George Russell galt für viele als der geheime WM-Favorit der Formel 1-Saison 2026, doch nach vier Rennen liegt er 20 Punkte hinter seinem 19-jährigen Teamkollegen Kimi Antonelli zurück. Entsprechend musste sich Russell in der offiziellen FIA-Pressekonferenz vor dem Großen Preis von Kanada die Frage gefallen lassen, wie er das Ruder herumzureißen gedenkt. "Es ist nur ein weiteres Rennen. Ich denke noch gar nicht an die WM", stellte Russell klar.

Selbst das schlechte Wochenende in Miami hinterließ bei ihm keine Spuren. "Es war für mich dort auch im vergangenen Jahr schwierig. Danach bin ich nach Montréal gereist und hatte ein großartiges Wochenende. Das heißt nicht, dass es in diesem Jahr genauso laufen wird. Ich muss mich einfach auf mich selbst konzentrieren, meine Abläufe durchgehen und kontrollieren, was ich kontrollieren kann. Es gibt überhaupt keinen Grund zur Panik. Ich weiß, wozu ich in der Lage bin. Ich weiß, welchen Speed ich habe", betonte Russell.

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Auch wenn es im Motorsport oft heißt "Zahlen lügen nicht": Russells aktuelles Punktekonto von 80 Zählern spiegelt den tatsächlichen Saisonverlauf nur bedingt wider. Auf seine starken Siege in Australien und im China-Sprint folgte eine ordentliche Portion Pech. Ein durch einen technischen Defekt gezeichnetes Qualifying raubte ihm in China jede Chance auf die Pole Position. Beim darauffolgenden Rennen in Japan sorgte eine Fehlentscheidung beim Setup dafür, dass der Mercedes im Rennen viel zu nervös lag.

Zuletzt spielte ihm der glatte, grip-arme Asphalt in Miami nicht in die Karten - eine Charakteristik, die dem Mercedes-Piloten noch nie lag. Schon 2025 kam er auf dem Miami International Autodrome überhaupt nicht in die Gänge und kassierte dort seine damals erste teaminterne Niederlage gegen Kimi Antonelli. Dass eine solche Negativserie schnell einen psychologischen Knacks provozieren, ist kein Geheimnis.

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Formel-2-Meisterschaft 2018 als Mutmacher

Umso wichtiger war es Russell, jegliche Zweifel im Keim zu ersticken: "Ich schaue nicht darauf, was andere machen. Ich konzentriere mich darauf, wie ich gemeinsam mit meinen Ingenieuren das Maximum aus mir selbst, aus dem Setup des Autos und aus den Reifen herausholen kann. Ich weiß: Wenn ich all diese Punkte abhake, kann ich jeden schlagen." Um seine Gelassenheit zu untermauern, zog der Brite einen Vergleich zu seinem Titelkampf in der Formel 2 2018 heran.

"Ich lag damals nach vier Rennen 34 Punkte hinter dem Leader und wurde am Ende Meister. Also mache ich mir keine Sorgen. Wenn ein paar Dinge etwas anders gelaufen wären, würde die aktuelle Situation eine ganz andere sein. Alles läuft wie gewohnt weiter. Zudem beginnt bald die Europa-Saison, in der wir alle etwas mehr in den Rhythmus finden. Es stehen noch einige Double- und Triple-Header an - da kann sich das Blatt sehr schnell wenden."

Ein Blick in die Statistikbücher stützt zusätzlich Russells Optimismus, denn der Circuit Gilles Villeneuve ist eine Strecke, die ihm liegt. In den letzten zwei Jahren sicherte er sich auf der Traditionsstrecke in Kanada jeweils die Pole Position, 2025 münzte er den ersten Startplatz sogar in einen Sieg um. Die Vorzeichen für die fällige Kehrtwende im Silberpfeil-Duell könnten also kaum besser sein.