Eigentlich war Max Verstappen das gesamte Formel-1-Wochenende der erste Mercedes-Jäger. Im dritten Freien Training konnte er George Russell und Kimi Antonelli sogar auf Abstand halten. Auch in den ersten beiden Qualifyingsessions war Verstappen die zweite Kraft hinter Russell. Doch im Q3 fiel plötzlich alles auseinander: ein enttäuschender Platz acht, über eineinhalb Sekunden Rückstand auf die Pole-Zeit und ein Verlust gegen den eigenen Teamkollegen.

Historische Niederlage gegen Hadjar: Was lief bei Verstappen in Baku schief?

0,581 Sekunden lag Verstappen im Q3 hinter Isack Hadjar. Das ist ein historischer Rückstand für den vierfachen Weltmeister: Er wurde dieses Jahr im Qualifying zwar schon zweimal von seinem Teamkollegen geschlagen, allerdings im Bereich von eineinhalb Zehnteln. Eine derartig deutliche Niederlage gegen den zweiten Red-Bull-Fahrer mit gleich vielen schnellen Runden verzeichnete Verstappen das letzte Mal beim Kanada-GP 2019 gegen Pierre Gasly. Damals fehlten ihm 0,604 Sekunden auf die Zeit seines Teamkollegen.

In dieser Statistik sind Sessions mit Technikgebrechen nicht berücksichtigt, weshalb das heutige Ergebnis eigentlich nicht mitzählen darf. "Mir fehlte während des gesamten Qualifyings Motorleistung", erklärte Verstappen das Problem, das mit jeder Runde schlimmer wurde. "Mir fehlte konstant eine halbe Sekunde auf Isacks Auto, warum auch immer. Dann hat sich in Q3, als ich aus der letzten Kurve raus bin, meine Batterie nicht voll aufgeladen. Deshalb musste ich die Runde abbrechen."

Anstatt einer Cooldown- und einer Aufwärmrunde fuhr Verstappen nach seinem ersten Versuch also dreimal um den Baku City Circuit, bevor er ein letztes Mal ansetzte. Das führte dazu, dass seine Reifen nicht im idealen Rahmen waren. Die Kirsche auf der Sahnehaube war, dass dann direkt vor ihm Lando Norris in den Auslaufbereich bei Kurve drei musste und eine gelbe Flagge auslöste.

"Dann geht einfach nichts", resümierte Verstappen desolat. "Es ist so schade, weil wir das ganze Wochenende gute Arbeit geleistet haben und ich echt zufrieden mit dem Auto war. Dass dann im Qualifying alles auseinanderfällt wegen Problemen, die außerhalb meiner Kontrolle liegen… Das spiegelt etwas die Saison wider. Alles ist ein bisschen zu zerbrechlich."

Ist Verstappens Motordefizit bis zum Aserbaidschan-GP reparierbar?

Bei Red Bull wird nun Ursachenforschung betrieben. "Wir wissen nicht, warum das im Qualifying passiert ist", gab Verstappen zu. Sein Teamchef Laurent Mekies ist ebenso ratlos: "Wir hatten ein ziemlich großes Problem am Auto [von Verstappen, Anm. d. Red.] und wesentlich weniger Geschwindigkeit, als wir gedacht haben. Wir denken, dass es das Qualifying von Max zerstört hat", bestätigte er bei Sky Deutschland. "Wir müssen schauen, dass das im Rennen kein Problem wird."

Das wäre der nächste Super-Gau für den vierfachen Weltmeister, der in den letzten GPs zwischen Podium und verfrühtem Ausfall hin und her wechselte. Wenn das Leistungsproblem nicht mit einfachen Mitteln behoben werden kann, dann ist eine Setup-Änderung oder sogar ein Motorentausch nötig. Damit würde er gegen die Parc-fermé-Regeln verstoßen und müsste aus der Boxengasse starten. Sollte es sich aber um fehlerhafte Komponenten handeln, die durch Teile gleicher Spezifikation ersetzt werden können, sollte er trotz eines Tauschs dort stehenbleiben dürfen, wo er ist.

