Den MotoGP-Sieg in Spielberg würden Marc Marquez und Marco Bezzecchi untereinander ausmachen, das schien nach den ersten Runden im Österreich-Grand-Prix klar. Zu überlegen war das Duo, zu weit setzten sie sich von ihren Verfolgern um Francesco Bagnaia und Pedro Acosta ab. Doch gerade, als die Entscheidung mit Marquez' zweitem und diesmal erfolgreichen Überholversuch gegen Bezzecchi in Runde 20 zugunsten der roten Werks-Ducati gefallen schien, tauchte am Horizont plötzlich noch ein weiterer Anwärter auf: Fermin Aldeguer.

Der Gresini-Rookie stürmte in gigantischen Schritten heran, verkürzte seinen Rückstand binnen sechs Runden von 3,060 auf 0,746 Sekunden. Der erste MotoGP-Sieg für die Startnummer 54 schien greifbar, speziell nach deren schroffem Überholmanöver gegen Bezzecchi in Runde 23. Fünfeinhalb Umläufe und nur eine Sekunde Rückstand auf Marquez verblieben. Die MotoGP-Welt zitterte, die TV-Kameras zeigten eine maximal angespannte Gresini-Box. Doch die Sensation blieb aus. Marquez hatte noch genug Reserven im Tank, um Aldeguer auf den letzten Meter mit einer eigenen Leistungssteigerung auf Distanz zu halten.

Fermin Aldeguer neuer MotoGP-König auf gebrauchten Reifen

Nichts also mit dem ersten MotoGP-Sieg, aber auch über Platz zwei freute er sich am Sonntagnachmittag riesig: "Das war heute ein unglaubliches Rennen." Immerhin erst sein zweiter Podiumsbesuch in einem MotoGP-Hauptrennen, der vierte insgesamt (2x Sprint). "Das ist eines dieser Rennen, von denen du nicht mal zu träumen wagst", strahlte er. Doch wie war es überhaupt dazu gekommen? Von Startplatz fünf ins Rennen gegangen, hatte der 20-Jährige aus El Palmar schließlich keine gute Auftaktphase erwischt, fand sich nach der zweiten Runde nur noch auf Rang neun wieder. Da schien ein Durchmarsch nach vorne in weiter Ferne, vom Podium oder dem Sieg war gar nicht erst zu sprechen.

Nun, die Antwort liegt in Aldeguers neuem Markenzeichen: Überragender Rennpace auf gebrauchten Reifen. Während die Konkurrenz mit zunehmender Renndauer langsamer wird, blüht die Nummer 54 erst in der Schlussphase so richtig auf. "Ich hatte nicht den besten Start und das Überholen ist auf dieser Strecke auch nicht einfach, aber wir haben das ganze Wochenende mit hohen Temperaturen und hohem Reifendruck gearbeitet, um für das Rennen bereit zu sein", verriet Aldeguer. Diese Taktik zahlte sich aus: "Nachdem ich Pedro überholt habe und auf dem Podium war, habe ich mich noch besser gefühlt. Als ich dann hinter Bezzecchi war, dachte ich sogar kurz, dass heute der Tag für den Sieg gekommen sein könnte. Aber mit Marc zu kämpfen, ist dann doch nochmal etwas anderes. Er ist nicht umsonst ein achtfacher Weltmeister."

Fermin Aldeguer pflügte in der Spielberg-Schlussphase unaufhaltsam durch das Feld, Foto: IMAGO / Graham Holt FocusXS
Fermin Aldeguer pflügte in der Spielberg-Schlussphase unaufhaltsam durch das Feld, Foto: IMAGO / Graham Holt FocusXS

Höchstes MotoGP-Lob für "beeindruckenden" Fermin Aldeguer

Worte, die Kumpel Marc Marquez sicherlich gerne zu Gehör genommen haben dürfte. Aber auch Worte, die der MotoGP-Superstar gerne an seinen jungen Trainingspartner zurückgab. "In Sektor drei war er schneller als ich, da hat er in den Linkskurven etwas anders gemacht", gab Marquez an und lobte: "Er hat den Kurvenspeed sehr gut gehalten. Das ist etwas, was du mit dieser Reifenkarkasse machen musst. Wenn du das nicht tust, hast du diesen zusätzlichen Grip nicht. So hilft ihm das zusätzliche Einlenken aber, die Geschwindigkeit zu halten, ohne den Reifen dabei zu stressen. Ich habe da versucht, ihn zu kopieren. Er fährt richtig gut."

"Er hat mich heute sehr beeindruckt. Ich hatte eigentlich mit Pedro [Acosta] oder Pecco [Bagnaia] gerechnet, aber nicht mit Fermin", lobte auch Bezzecchi und Crewchief Frankie Carchedi würdigte: "Ich bin sehr stolz. Seit Saisonbeginn hat er nichts falsch gemacht, er lernt nur mehr und mehr dazu. Diese Rennpace hatte er schon immer, am Ende wird er immer richtig stark." Bereits in Austin, Katar, Le Mans oder Aragon hatte Aldeguer mit Schlussoffensiven auf sich aufmerksam gemacht, ehe er ab Mugello in ein kleines Sommerloch fiel. Nun ist der Negativtrend aber zweifellos gestoppt, auch wenn es laut Carchedi noch einiges zu tun gibt: "Wir wussten, dass er die Pace [für den Sieg] gehabt hätte. Aber wenn du mit Marc kämpfen willst, musst du über alle 28 Runden schnell sein. Das müssen wir noch schaffen. Uns fehlt noch die ultimative Pace, um ihn wirklich fordern zu können."

Das Beindruckende: Dessen ist sich auch Aldeguer selbst bewusst. Obwohl er am Sonntag jeglichen Grund zum exzessiven Feiern gehabt hätte, merkte er offen an: "Ich muss jetzt am ersten Teil des Rennens arbeiten. Ich will mehr Übungsstarts machen und gleich in den ersten Runden auf den vordersten Positionen sein, um ein leichteres Rennen zu haben." Gelingen dem 20-jährigen Youngster auch in diesem Bereich noch Verbesserungen, könnte sein Gesamtpaket bald schwierig zu schlagen sein. An einer breiten Brust mangelt es Aldeguer nämlich schon jetzt nicht. Mit Blick auf seine starke Pace auf gebrauchten Reifen gab er selbstbewusst an: "Da bin ich der beste Ducati-Fahrer! Mein Team und ich wissen genau: Wenn es einen Fahrer gibt, der in den letzten Runden mit Marc kämpfen kann, dann bin das ich."

Was denkt ihr: Sehen wir Fermin Aldeguer bald auf der obersten Stufe eines MotoGP-Podiums? Lasst uns eure Meinung zum Gresini-Youngster in den Kommentaren wissen!

Nur 117.000 Fans: MotoGP-Negativrekord in Spielberg (07:13 Min.)