Gibt Sebastian Vettel wirklich sein Comeback im Motorsport? Szenekenner hatten schon fast nicht mehr daran geglaubt, doch der vierfache Formel-1-Weltmeister ließ jetzt in einem Interview aufhorchen. Gegenüber auto motor und sport bekräftigte er sein grundsätzliches Interesse an der Langstrecken-Weltmeisterschaft WEC. Vettel: "Ich will nicht ausschließen, dass da noch was daraus wird."

Vettel kann sich mehr als nur einen einmaligen Start bei den 24 Stunden von Le Mans vorstellen, wie seit dem vorletzten Jahr immer wieder spekuliert worden ist. "Im Motorsport kannst du schlecht sagen: Ich fahre nur die Hälfte der Rennen. Da würde die WEC eigentlich gut passen mit ihren acht Rennen, die auch anders gestaffelt sind als die Formel 1", gab der gebürtige Heppenheimer, der sich nach 2022 aus der F1 zurückgezogen hatte, einen Hinweis.

So deutlich hatte sich Vettel noch nie zuvor zu einer möglichen Rückkehr in den Rennsport und einem Debüt in der WEC geäußert. Wenn solche Worte aus dem Mund eines der erfolgreichsten Fahrer in der Geschichte des Motorsports kommen, müssen eigentlich bei sämtlichen Herstellern - in der Langstrecken-WM immerhin acht an der Zahl - die Alarmglocken schrillen. Wer hätte nicht gerne einen wie Vettel im eigenen Cockpit?

Ein Einstieg von Vettel in die WEC ist alles andere als bestätigt und hat sich bislang selbst nach einem ausgiebigen Streckentest mit Porsche anno 2023 nicht ergeben, doch die Türe hat der 38-Jährige definitiv offengelassen. Motorsport-Magazin.com macht den Check: Für welchen Hersteller könnte Vettel an den Start gehen?

Ferraris WEC-Siegesserie beendet! Mick Schumacher in Top-10 (07:39 Min.)

Sebastian Vettel zu Cadillac in die WEC?

Trotz aller Spekulationen ist zumindest eines sicher: Bei Cadillac wird für die Saison 2026 ein Hypercar-Cockpit frei. Jenson Button, selbst Formel-1-Weltmeister, hat jüngst seinen Abschied zum Ende der Saison bestätigt. Sein Terminkalender sei zu voll und er wolle mehr Zeit mit der Familie verbringen, argumentierte der 45-Jährige.

Vettel hatte in der Vergangenheit zwar keine direkte Verbindung zum US-Autobauer, der 2026 auch in die F1 einsteigen wird. Wohl aber zu deren Einsatzteam Jota aus Großbritannien. Der Rennstall um den deutschen Teamchef Dieter Gass lockte Vettel bereits im September 2023 mit einem Test im damaligen Kunden-Porsche 963, doch dazu kam es nicht.

Jetzt ist die Konstellation eine andere: Jota ist über den Winter vom Porsche-Kundenteam zum neuen Werksteam von Cadillac in der WEC aufgestiegen. Das Team brauchte überraschend wenig Zeit für den ersten Triumph: Am vergangenen Wochenende in Sao Paulo führte Jota den Caddy zu seinem ersten Sieg in der Langstrecken-WM, es wurde sogar ein Doppelsieg. Mit einem finanzstarken Partner wie Cadillac im Rücken, könnte das Interesse der Jota-Teameigner Sam Hignett und David Clark an Mister Vettel neu entflammen. Bei Jota-Cadillac würde Vettel ein hochprofessionelles Team vorfinden samt einem Auto, das absolut siegfähig ist.

Sebastian Vettel zu Ferrari in die WEC?

Alte Liebe unter neuen Voraussetzungen? Vettel fuhr schon in der Formel 1 von 2015 bis 2020 für Ferrari, konnte den Italienern aber nicht die ersehnte Weltmeisterschaft bescheren. In der WEC ist Ferraris Titeldruck seit der Rückkehr in die höchste Klasse des Langstreckensports geringer: Der Luxusautobauer gewann die 24 Stunden von Le Mans von 2023 bis 2025 dreimal in Folge und befindet sich auf dem besten Wege, erstmals auch die Titel in der Fahrer- und Hersteller-Wertung abzuräumen.