"Wir müssen zuerst abklären, was es ist", legte sich Verstappen noch nicht fest. "Wenn ich morgen so ins Rennen gehen muss, dann wird das nicht lustig. Wir werden sehen." Mekies' Antwort auf die Frage, ob man einen Start aus der Box in Erwägung zieht, lässt die Entscheidung offen: "Wie ich sagte: Es ist ein großes Problem. Max hat so keine Chance, zu kämpfen, obwohl er das ganze Wochenende schnell war. Wie immer bin ich zuversichtlich, dass wir das lösen können. Wir werden die fehlerhaften Teile heute Nacht tauschen und ich bin mir sicher, dass Max sehr hart arbeiten wird, um wieder in Podiumnähe zu kommen."

Wie schlimm ist Verstappens Leistungsdefizit? Das sagen die Daten

Wie viel macht Verstappens Motordefizit tatsächlich aus? In den Daten ist der große Abstand von einer halben Sekunde, von dem er selbst spricht, nicht zu erkennen. Rennfahrer neigen in solchen Fällen eben gerne zur Übertreibung. Fakt ist aber, dass Verstappen auf der Geraden langsamer ist als Hadjar.

In Sektor drei, der das Vollgasstück von Kurve 16 bis zur Ziellinie umfasst, ist Verstappen 11 km/h langsamer als der zweite Red Bull. Auch in Sektor zwei kann er Hadjars Tempo nicht mitgehen. Das ist aber nicht allgemein gültig. Auf anderen Teilen der Strecke, beispielsweise zu Kurve drei hin, sind beide RB22 gleich schnell. In diesem Sektor fehlen Verstappen auch nur 3 km/h auf Hadjars Topspeed.

Insgesamt verlor Verstappen auf den Geraden aufgerundet drei Zehntel auf seinen Teamkollegen. Ob das allerdings an der Motorleistung, am Setup oder am Energiemanagement liegt, ist schwer zu sagen. Die Beschleunigungskurve sieht allerdings nicht auffällig aus. Auffallend viele Fahrer meinten nach dem Qualifying, dass es eine große Geschwindigkeitsdiskrepanz auf den Geraden zwischen ihnen und ihren Teamkollegen gäbe. Solche Aussagen häuften sich bereits in Spa, auf einer ähnlich energiehungrigen Strecke wie in Baku.

Hadjar feiert Baku-Qualifying: Hätte P2 sein können!

Verstappen blickt dem Rennen mit wenig Enthusiasmus entgegen: "Ich werde es versuchen. Es sind ein paar Autos vor mir, die ich vielleicht überholen kann, aber wir werden sehen." Gut für ihn ist, dass der Baku City Circuit generell eine überholfreundliche Strecke ist und sich daher für eine Aufholjagd anbietet – ob nun von Platz acht oder aus der Boxengasse.

Ganz anders ist die Stimmung in der zweiten Red-Bull-Garage. Isack Hadjar feiert, dass er nach einer sechswöchigen Verletzungspause gleich wieder so beeindruckend durchstarten kann. Seine Herangehensweise, es in den Trainings langsam angehen zu lassen, ist aufgegangen. Und das, obwohl er nach einem Motorproblem in FP1 viel Streckenzeit verlor.

Der meist selbstkritische 21-Jährige kann es aber nicht lassen, einen Makel in seiner Performance zu finden: "Ich habe das Gefühl, dass ich nur mehr Runden gebraucht hätte, dann wären wir auf Platz zwei. Wäre ich die letzten drei Rennen gefahren, wäre ich mit Sicherheit Zweiter." Auf den tatsächlichen Zweiten, Charles Leclerc, fehlten ihm nur 0,137 Sekunden. Für das Rennen sieht er seine Chancen gut, gegen Ferrari und McLaren ums Podium zu kämpfen. Zumindest, wenn in den ersten Runden alles glattläuft: "Wir müssen die Starts besser machen als in den letzten Rennen. Wir können es uns nicht leisten, in Kurve eins ein oder zwei Plätze zu verlieren."

McLaren meldet sich nach einem schwierigen Formel-1-Donnerstag im Baku-Qualifying zurück. Oscar Piastri überrascht mit Startplatz drei, während Lando Norris über fehlenden Top-Speed klagt. Alles dazu im folgenden Artikel: