Einsetzender Regen während eines laufenden MotoGP-Rennens? Nichts Außergewöhnliches und heutzutage auch überhaupt kein Problem mehr. Schließlich erlaubt die Flag-to-Flag-Regel den Piloten in einem solchen Fall, ab dem Schwenken der Weißen Flagge in die Boxengasse zu kommen und auf das Ersatzmotorrad mit Regenreifen zu wechseln. Anschließend kann das Rennen ohne großen Zeitverlust sofort wieder aufgenommen werden. Oftmals sind diese Flag-to-Flag-Rennen sogar absolute Highlights. Schließlich weiß niemand, wann der perfekte Zeitpunkt zum Motorradwechsel gekommen ist. Jeder kann sich zum Helden oder Deppen entwickeln.

Doch das war nicht immer so. Denn die Flag-to-Flag-Regel wurde erst zur Saison 2005 eingeführt. Zuvor mussten Rennen, die im Trockenen starteten und dann von Regenfällen erfasst wurden, in 56 Jahren WM-Geschichte in aller Regelmäßigkeit per Roter Flagge unterbrochen werden, wenn die Bedingungen Slickreifen nicht mehr zumutbar waren. Ein Motorrad- oder Reifenwechsel war damals nicht erlaubt. Die MotoGP-Stars kamen an die Box zurück und passten sich dort den neuen Gegebenheiten an, die Rennleitung kommunizierte die restliche Renndistanz. Es gab eine zweite Gridphase, erst dann erfolgte der Restart. Oftmals mehr als 30 Minuten nach der Unterbrechung. Letztmals war das im Frühsommer 2004 der Fall. Motorsport-Magazin.com blickt 20 Jahre später auf dieses historische Ereignis zurück.

Valentino Rossi und Sete Gibernau duellierten sich hart im Italien GP 2004, Foto: Milagro
Valentino Rossi und Sete Gibernau duellierten sich hart im Italien GP 2004, Foto: Milagro

06. Juni 2004, Mugello. Valentino Rossi liefert sich mit WM-Rivale Sete Gibernau einen packenden Zweikampf um den Sieg im Italien Grand Prix, der noch unter strahlendem Sonnenschein gestartet wurde. Als das 23 Runden umfassende Rennen in das letzte Drittel einbiegt, öffnet sich plötzlich jedoch der Himmel über dem Autodromo del Mugello. Binnen weniger Momente werden die Bedingungen auf der Strecke immer schlechter, sodass der Rennleitung keine andere Wahl bleibt, als den Italien GP in seiner spannendsten Phase mittels einer Roten Flagge zu unterbrechen. Auf der Highspeedstrecke Mugello soll schließlich kein Risiko eingegangen werden, verzeichnete doch Shinja Nakano im selben Rennen erst wenige Umläufe zuvor einen schweren Sturz auf Start-Ziel nach einem Reifenplatzer, bei dem der Kawasaki-Pilot nur mit viel Glück glimpflich und ohne größere Verletzungen davonkam.

Während die Piloten an die Box zurückkehrten, ließ der Regen jedoch schon wieder nach. Das sorgte für chaotische Minuten, denn die MotoGP-Stars waren gemäß Regelwerk in ihren Entscheidungen für den Restart komplett frei. Regenreifen, Intermediates oder doch Risiko mit Slicks? Es gab keine Einschränkungen, weder Reifenwahl noch Benzin oder Setup waren vorgegeben. Zu beachten war einzig, dass alle Entscheidungen final waren, denn eine zweite Unterbrechung aufgrund sich ändernder der Wetterbedingungen würde es nicht geben. Die verbleibende Renndistanz würde sechs Runden betragen, da zum Zeitpunkt der Roten Flagge noch nicht alle Piloten die 18. Runde komplettiert hatten. Die Startaufstellung erfolgte nach dem Zwischenstand am Ende des 17. Umlaufs.

Der Restart selbst sollte nach einer zweiten Gridphase um 15 Uhr erfolgen. Als die Piloten die Boxengasse verließen und die Sichtungsrunde absolvierten, hatte der Regen bereits wieder völlig gestoppt. Der Asphalt war zwar an einzelnen Stellen noch recht nass, in Summe entschied sich aber jeder Pilot erneut mit Slicks loszufahren. Das Problem: Im Verlauf der zweiten Aufwärmrunde vor dem Restart tröpfelte es plötzlich wieder. Aprilia-Pilot Jeremy McWilliams pokerte, fuhr an die Box und wechselte auf das Ersatzbike mit Regenreifen, alle anderen nahmen den Restart mit Slicks in Angriff. Rossi startete auf der Pole Position, Gibernau und Max Biaggi komplettierten die erste Reihe.