Vettel zurück bei Ferrari - das wäre natürlich ein echter Motorsport-Hammer. Aber herrscht in Maranello überhaupt Bedarf für einen Neuzugang? Die Verantwortlichen führen ihre Erfolge auch auf die Konstanz bei der Fahrerwahl zurück: Seit 2023 teilen sich Antonio Giovinazzi, James Calado und Alessandro Pier Guidi (Le-Mans-Sieger 2023) durchgängig den #51 499P, während auf dem #50 Schwesterauto Antonio Fuoco, Miguel Molina und Nicklas Nielsen (Le-Mans-Sieger 2024) alle Rennen gemeinsamen ausgefochten haben.

"Im Moment haben wir keine Absichten, jemanden auszutauschen", sagte uns Ferraris Sportwagenchef Antonello Coletta in Le Mans. "Deshalb hoffe ich, dass wir dasselbe Team in den nächsten Saisons beibehalten können." Verhandelt werden muss trotzdem, einige Fahrerverträge laufen aus. Mit dem ehemaligen F1-Fahrer Giovinazzi hat Ferrari bereits eine Einigung für die kommenden Jahre erzielt.

Der Italiener war 2023 der einzige externe Zugang für das Hypercar-Projekt, alle anderen Fahrer stammten aus Ferraris GT-Kader. Molina, Calado und Co. verfügen nicht über die Strahlkraft eines Vettel, sind in den Jahren als Team aber eng zusammengewachsen. Und mit dem 25-jährigen Ferrari-Werksfahrer Yifei Ye, der jüngst im gelben Kunden-Ferrari von AF Corse (Ye, Kubica, Hanson) Le Mans gewann, hat sich bereits ein Talent für den Aufstieg ins Werksteam empfohlen.

Sebastian Vettel zu Porsche in die WEC?

Vettel saß schon im März 2024 in einem Porsche 963, um sich bei Testfahrten in Aragon für ein mögliches Debüt bei den 24 Stunden von Le Mans vorzubereiten. Beim Klassiker winkte Vettel ein Platz im dritten Werks-Porsche, doch dazu kam es bekanntermaßen nicht. Danach wurde es in der Öffentlichkeit ruhig zwischen Vettel und Porsche, wenngleich die Zuffenhausener zu jeder Zeit die Türe geöffnet ließen.

Wie wir hören, haben Mitglieder des Porsche-Vorstandes grundsätzlich ein Interesse an Vettel. Und die Marketingabteilung sowieso, nachdem Porsche infolge des Abschieds von Weltmeister Andre Lotterer zum ersten Mal ohne einen deutschen Stammfahrer in der WEC antritt. Wie schnell oder langsam Vettel beim Aragon-Test war, darüber ranken sich bis heute zahlreiche Mythen. Dass er aus Aragon vorzeitig abreiste, um einem anderen Termin nachzukommen, soll in Porsches Motorsportabteilung allerdings nicht allzu gut angekommen sein.

Bei Porsche sind die verfügbaren Cockpits zumindest in dieser Saison reduziert: Das #6 Weltmeister-Auto teilen sich nur die beiden Stammfahrer Kevin Estre und Laurens Vanthoor, während sich im #5 963 Michael Christensen und Ex-Porsche-Junior Julien Andlauer am Steuer abwechseln. Durch die Zweier-Aufgebote sollen die Piloten mehr Fahrzeit an den Rennwochenenden erhalten - Testmöglichkeiten sind in der WEC stark beschränkt. Bei ausgewählten Rennen werden die Crews durch Porsches IMSA-Fahrer Matt Campbell und Mathieu Jaminet ergänzt. Das funktioniert, weil es zwischen der WEC und der IMSA keine Terminüberschneidungen gibt.

Porsches Werkskader ist für das umfangreiche Prototypen-Programm mehr als gut aufgestellt. Mit dem zweifachen DTM-Vizemeister Nico Müller hat sich ein weiterer Langstrecken-Experte hinzugesellt. Ist da überhaupt Platz für Vettel, dessen Dienste auch nicht ganz billig zu haben sein sollen?

Sebastian Vettel im Porsche 963 von Le-Mans-Rekordsieger Porsche
Fährt Vettel irgendwann Rennen im Porsche 963?, Foto: Porsche AG

Sebastian Vettel zu Aston Martin in die WEC?

