Der Krieg der Sterne ist zurück: Im Formel-1-Sprint zum Kanada GP in Montreal kam es erstmals im WM-Kampf zwischen den beiden Mercedes-Piloten zum Zoff auf der Strecke. George Russell, der Pole-Setter und spätere Sieger, verteidigte die Führung vehement gegen seinen Teamkollegen Kimi Antonelli. Der WM-Leader zog den Kürzeren und musste sich auch noch von Lando Norris überholen lassen.

Das Drama nahm in Runde 5 seinen Lauf, als Antonelli Russell in der Zielschikane erstmals richtig in Bedrängnis brachte. Der Italiener hatte den besseren Ausgang, setzte sich auf Start/Ziel daneben und wollte in Kurve 1 außen vorbei. Doch Russell ließ sich nach außen treiben, für Antonelli blieb nur der Weg über die Wiese.

"Das war hässlich", funkte er sofort. Dabei behielt Antonelli noch Platz zwei, doch bei einem Angriff in der gleichen Runde in Kurve 8 übertrieb er es endgültig. Beim Versuch, innen vorbeizugehen, blockierten ihm die Räder, der Youngster fuhr geradeaus durch die Wiese verlor Platz zwei an Norris.

Daraufhin gab es am Funk kein Halten mehr für Antonelli. "Das muss eine Strafe geben", forderte er sogar. Nachdem die Deeskalationsversuche von Renningenieur Peter Bonnington nur mäßig Erfolg zeigten, meldete sich umgehend Teamchef Toto Wolff am Funk zu Wort. "Konzentriere dich aufs Fahren und nicht aufs Beschweren am Funk", ermahnte er ihn.

Direkt nach der Zieldurchfahrt kam es am Funk von Antonelli noch einmal zum verbalen Duell zwischen Antonelli und Wolff. "Jetzt redest du zum vierten Mal darüber. Wir besprechen das intern, nicht über den Funk", maßregelte der Österreicher seinen Angstellten.

In den Interviews später zeigten sich die Beteiligten weniger emotional. Motorsport-Magazin.com hat die wichtigsten Aussagen der Beteiligten:

George Russell über den Zweikampf: Ja, es war ein harter Kampf und natürlich habe ich in Kurve eins verteidigt. Da wird man von außen nie überholt. Deshalb wusste ich, dass ich ziemlich sicher war, aber Hut ab vor Kimi, dass er es versucht hat, das respektiere ich! Und natürlich bin ich unbeschadet davongekommen. Und dann in Kurve acht: Diese Strecke ist abseits der Ideallinie sehr schmutzig. Das haben wir das ganze Wochenende über gesehen. Deshalb war ich ziemlich nervös, in Kurve acht zu eng zu verteidigen, weil ich wusste, dass die Gefahr bestand, dass die Räder blockieren, wenn ich dort hinfahre, und das war es eigentlich auch schon. Ich bin froh, dass wir jetzt hier sitzen. Es hätte auch anders kommen können, aber das war nicht der Fall, und so sollte Rennsport sein.

Antonelli über den Zwischenfall: Ich muss das noch einmal sehen, um ehrlich zu sein. Ich war ziemlich nah dran und es gab definitiv Kontakt, also muss ich das noch mal nachprüfen. Es war ein hartes Rennen, und dann in Kurve acht, um ehrlich zu sein, war ich definitiv zu optimistisch. Ich habe eine massive Bodenwelle erwischt und bin fast ins Schleudern gekommen.

Toto Wolff über den Zweikampf (via F1 TV): Zunächst einmal hat es mir auch Spaß gemacht, das zu sehen. Wir wollen Rennen und Überholmanöver sehen, und für mich sind diese Momente super, weil wir daraus so viel lernen können. Ich nehme die Fahrer dann beiseite und frage: Wie seht ihr das? Wie wollen wir in Zukunft damit umgehen? Fahren wir gegeneinander, als wäre da ein drittes Auto? Ist das fair? So lautet nun mal die Regel. Oder fahren wir anders gegeneinander? Würdest du deinem Teamkollegen Platz lassen, wenn es ein anderes Auto wäre? Wenn es um die Meisterschaft geht? Oder nicht? Und ich denke, es liegt auch an ihnen, die Regeln für die Zukunft festzulegen.

Kimi Antonelli und George Russell nach dem Sprint in Kanada
Nach dem Sprint haben sich George Russell und Kimi Antonelli die Hand gegeben, Foto: IMAGO / HochZwei

Russell über den Überholversuch in Kurve 1: Aus meiner Sicht ist es so: Seit Kindesalter im Kart wissen wir, dass Überholmanöver auf der Außenbahn ein gewisses Risiko mit sich bringen. Es sind fantastische Überholmanöver, wenn sie gelingen, aber die Chancen stehen ziemlich schlecht. Also gab es für mich nur eine Richtung, und ich wollte die Linie schließen und mein Recht darauf wahrnehmen. Wie gesagt, Respekt an ihn, dass er es versucht hat. Die Emotionen kochen bei uns allen im Cockpit immer hoch. Aber ich bin sicher, wir werden danach beide darüber reden.

