Dass es die Formel 1 im Rennen von Spa mit nur einer Handvoll Berührungen und einen Ausfall durch die erste Runde schaffte, grenzt bei rückblickender Betrachtung eigentlich schon an ein Wunder. Wie immer ist die Startphase mit dem neuen Energie-Management eine haarige Angelegenheit, doch beim Belgien-GP sorgten die zwei aufeinanderfolgenden Geraden für maximales Chaos.

Spa-Francorchamps ist generell keine Strecke, die dem neuen Energie-Reglement liegt. Das Problem ist der lange Vollgas-Weg zu Rundenbeginn nach La Source, der ersten Haarnadel. Man beschleunigt hinunter in die Kompression von Eau Rouge, den Berg hoch, und immer noch weiter, die ganze Kemmel-Geraden entlang bis zu Les Combes. Dafür hat die Batterie einfach nicht genug Leistung.

Irgenwo muss man also Abstriche machen. Das gilt erst recht für den Start, und das ist es, was die Angelegenheit brenzlig macht. Wenn unterschiedliche Autos komplett unterschiedliche Geschwindigkeiten an unterschiedlichen Punkten erreichen, an Stellen, an denen man zwischen 300 und 340 km/h schnell fährt, mit flachgestellten Flügeln und damit minimalem Abtrieb im Windschatten anderer Autos.

Formel-1-Fahrer reihenweise von Energie-Management überrascht

Jedes Zucken kann da ein Desaster bedeuten. "Es war verrückt!", sagt Rennsieger Kimi Antonelli danach. Selbst als Führender aus La Source kommend versank er sofort im Chaos. "Ich war so verwirrt, was da passiert ist. Max flog vor Eau Rouge an mir vorbei."

Bei den sechs Autos der vier Top-Teams an der Spitze des Feldes waren nicht weniger als vier sich komplett voneinander unterscheidende Geschwindigkeitsprofile zu beobachten. Zuerst war da Max Verstappen, der mit massivem Überschuss von La Source hinunter zu Eau Rouge katapultiert wurde. 20 km/h schneller war er vor der Kompression als der direkt vor ihm fahrende Antonelli.

Er konnte gar nicht anders, als Antonelli vor Eau Rouge zu überholen. "Es wurde ganz klar von Kurve 1 zu Kurve 2 zu viel eingespeist", ärgert sich Verstappen. "Ich bin dann durch Eau Rouge, habe auf meinen Batteriestand geschaut und dachte mir nur: Gut, das wird jetzt ein schwieriger Weg nach Les Combes." Dem Red Bull ging auf der langen Kemmel-Geraden die Energie aus. Verstappen erreichte sehr früh seinen Bestwert von 307 km/h und dann das Clipping - den Zustand, in dem nur mehr der Verbrenner Leistung liefert, weil die Batterie leer ist.

"Ich habe natürlich damit gerechnet, dass Kimi mich überholt, aber dann habe ich in dem Spiegel geschaut und sah eine rote Rakete kommen!", beschreibt Verstappen. Denn Antonelli erreichte auch nur 318 km/h in der Spitze. Der Mercedes hatte aus einem Grund, der dem Team selbst nicht einmal klar ist, insgesamt bis Les Combes nicht so viel Energie wie erwartet.

Der Start bei der Formel 1 in Belgien
Die Autos in der Startrunde auf dem Weg zu Eau Rouge, Foto: IMAGO / PsnewZ

Dadurch lösten beide Mercedes Verwirrung aus. Der von P3 losgefahrene George Russell kam 10 km/h schneller als Antonelli in Eau Rouge an, und den Berg hoch wurde die Energie bei ihm auffällig anders eingespeist als bei Antonelli. Die beiden erreichten einen ähnlichen Topspeed - aber Russell brauchte aus unbekannten Gründen 643 Meter länger. Tatsächlich sieht sein Speed-Profil dem einer normalen Rennrunde verdächtig ähnlich.

Über 30 km/h Unterschied zwischen Autos: Start-Wahnsinn in Spa

Die Konkurrenz dahinter fuhr spezielle Startprofile. Verstappens "rote Raketen" eben, die Ferraris, waren auf der Kemmel-Geraden massiv schneller. Aus dem Windschatten seiner Vordermänner ausscherend erreichte Charles Leclerc 335 km/h und überraschte den immer langsamer werdenden Antonelli komplett: "Ich dachte mir, was zur Hölle passiert hier? Ich hatte keinen Plan, versuchte einfach den Platz auf der Strecke zu behalten."

"Ich habe in den Spiegel geschaut, und da kamen so viele Autos!", sagt Antonelli. Er, Leclerc und Verstappen schafften es irgendwie, sich in Les Combes zu sortieren, obwohl Verstappens clippender Red Bull gefährlich langsam wurde, mit einer Differenz von bis zu 36 km/h zu Leclerc. "Ich dachte mir, jetzt einfach die Linie halten, sonst haben wir hier einen Flugzeug-Crash", so Verstappen. Hinter dem Trio hatte mit Lewis Hamilton auch der zweite Ferrari ausgeschert. Russell hielt dagegen, was in Les Combes zum Kontakt und zu Russells Ausfall führte.

Dass Antonelli, Verstappen und Russell aber alle drei so langsam waren, machte die Angelegenheit mehr als brenzlig. Beide Ferrari scherten erst spät aus, weil sie genauso überrascht waren vom fehlenden Topspeed ihrer Gegner. Das brachte den ihnen folgenden Oscar Piastri in Bedrängnis, der mit 337 km/h dank eines fünffachen Windschattens noch einen draufsetzte.

Piastri musste bereits vor Eau Rouge einmal vom Gas gehen, um Hamilton nicht ins Heck zu fahren, und dann noch einmal auf der Kemmel-Geraden, als die Ferrari vor ihm Russell umfuhren und Hamilton noch einmal deshalb verzögern musste. Viel trennte ihn nicht mehr von der Berührung mit einem Hinterrad.

Der absolute Bestwert gehörte Alex Albon im Williams mit 344,9 km/h. An dem Punkt, an dem der Albon-Wert gemessen wurde, war Verstappen im direkten Vergleich gar nur mehr 299,5 km/h schnell. Nirgendwo sonst hat sich dieses Problem mit den Energie-Differenzen bislang so offensichtlich gezeigt, auch wenn sich die Fahrer seit Monaten darüber aufregen: In Startrunden braucht es 2026 so viel Konzentration wie noch nie, um ein Desaster zu vermeiden.