Vettel hat seine erfolgreiche Formel-1-Karriere nach zwei Jahren bei Aston Martin Ende 2022 beendet. Wäre ein Motorsport-Comeback mit den Briten in der WEC möglich? Aston Martin ist nach langem Anlauf dieses Jahr in die Langstrecken-WM eingestiegen und führt zwei der spektakulären V12-Valkyries ins Feld.

Als Rookie zahlt man viel Lehrgeld, vor allem angesichts der brutalen Hersteller-Konkurrenz. Das einzige Hypercar ohne Hybridsystem an Bord wartet noch auf sein erstes Top-10-Ergebnis, doch die Lernkurve ist steil. Bei den 24 Stunden von Le Mans sahen überraschend beide Autos die Zielflagge (Plätze 12 und 14 mit 4 bzw. 6 Runden Rückstand). Zuletzt in Sao Paulo (P13 und P16) konnten die grünen Valkyries sogar eine Weile im Mittelfeld kämpfen. Experten sind sicher, dass großes Potenzial im Aston Martin steckt.

Ein Thema sind die Fahrer: Harry Tincknell, Tom Gamble und Ross Gunn im #007 Aston Martin sowie Marco Sörensen/Alex Riberas/Roman De Angelis auf dem #009 Schwesterauto zählen nicht unbedingt zur Weltklasse auf der Langstrecke und hatten größtenteils kaum Vorerfahrung in einem Prototypen mit Downforce. Ein Motorsport-Star wie Vettel könnte trotz mangelnder Endurance-Kenntnisse neue Impulse setzen und zudem für medialen Glanz sorgen.

Die Wahl der Fahrer könnte budgetäre Gründe haben. Angeblich schießt das Einsatzteam The Heart of Racing einen beträchtlichen Teil zu Aston Martins Hypercar-Programm in der WEC und IMSA zu. Hinter dem britischen Rennstall um Teamchef/LMGT3-Fahrer Ian James steht der amerikanische Videospiele-Milliardär Gabe Newell (Entwickler von Half-Life, Counter-Strike, Dota etc.). Ob für einen Topverdiener wie Vettel ausreichend Geld da wäre?

Klettert Vettel noch mal in den grünen Aston-Martin-Rennoverall?, Foto: Aston Martin
Klettert Vettel noch mal in den grünen Aston-Martin-Rennoverall?, Foto: Aston Martin

Was ist mit BMW, Toyota, Alpine und Peugeot?

Es ist schwer vorstellbar, dass Vettel sich einer der weiteren Marken in der WEC anschließen würde. Zwar liegen seine Anfänge in den Nachwuchs-Formeln von BMW, doch der Münchner Autobauer soll bisher keinen Kontakt zu Vettel gehabt haben. Und mit Fahrern wie Kevin Magnussen, Rene Rast, Sheldon van der Linde, Marco Wittmann oder GT3-Star Valentino Rossi dürfte auch kein Bedarf bestehen.

Toyota wäre rein sportlich sicherlich ein attraktiver Arbeitgeber, lässt sich bei seinen Personalplanungen aber grundsätzlich kaum in die Karten blicken. Fahrer wie Sebastien Buemi, Mike Conway, Kamui Kobayashi und Brendon Hartley gehören zum Teil seit über einem Jahrzehnt zum Inventar. Fahrerwechsel sind eher kosmetischer Natur, wie die Beförderung von Nyck de Vries vom Ersatz- zum Stammfahrer 2023. Deutsche Fahrer haben zwar eine Historie in Toyotas damaligem Formel-1-Programm, nicht aber auf der Langstrecke.

Bei Alpine geht mit Mick Schumacher bereits ein Fahrer aus Deutschland an den Start. Der 26-Jährige - ein guter Kumpel von Vettel - träumt weiter vom Comeback in der Formel 1 und macht seine Zukunftsplanungen davon abhängig. Peugeot dürfte für Vettel überhaupt kein Thema sein. Die LMH-Prototypen sind auch nach einer Komplettüberarbeitung nur bedingt konkurrenzfähig. Hinter den Kulissen soll bereits ein komplett neues Auto entwickelt werden.