Vor einem Jahr war Kimi Antonelli in Belgien am Höhepunkt seiner Formel-1-Formkrise angekommen. Weder im Sprint- noch im GP-Qualifying schaffte er es aus dem ersten Segment heraus, im Rennen reichte es nur für einen mehr als enttäuschenden Platz 16. Dass er ein Jahr später hier seinen insgesamt sechsten Saisonsieg einfährt, die Konkurrenz trotz Pech mit dem Virtual Safety Car bezwingt und seine WM-Führung auf 45 Punkte ausbaut, hatte damals keiner geglaubt.

Inakzeptabel! Russell-Wut nach Energie-Drama - Hamilton-Sieg verpasst? (09:59 Min.)

Auch der junge Italiener selbst hätte niemals gedacht, wie viel sich innerhalb von zwölf Monaten ändern kann. "Letztes Jahr habe ich hier meinen Tiefpunkt erreicht. Es war mental ein sehr schweres Wochenende für mich. Aber dieses Jahr war es gut, definitiv viel besser. Das hätte ich nicht erwartet, wenn du mich letztes Jahr hier danach gefragt hättest. Ich hätte 'Nein' gesagt", so der frischgekürte Spa-Sieger.

Der Erfolg kommt für Antonelli zu einem wichtigen Zeitpunkt: In zwei der letzten drei Rennwochenenden hat ihn das Pech verfolgt. In Barcleona fiel er vier Runden vor Schluss wegen eines Batterie-Problems aus, in Silverstone warf ein gebrochenes Wheel-Shield die Balance seines W17 auseinander und zerstörte sein Rennen im finalen Stint. Beide Male war er auf der Jagd nach dem Erstplatzierten.

Antonelli verpasst Safety-Car-Boxenstopp: War genervt!

Seinen sechsten Karriere- und Saisonsieg musste er sich hart erkämpfen. Gleich in der ersten, energietechnisch sehr verrückten Runde verlor er die Führung in Eau Rouge an Max Verstappen, holte sie sich aber schon auf der Kemmel-Geraden wieder. Ganz abschütteln konnte er den Red Bull nicht. In Runde 18 bog der vierfache Champion für einen Undercut-Versuch in die Box ab – direkt danach wurde wegen Trümmern auf der Strecke ein Virtual Safety Car ausgerufen.

Das kam für Antonelli wie gerufen. Er wurde an die Box zitiert. Doch als er sich zwischen Blanchimont und der Bus-Stop-Schikane befindet, also kurz vor der Boxengasseneinfahrt, wird das VSC wieder aufgehoben. Trotzdem kommt er zum Reifenwechsel, um Verstappen abzudecken. Charles Leclerc, der sich das zweite VSC wenige Runden später zunutze macht, hat mehr Glück und kommt zwei Sekunden vor dem Mercedes wieder aus der Box.

"Ich war etwas genervt", kommentierte Antonelli sein VSC-Pech. "Aber das kannst du nicht voraussagen. Manchmal geht das für dich auf, manchmal nicht. In Suzuka hatte ich viel Glück mit dem Timing des Safety Cars. Heute war ich auf der anderen Seite davon. So ist das eben. Deshalb muss man immer das Beste herausholen."

Kein Stress im WM-Kampf: Schwung war immer auf meiner Seite

Daraufhin nimmt Antonelli die Verfolgung des Ferraris auf. Über die nächsten Runden arbeitet er sich voran, vorbei an Lando Norris und bis ins Heck von Leclerc. In Runde 34 von 44 holt er sich den Silverstone-Sieger auf der Kemmel-Geraden, mit Windschatten und Energie-Überschuss. Abschütteln lässt der sich auch nicht, doch Antonelli kann bis zur Zielflagge einen komfortablen Vorsprung von zwei Sekunden rausfahren.

"Die Pace war viel höher als im Training", beschreibt der 19-Jährige. "Wir waren stark an manchen Stellen der Strecke, aber dann schwach in anderen. Es war definitiv kein unkompliziertes Rennen, aber ich bin glücklich mit dem Ergebnis." Genau das brauchte Antonelli, nachdem er zuletzt zwei Nullnummern hatte. In der WM-Wertung hatte George Russell bereits auf 25 Punkte aufgeholt. Dank dessen Ausfalls in der ersten Runde hat der Mercedes-Junior jetzt wieder ein gutes Polster von 45 Punkten auf Lewis Hamilton auf Platz zwei.

"Der Schwung war immer auf meiner Seite, egal, was in den letzten Rennen passiert ist", meint Antonelli. Gerade in solchen Situationen wird klar, was für einen großen Sprung er mental seit letztem Jahr gemacht hat. "Du musst ein Wochenende nach dem anderen angehen. Du weißt nie, was passieren kann. Du musst deine Performance immer maximieren und jedes Mal dein Bestes geben. Dann werden wir sehen, wie es am Ende des Jahres aussieht", macht er sich keinen großen Druck wegen des WM-Titels.

Muss Russell jetzt Platz machen? Wolff verrät Teamorder-Konditionen

Mercedes-Teamchef Toto Wolff ist zutiefst beeindruckt vom Mentalitätsumschwung bei Antonelli. Dass er sich von seiner Rookie-Saison verbessern würde, sei ihm klargewesen, doch dass er sich so ändern würde, war selbst für den erfahrenen Formel-1-Teamchef eine Überraschung: "Was für eine Ruhe und Struktur er in seine Leistung gebracht hat. Du würdest es bei ihm in der Nachbesprechung nicht sehen, ob die Session gut oder schlecht war. Er ist klinisch. 'Was ist das Problem? Wie lösen wir es? Wie machen wir weiter?'" Wolff geht davon aus, dass diese Einstellung ein Hauptgrund für Antonellis frühen Erfolg ist.

Kimi Antonelli bei der Feier seines WM-Siegs
Kimi Antonelli wird vom Team mit Champagner übergossen, Foto: IMAGO / PsnewZ
Ein Fan-Schild mit der Aufschrift: Forza Kimi
Die Unterstützung unter den Fans für Antonelli ist groß, Foto: IMAGO / HochZwei

Mit genau 50 Punkten Rückstand auf seinen Teamkollegen stellt sich nun die Frage, ob Russell in Zukunft Platz machen muss. Seit dem Großen Preis von Barcelona-Catalunya hat sich Mercedes auf eine Linie geeinigt, wie Wolff verrät. Dort hielten sich Russell und Antonelli gegenseitig lang auf, was dem Jüngeren am Ende möglicherweise den Sieg gekostet hätte, wäre er nicht vorher ausgefallen. Das soll nicht mehr passieren. "Wir wollten heute keine Zeit miteinander verlieren", so Wolff. "Wir wollen miteinander nicht Jojo-Racing betreiben. Seit Barcelona würden wir in jedem Fall dem Rennsieg den Vorzug geben."

Eine Teamorder gibt es also nur, wenn der Sieg auf dem Spiel steht. Das gilt auch, sollte Russell im Rennen vor Antonelli sein. "Das ist genauso eine Konstrukteur-Weltmeisterschaft wie eine Fahrer-WM. Wir würden keinem Fahrer den Sieg nehmen. Sollte George [im Rennen] vorne sein, selbst wenn er in der WM-Wertung hinten ist, würden wir ihn nicht zurückpfeifen", bestätigt Wolff.