Der Restart im Italien GP 2004 war völlig chaotisch, Foto: MotoGP.com/Screenshot
Der Restart im Italien GP 2004 war völlig chaotisch, Foto: MotoGP.com/Screenshot

Was folgte, waren sechs völlig verrückte und chaotische Runden. Vorsichtig tasteten sich die MotoGP-Stars durch die ersten Kurven. Polesitter Rossi fiel zurück, während Norick Abe von Startplatz sieben in Führung schoss. Auch Biaggi und Alex Barros passierten den Yamaha-Star, eine Attacke von Gibernau konnte er noch abwehren. Als die Piloten dann zum zweiten Mal in den 1. Sektor der Strecke kamen, regnete es dort schon recht stark. Erhöhte Vorsicht war geboten, sich in die Kurven zu lehnen war völlig unmöglich. Pramac-Fahrer Ruben Xaus hatte nichts zu verlieren, attckierte und übernahm binnen weniger Kurven kurzzeitig die Führung vor Troy Bayliss. Es kam zu zahlreichen Positionstäuschen.

Zu Beginn des dritten Umlaufs setzte sich Bayliss an die Spitze. In der Führungsgruppe kämpften zu diesem Zeitpunkt nicht weniger als acht Piloten um P1, darunter auch der ansonsten kaum konkurrenzfähige Aprilia-Pilot Shane Byrne. Pünktlich zur Rennhalbzeit stoppte der Regen dann aber wieder. Rossi machte nun ernst, schnellte auf Platz eins und distanzierte sich sofort um einige Zehntel. In den letzten zwei Runden boxten sich auch Gibernau und Biaggi wieder auf ihre ursprünglichen Positionen nach vorne, konnten den enteilten Rossi aber nicht mehr gefährden. Dieser fuhr somit seinen zweiten Saisonsieg ein, nachdem er zuvor nur sein Yamaha-Debüt in Südafrika gewonnen hatte.

Valentino Rossi gewann den Italien GP 2004, Foto: Milagro
Valentino Rossi gewann den Italien GP 2004, Foto: Milagro

Während die Regen-Unterbrechung also zumindest an der Spitze keine Auswirkungen auf den Endstand hatte, gab es dahinter einige Veränderungen. Xaus rettete Platz fünf ins Ziel und wurde damit zum großen Gewinner, hatte er sich doch um vier Positionen verbessert. Die Ducati-Piloten Bayliss (P4) und Loris Capirossi (P8) verbesserten sich um zwei Ränge, Byrne machte sogar drei Positionen gut. Marco Melandri stieg dagegen zum großen Verlierer des Italien Grand Prix 2004 auf. Lag er zum Zeitpunkt der Roten Flagge noch auf Platz fünf, erreichte er das Ziel letztlich nur als Neunter. Auch Colin Edwards (P12) verschlechterte sich um vier Positionen, Alex Barros (P6) und der Deutsche Alex Hofmann (P14) verloren je zwei Plätze.

Warum führte die MotoGP 2005 die Flag-to-Flag-Regel ein?

Ein weiteres MotoGP-Rennen, welches aufgrund von einsetzendem Regen unterbrochen werden musste, sollte es nach dem 06. Juni 2004 nicht mehr geben. Denn zur Saison 2005 führten die Regelhüter der Königsklasse die sogenannte 'Flag-to-Flag-Regel' ein. Den Anstoß dazu gaben tatsächlich die MotoGP-Fahrer selbst, sie wollten in Zukunft auf eine Rennunterbrechung verzichten. Denn oftmals waren sie nicht glücklich mit dem gewählten Zeitpunkt der Unterbrechung durch die Rennleitung. Manche Piloten wollten noch länger fahren, manche wären gern früher an die Box gekommen.

Jeder MotoGP-Pilot hat zwei Motorräder zur Verfügung, Foto: Ducati
Jeder MotoGP-Pilot hat zwei Motorräder zur Verfügung, Foto: Ducati

Da sowieso ein zweites Motorrad pro Fahrer in der Boxengasse wartete, entstand die Idee des Bikewechsels auf Regenreifen. Die Rennleitung musste künftig nur noch mit der Weißen Flagge signalisieren, ab wann ein Motorradtausch erlaubt war, anschließend konnte dann jeder Fahrer selbst entscheiden, wann er reinkommen will. Die Fahrer haben schließlich das beste Gefühl für Bedingungen auf der Rennstrecke und können selbst kalkulieren, welche Reifenmischung sie jetzt benötigen. Außerdem kann das Risiko zum frühen Wechsel oder das lange Draußenbleiben belohnt werden. Das perfekte Beispiel: Brad Binders Sieg im Österreich-GP 2021. Ohne die Flag-to-Flag-Regel wäre ein solcher Sieg nicht möglich gewesen.

Wenn ihr nun wissen wollt, wie solche Flag-to-Flag-Rennen in der MotoGP genau funktioniert, dann haben wir hier den passenden Erklärartikel für euch parat: