Äußerlich bleibt McLaren-Teamchef Andrea Stella selbst am Samstag in Singapur vollkommen ruhig, wie es die Formel 1 von ihm gewohnt ist. Doch nachdem sich seine beiden Fahrer auf der letzten Runde im Sprint im Kampf um Platz vier rausschießen, brodelt es im Team. Stellas wohlüberlegten Worte in seiner abendlichen Presserunde machen deutlich, dass hier eine Grenze weit überschritten wurde.

Ohne Frage sind Stellas Antworten in Singapur härter als alles, was er und McLaren während des Vorjahres von sich gaben, als sich Oscar Piastri und Lando Norris immerhin dreimal - in Kanada, in Singapur und in Austin - ins Auto gefahren waren. In Singapur 2026 waren Piastri und Norris auf Kurs zu den Plätzen 4 und 5. Dann attackierte Norris Piastri auf der letzten Runde, es kam zur Berührung, Piastri fiel aus, aus neun Punkten wurde einer.

In der kurz vor Stellas Auftritt ausgeschickten Pressemitteilung wurde schon klar, was das Team darüber dachte. "Der Zwischenfall verstieß gegen ein simples, aber fundamentales Prinzip des Teams - zwei McLaren dürfen nie auf der Strecke kollidieren", schreibt man dort. Stella wird zitiert: "Es ist ganz einfach nicht akzeptabel, dass zwei McLaren jemals auf der Strecke aneinandergeraten."

Einlauf für McLaren-Fahrer: Andrea Stella enttäuscht von Norris & Piastri

"Es ist ernst", will Stella daraufhin in seiner Presserunde nichts davon wissen, dass es ja nur ein paar Sprint-Punkte gewesen seien. "Der Schaden für das Team ist materiell. Wir sind in einem engen Kampf in der Weltmeisterschaft. Wir möchten Ferrari Platz zwei abnehmen, und da ist das ein Problem. Wir möchten vor Red Bull bleiben, und da ist das ein Problem."

"Und es ist auch ernst, weil wir in den letzten Jahren zusammen reflektiert haben, Team und Fahrer, wie wir zusammen Rennen fahren und wie wir sicherstellen, dass das Interesse des Teams geschützt wird", ist Stella enttäuscht davon, dass die in den letzten drei Jahren hinlänglich aufgearbeiteten Zwischenfälle und ihre daraus entstandenen internen Erkenntnisse in einem beliebigen Sprint so achtlos einfach ignoriert wurden.

"Enttäuscht" ist tatsächlich genau jenes Wort, das Stella wiederholt benutzt. "Ich arbeite seit Jahren mit Top-Fahrern, und mit ihnen gibt es immer eine gewisse Unberechenbarkeit. Also bin ich vielleicht nicht überrascht - du lässt dir da immer etwas Luft. Es kann Situationen geben. Wenn, dann bin ich enttäuscht. Enttäuscht als Teamchef, wegen einer Situation, die absolut nicht akzeptabel ist, weil dem Team materieller Schaden entstanden ist."

McLaren-Fahrer stehen nach Singapur harte Lektionen bevor

So tut sich Stella sogar schwer, sein übliches "Glas-halbvoll"-Mindset auf diese Situation anzuwenden. Wäre es noch nie passiert, dann wäre es eine Sache - dann geht es darum, zu verstehen, warum es zum ersten Mal passiert ist. Daraus kann man für die Zukunft lernen. Aber hier ist es eben nicht zum ersten Mal passiert. Norris und Piastri fahren nun schon lange genug im gleichen Team und in der Formel 1, um sich der Situation bewusst zu sein.

"Ich bin nicht entmutigt, aber das ist anders, als zu sagen, dass es hier ein halbvolles Glas gäbe", beschreibt Stella und zieht die Glas-halbvoll-Metapher weiter, als er auf sie angesprochen wird: "Es gibt keines. Das Glas ist leer. Denn wenn die beiden McLaren sich auf diese Art berühren und materiellen Schaden auslösen, dann gibt es hier einen signifikanten Fehler."

Diesen auszumerzen wird eine Sache von mehr als nur einem kurzen Debrief zwischen Sprint und Qualifying sein: "Wir werden Zeit haben, nach dem Rennwochenende und auch noch vor dem Rennen diverse Gespräche zu führen. Aber ich glaube daran, und ich kenne beide Fahrer gut genug, dass sie über diese Episode weiter reflektieren werden, und ich vertraue darauf und bin mir ziemlich sicher, dass sie daraus lernen werden, ohne dass ich allzu viel sagen muss."

Wer hat Schuld? Lando Norris sagt Sorry, Stella will keine Entschuldigungen

Das Glas mag also leer sein, aber das Vertrauen in Norris und Piastri ist noch da. Die Schuldfrage zählt für Stella da kaum mehr - den meisten dürfte an diesem Punkt schon aufgefallen sein, dass sie hier noch gar nicht diskutiert wurde. Bei McLaren will sich niemand dazu äußern. Es war ein ausreichend grenzwertiger Zwischenfall, dass jede öffentliche Schuldzuweisung des Teams die Lage unnötig verschlimmern könnte.

Piastri war nach dem Qualifying nur schnell dabei, klar hervorzuheben, dass sich Norris bei ihm entschuldigt hatte: "Es ist mies für das Team, die Punkte zu verlieren, mehr Arbeit und Schäden zu haben. Das ist alles. Lando hat sich entschuldigt. Ich würde nicht unbedingt sagen, dass es ein ... schlechtes Manöver war, aber im Kontext unserer Lage musste das vielleicht nicht passieren."

"Wie ihr euch denken könnt, ist niemand von uns happy", meint Norris seinerseits nur. "Ich bin nicht happy. Oscar ist nicht happy. Niemand wollte, dass es so endet. Für beide von uns gibt es Dinge, die wir besser machen hätten können."

"Ich verlange keine Entschuldigungen", stellt Stella seinerseits klar. "Ich weiß, dass es zwei exzellente Menschen sind. Das hier ist ein Geschäft. Und im Geschäft will ich die Reflexion weiter entwickeln: Wie arbeiten wir zusammen, um sicherzustellen, dass das nicht weiter passiert? Und erst recht, wenn möglich, wie die Zusammenarbeit der zwei Fahrer das beste Ergebnis im Interesse des Teams einbringt." Am Abend veröffentlichte das Team schließlich ein kurzes Video-Feature, wie das Mechaniker-Team unter Charlie Hooper beide Autos für das Qualifying wieder fahrbereit bekommen hatte.