Antonelli über den Überholversuch auf der Außenbahn: Ich glaube, wenn man klar daneben ist, kann man so ziemlich überall überholen. Ich meine, natürlich gibt es Kurven, die schwieriger sind, aber ich glaube nicht, dass es noch nie ein Überholmanöver auf der Außenbahn in Kurve eins gegeben hat. Aber wir hatten beide Glück, dass wir nicht gecrasht sind.

Toto Wolff über den Überholversuch in Kurve 1 (via F1 TV): Ich will ihn überhaupt nicht zurückhalten. Wenn man es sich genauer ansieht: Als er mit George in die erste Kurve ging, lag er mit der Nase vorn, aber dann hat er offensichtlich gebremst. Das war ein Max [Verstappen, Anm. d. Red.]. Man lässt das Auto ein bisschen einrollen, um vorne zu bleiben. Aber ist das eine Kurve, in der man erwarten würde, dass jemand anderes die Tür offenlässt? Wahrscheinlich nicht. Das hätte niemand getan. Das Gleiche gilt für Lando.

Kimi Antonelli fährt im Zweikampf mit George Russell durch den Dreck
Kimi Antonelli verbremste sich und musste durch die Wiese, Foto: IMAGO / PsnewZ

Russell über die Gangart gegen den eigenen Teamkollegen: Ich für meinen Teil glaube nicht, dass ich etwas falsch gemacht habe, und es wurde auch nicht untersucht. Ich schätze, für die Rennleitung und die Rennkommissare ist das alles egal, aber ich muss das noch einmal ansehen. Es ist klar, dass wir unter Teamkollegen hart, aber fair fahren und keinen Kontakt haben. Das ist immer das Ziel. Ich bin gegen Kimi nicht härter gefahren, als ich es in derselben Situation gegen Lando getan hätte. Wir kämpfen beide hier um den Sieg und in der Vergangenheit, sogar letztes Jahr, als wir uns duellierten, habe ich Kimi immer etwas mehr Platz gelassen als allen anderen. Ich muss mir das noch einmal ansehen.

Antonelli über die Konsequenzen des Duells: Natürlich halten wir vor den Rennen Besprechungen ab, und das ist es, was wir dort im Raum besprechen. Dann versuchen wir natürlich, das Rennen zu gewinnen, und geben unser Bestes, um unsere Position zu verteidigen. Wahrscheinlich habe ich die Bedeutung dieses Treffens ein bisschen anders verstanden, aber ja, natürlich muss ich das noch einmal überprüfen. Die Emotionen waren in dem Moment sehr hoch und natürlich war ich sehr verärgert. Wahrscheinlich brauchen wir einfach ein bisschen Klarheit. Sobald das klar ist, wird alles gut, denke ich.

Toto Wolff über seine Funksprüche an Antonelli (via F1 TV): Rennfahrer haben Emotionen. Klar, man ist total sauer, wenn man von der Straße gedrängt wird oder keinen Platz mehr hat. Aber weißt du, alle Medien wollen jetzt mit "Star Wars" auf den Plan treten, und das wird überall in den Schlagzeilen stehen. Die Botschaft einmal zu verbreiten, ist okay. Ein zweites Mal kann ich das noch irgendwie nachvollziehen. Aber wenn man es ein drittes und viertes Mal macht, dann ist es nicht gut, wenn das so in der Öffentlichkeit steht.

Toto Wolff über die Zukunft des Duells Antonelli vs. Russell (via F1 TV): Ich möchte, dass er weiterhin aggressiv fährt, denn man kann nicht erwarten, dass im Auto ein Löwe sitzt und draußen ein Welpe. Das ist einfach ihr Charakter. Sie werden verärgert sein, und darauf muss man eingehen und das respektieren. Die Frage ist also nur: Wie geht man dann in Zukunft damit um? Wie lauten die Regeln? Wenn wir beschließen, gegeneinander zu fahren wie gegen ein drittes Auto, dann wissen das beide. Und zumindest dann hat man vielleicht einen anderen Ansatz.

Toto Wolff über die Beziehung zwischen den Fahrern und den Vergleich Hamilton vs. Rosberg (via F1 TV): Wir sagen jungen Fahrern, die vom Kart in die Junioren-Formelklassen kommen, dass sie egoistisch sein müssen. Und dann wird man plötzlich in ein Formel-1-Team versetzt und dann sagt dir jemand, dass du jetzt ein Teamplayer sein musst und Mercedes repräsentierst und das nicht tun darfst. Das kann man einem Fahrer nicht abgewöhnen, und ich würde es niemals einem Fahrer abgewöhnen wollen. Also egoistisch, ja. Wird die Beziehung ein wenig anders sein, wenn sie um eine Meisterschaft fahren? Auf jeden Fall. Das ist zu erwarten. Es ist ja nicht immer so, dass wir uns gemütlich machen und abends zusammen Karaoke singen gehen. Also ist es okay.

Es ist anders als damals, als ich in die Formel 1 kam – diese Situation mit Nico und Lewis war etwas Neues für mich. Sie waren bereits etablierte Stars, und wir haben wahrscheinlich zu spät darüber gesprochen. Es ist gut, diese Balance und diese Vorgehensweise jetzt im fünften Rennen zu finden, statt erst viel später. Wir haben 20 Stunden Zeit, um herauszufinden, wie wir morgen in Kurve eins vorgehen wollen, wenn wir eine gute Position haben. Aber ich will das nicht unterbinden, aber man sieht ja, wie schnell man den Vorsprung verliert.