MotoGP

MotoGP 2018 - Erklärt: Warum Marquez siegt, Gegner straucheln

Was macht Marquez und Honda so stark, was sind die Probleme der anderen Hersteller? Motorsport-Magazin.com erklärt das MotoGP-Kräfteverhältnis 2018.
von Markus Zörweg

Motorsport-Magazin.com - Die MotoGP-Saison 2018 hat uns in ihrer ersten Hälfte ein interessantes Kräfteverhältnis präsentiert. Honda dominiert mit Marc Marquez, Yamaha konnte bislang kein einziges Rennen gewinnen, Ducati hat bisherige Stärken verloren und neue generiert, Suzuki ist zurück an der Spitze, KTM kann nicht an die Leistungen aus der zweiten Saisonhälfte anschließen und Aprilia leidet unter mangelnder Standfestigkeit.

Warum das so ist, erklärt Motorsport-Magazin.com in der großen Halbzeitanalyse:

Warum dominieren Honda und Marquez?

Marc Marquez ist der aktuell beste Fahrer im MotoGP-Grid, daran gibt es kaum Zweifel. Das war aber auch in den vergangenen Saisons schon so, dennoch war Marquez seit 2014 nicht mehr so überlegen wie in diesem Jahr. Hat er sich als Fahrer derart verbessert? Durchaus möglich. Marquez macht in den Rennen kaum noch Fehler. Wenn doch, kann er sie mit seinen unnachahmlichen Saves noch korrigieren. Er ist stark bei heißen Temperaturen, stark im Regen, stark bei Mischverhältnissen. Er ist ein überragender Qualifyer, startet gut, ist kompromisslos im Zweikampf und kann mittlerweile auch Rennen an der Spitze kontrollieren.

All das ist aber nicht nur durch seine herausragenden fahrerischen Fähigkeiten begründet, sondern auch durch sein Arbeitsgerät. Die Honda RC213V wurde in den vergangenen Jahren ziemlich radikal weiterentwickelt, was zu Beginn der Saisons immer wieder zu Kinderkrankheiten führte. Für 2016 wurde die Drehrichtung des Motors von vorwärts auf rückwärts geändert, im Vorjahr stellte man von 'Screamer'-Zündreihenfolge auf eine 'Big Bang'-Konfiguration um. 2018 war also die erste Saison seit längerer Zeit, in deren Vorbereitung man bei Honda am Feinschliff arbeiten konnte und nicht mit einem völlig neuen Motorrad konfrontiert war.

Marquez fühlte sich auf der 2018er-Honda von Beginn an wohl - Foto: Repsol

Die Folge: Hondas 2018er-Maschine ist wesentlich gutmütiger als ihre Vorgänger, was die Arbeit der Fahrer erleichtert. Insgesamt wirkt die Maschine ausgewogener. "2017 hatten wir große Stärken und große Schwächen. Jetzt sind unsere Stärken weniger ausgeprägt, unsere Schwächen aber auch", meinte Marquez am Sachsenring-Wochenende. Ein Blick auf seine bisherigen Leistungen in diesem Jahr untermauert diese Theorie. Auf Strecken wie Le Mans oder Assen, die dem Paket Marquez und Honda in der Vergangenheit Probleme bereiteten, konnte Marquez gewinnen, dafür musste er auf seiner Paradestrecke Sachsenring deutlich mehr kämpfen als zuletzt.

Warum gewinnt Yamaha nicht?

Während bei Erzrivale Honda also alles in Butter ist, herrscht bei Yamaha Unzufriedenheit. Man belegt zwar mit Valentino Rossi, Maverick Vinales und Johann Zarco die Ränge zwei, drei und fünf in der Gesamtwertung und hatte als einziger Hersteller in allen bislang neun Saisonrennen mindestens einen Piloten auf dem Podest, hat aber noch keinen einzigen Grand Prix 2018 gewonnen. Da es für Yamaha auch in den letzten zehn Rennen 2017 keinen vollen Erfolg gab, handelt es sich aktuell um die längste sieglose Serie des japanischen Herstellers in der MotoGP-Geschichte.

In der oft so komplexen und undurchschaubaren Königsklasse lassen sich Yamahas Probleme in einem Wort zusammenfassen: Elektronik. Seit gut einem Jahr werden Rossi und Vinales nicht müde, zu erklären, dass Yamaha in diesem Bereich einen Schritt nach vorne machen muss. Dieser Schritt ist aber schwierig als lange gedacht. Denn Yamaha hat die Einführung der Einheitselektronik zur Saison 2016 gewissermaßen verschlafen und zahlt nun den Preis dafür. Die Hauptkonkurrenten Honda und Ducati konnten viel mehr Wissen von ECU-Lieferant Magneti Marelli akquirieren, sei es in Form von Personal oder einfach durch bessere Zusammenarbeit. Yamaha wollte in Eigenregie zur bestmöglichen Lösung gelangen, was offensichtlich schief ging.

Yamaha wartet seit über einem Jahr auf einen MotoGP-Sieg - Foto: Yamaha

Die Piloten warten somit seit Monaten auf das erlösende Elektronikupdate. Gekommen ist bislang nicht, was vor allem im Bereich der Beschleunigung entscheidende Zeit kostet. In den letzten Rennen vor der Sommerpause zeigte der Trend bei Yamaha aber dennoch leicht nach oben. "Wir haben auf jeden Fall Fortschritte mit der Balance des Motorrads gemacht, wodurch Maverick und ich jetzt stärker sind", erklärte Rossi nach dem Deutschland-GP.

Die 2018er-Yamaha ist ein gutes Motorrad, besser als das Vorjahresmodell - da sind sich Rossi und Vinales einig. Mit der 2017er-Maschine gewann Yamaha in der letzten Saison vier der ersten acht Saisonrennen, ehe Honda und Ducati vorbeizogen. Bekommt man die Elektronikprobleme also in den Griff - Vinales hoffte zuletzt auf ein Update in der Sommerpause - könnte die M1 also definitiv wieder zum Siegermotorrad werden. Gelingt das nicht, heißt es für Yamaha wohl weiterhin: 'Bitte warten!'

Was ist bei Ducati passiert?

Ducati und Andrea Dovizioso waren nach der großartigen Saison 2017 als größte Herausforderer von Honda und Marc Marquez in das neue MotoGP-Jahr gegangen. Beim Saisonauftakt in Katar wurde man dieser Rolle auch gerecht und gewann. Von da an lief für Dovizioso aber nicht mehr viel nach Wunsch. In Termas de Rio Hondo, Austin und am Sachsenring war man schlicht und ergreifend im Rennen nicht stark genug, dazu kamen drei Nullnummern in Jerez, Le Mans und Barcelona, wovon zumindest die letzten beiden auf die Kappe Doviziosos gehen.

Für Teamkollege Lorenzo begann die Saison desaströs, mit seinem bislang schlechtesten Start in ein MotoGP-Jahr überhaupt. Nach Anpassungen an der Ergonomie der GP18, vor allem einem neuen Tank, der Lorenzo mehr Unterstützung beim Bremsen gibt, schienen seine Probleme plötzlich gelöst. Die beiden Rennen in Mugello und Barcelona gewann er eindrucksvoll. Mit Platz sieben in Assen und sechs am Sachsenring rutschen Lorenzos Leistungen zuletzt aber wieder ab.

Schnell, aber nicht konstant: Ducati 2018 - Foto: gp-photo.de/Ronny Lekl

So konträr die Saisons von Dovizioso und Lorenzo bislang auch verliefen - ihr Problem ist doch dasselbe. Im Vorjahr punktete die Ducati vor allem durch einen sehr schonenden Umgang mit den Reifen, was in der Schlussphase der Rennen entscheidende Vorteile brachte. Die GP18 hat diese Stärke völlig verloren, zuletzt schien sie sogar zum ultimativen Reifenfresser der MotoGP zu werden. Lorenzos Rennen in den Niederlanden und Deutschland, die er beide zu Beginn anführte und in denen er dann durchgereicht wurde, unterstreichen das eindrucksvoll.

Dovizioso macht auch gar keinen Hehl aus diesen Problemen. "Ich glaube, dass wir 2018 mit diesem Motorrad grundsätzlich stärker sind als im Vorjahr. Wir haben aber Schwierigkeiten mit dem Reifenverschleiß. Das ist unsere einzige große Schwachstelle", stellte er bereits vor dem Deutschland-GP klar. Warum das so ist, lässt sich schwer sagen. Wohl auch für Ducati selbst, denn bislang hat man keine Lösung dafür gefunden. Auch wenn diese demnächst kommen sollte, ist es für einen Angriff auf den MotoGP-Titel wohl zu spät: 77 Punkte fehlen Dovizioso bereits auf WM-Leader Marquez, Jorge Lorenzo sogar 80.

Wie fand Suzuki zurück auf die Straße des Erfolgs?

Suzuki braucht nach dem MotoGP-Comeback 2015 nicht lange, bis man wieder im Spitzenfeld der Königsklasse angekommen war. Schon im zweiten Jahr gewann Maverick Vinales für den japanischen Hersteller der Großbritannien-Grand-Prix in Silverstone, in der Teamwertung fehlte nur ein Zähler auf die Ducati-Factory-Truppe und Platz drei. 2017 ging es für Suzuki aber steil bergab. 130 WM-Punkte waren nicht einmal halb so viele wie in der Vorsaison und bedeuteten das schlechteste Ergebnis seit dem Wiedereinstieg.

Bei Suzuki war man sich der gemachten Fehler bewusst und gab diese auch öffentlich zu. Mit zwei neuen Piloten auf der GSX-RR - Andrea Iannone und Rookie Alex Rins ersetzten Maverick Vinales und Aleix Espargaro - verlief man sich bei der Entwicklung des neuen Motors völlig. Aufgrund der 2016 eingefahrenen Erfolge verfügte man über keine Concessions mehr, musste also wie Honda, Yamaha und Ducati die Motoren vor Saisonbeginn versiegeln und durfte das restliche Jahr nicht mehr daran arbeiten.

Suzuki ist zurück im Spitzenfeld der MotoGP - Foto: Suzuki

Suzuki blieb deshalb 2017 ohne Podiumsplatzierung, was die Concessions für den Hersteller in der aktuellen Saison wieder zurückbrachte. Somit konnte man in Ruhe am Triebwerk für 2018 feilen und macht offenbar vieles richtig.

Hinzu kommt, dass Alex Rins nach viel Verletzungspech und verpassten Rennen in seinem Rookie-Jahr 2017 nun endlich fit ist und Andrea Iannone, obwohl er Suzuki mit Saisonende schon wieder in Richtung Aprilia verlässt, die Umstellung von der Ducati Desmosedici auf die GSX-RR geschafft hat.

Warum kann KTM nicht an die zweite Saisonhälfte 2017 anschließen?

Schon in der zweiten Jahreshälfte seiner Debütsaison 2017 konnte KTM in der MotoGP tolle Erfolge vorweisen. 62 Punkte holten Pol Espargaro und Bradley Smith in den neun Rennen und fingen somit sogar noch Aprilia in der Teamwertung ab, insgesamt sechs Top-Ten-Ergebnisse wurden eingefahren. Die Erwartungen für das Jahr 2018 waren dementsprechend groß, bislang konnte man aber noch nicht einmal an die Erfolge von Ende 2017 anschließen.

Mit 39 Punkten aus den ersten neun Saisonrennen schneidet man zwar besser als ab 2017 (22 Punkte), liegt aber weit hinter den 62 Zählern aus den letzten neun Rennen 2017 zurück. Die Gründe hierfür sind wohl vielschichtig. Zum einen verlief die Saisonvorbereitung für Teamleader Espargaro alles andere als ideal. Beim Testauftakt in Sepang stürzte er heftig und brach sich den vierten Lendenwirbel, wodurch er einen Großteil der Wintertests verpasste.

Mehrere Faktoren machen KTM 2018 das Leben schwer - Foto: Ronny Lekl

Hinzu kommt, dass KTM mit der diesjährigen RC16 wieder ein fast völlig neues Motorrad gebaut hat. In den ersten Rennen galt es also Kinderkrankheiten zu beseitigen und Updates zu testen, wohingegen man gegen Ende der Saison 2017 bereits ein relativ ausgereiftes Bike zur Verfügung hatte. Wie viel Arbeit bei KTM immer noch in die Weiterentwicklung investiert wird, beweist die Tatsache, dass eine nächste Entwicklungsstufe der RC16, oft auch als 2019er-Prototyp bezeichnet, bereits Mitte August beim Österreich-GP in Spielberg zum Einsatz kommen könnte.

Eine ganz simple, vielleicht aber sogar richtige Erklärung für den Leistungsabfall im Vergleich zum Vorjahr hat Bradley Smith parat: "Vielleicht liegen uns die Strecken in der zweiten Saisonhälfte einfach mehr."

Wieso ist die Aprilia RS-GP so oft defekt?

Bei Aprilia läuft es auch im vierten Jahr nach dem MotoGP-Wiedereinstieg nicht rund. Der für den erfolglosen Sam Lowes geholte Scott Redding schlägt sich unwesentlich besser, fuhr in der ersten Saisonhälfte konstant hinterher und konnte nur zwölf Zähler holen. Aleix Espargaro ist zwar flott unterwegs, ihm macht die Technik der RS-GP aber regelmäßig einen Strich durch die Rechnung. In drei von acht Rennen - am Sachsenring konnte Espargaro verletzungsbedingt nicht in den Grand Prix starten - rollte er mit einem Defekt aus.

Aleix Espargaro braucht 2018 gute Nerven - Foto: Ronny Lekl

Eine Pannenserie, die aufgrund der geringen Ausfallquote bei modernen MotoGP-Maschinen für Kopfschütteln sorgt. Verwunderlich ist sie allerdings nicht, hinkte man bei Aprilia in der Entwicklung des 2018er-Bikes doch extrem hinterher. Der neue Motor kam erst in Katar erstmals zum Einsatz. Wundern muss man sich aber, wie es zu dieser Verzögerung kommen konnte. Für Aprilia ging es in der zweiten Saisonhälfte 2017 eigentlich um nichts mehr, man beendete das Jahr als schlechtestes Team überhaupt. Warum man da nicht bereits mehr Zeit in die Entwicklung der 2018er-Maschine investierte, bleibt das Geheimnis der Firmenstrategen im italienischen Noale.


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