und kontrollierter als ich und hätte meinen Platz auf dem Podium heute verdient gehabt", so Hamilton. "Das Team hat entschieden, dass wir die Positionen halten sollten, und das haben wir beide respektiert." Rosberg machte deutlich, dass er kein Problem mit Hamilton habe, sondern stattdessen mit Brawn das Gespräch suchte. "Lewis hat da gar nichts mit zu tun", versicherte Rosberg.


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