"Wir haben über die letzten Wochenenden gezeigt, dass wir sehr gut darin sind, das Auto von Freitag auf Samstag zu verbessern." Rob Marshall sollte mit seiner Prognose Recht behalten: Nach einem problembehafteten Trainingsdonnerstag meldete sich McLaren im Formel 1-Qualifying zum Großen Preis von Aserbaidschan zurück und sicherte sich die Startplätze drei und fünf.

"Es war definitiv kein einfaches Wochenende bisher - aus verschiedenen Gründen. Wir waren nicht besonders schnell und mussten am Donnerstag sogar Kabelbinder an unserem Auto verwenden, was nie ein gutes Zeichen ist", analysierte Oscar Piastri. "Aber es ist nicht das erste Mal in diesem Jahr, dass das Auto im Qualifying mit wenig Sprit plötzlich viel lebendiger wird."

Der Australier steigerte sich von Session zu Session: In Q1 noch auf Rang acht, fuhr er in Q2 die viertbeste Zeit und setzte sich im ersten Q3-Run mit 1:43,571 Minuten vorübergehend an die Spitze - knapp vor seinem Teamkollegen Lando Norris. "Ich war ehrlich gesagt überrascht, dass wir nach dem ersten Versuch auf den Rängen eins und zwei lagen", gestand Piastri.

George Russell holt in Aserbaidschan eine dominante Pole. Fast eine Sekunde Vorsprung auf P2. Antonelli startet nur von P16. Mehr dazu in diesem Artikel:

F1-Qualifying in Baku: Top-Speed-Defizit bremst Norris aus

Gegen Polesitter George Russell war für McLaren jedoch kein Kraut gewachsen. Der Mercedes-Pilot nahm Piastri auf dessen schnellster Runde acht Zehntelsekunden ab, Norris fehlte sogar mehr als eine Sekunde. Aus Sicht von Norris liegt das Hauptproblem auf der Geraden: "Ich kann dagegen nicht viel ausrichten. Uns fehlt eine Sekunde - die Hälfte davon verlieren wir auf den Geraden, die andere Hälfte in den langsamen Kurven."

Ein Blick auf die Top-Speed-Daten spiegeln Norris Eindruck nicht ganz wider: Er findet sich im Klassement im Mittelfeld wider, allerdings verliert er auf den Geraden rund zwei Zehntel auf seinen Teamkollegen. "Ich muss im Grunde mehr pushen als Oscar, um unseren Nachteil auf den Geraden wettzumachen. Aus irgendeinem Grund liegt mein Auto schlechter, was mir das Leben extrem schwer macht", so der Brite frustriert.

McLaren-Teamchef Andrea Stella bestätige in seiner Medienrunde nach dem Qualifying den von Norris beklagten Leistungsverlust. "Hier scheint tatsächlich ein Problem mit der Kraftstoffeinspritzung vorzuliegen, das phasenweise zu weniger Power führt. Das ist jedoch ein Einzelfall und kein generelles Motorproblem. Wir hoffen, dass die adaptiven Systeme das für morgen korrigieren." Die Gründe für den Top-Speed-Rückstand auf Mercedes sieht Stella primär im Gesamtpaket.

"Die Chassis-Übersetzung und die Antriebseinheit von Mercedes wirken bei der Höchstgeschwindigkeit schlicht effektiver. Aus Ingenieurssicht wäre es jedoch falsch zu behaupten, dass ihre Antriebseinheit anders ist oder besser genutzt wird", betonte Stella. Auch Piastri, der die erste Startreihe um eine Tausendstel verpasste, erzählte, dass der MCL40 nur unter bestimmten Bedingungen gut funktioniert. "Doch es ist extrem schwer, auf einem Stadtkurs das ideale Fenster zu treffen. Am Ende auf P3 zu landen, ist daher ein wirklich gutes Ergebnis."

Formtief bei McLaren: Was ist mit Piastri los? Danner: Leidet unter dem Russell-Effekt! (04:34 Min.)

Piastri setzte sich in seinem letzten Run gegen Norris durch, der sich auf seiner fliegenden Runde einen heftigen Verbremser in Kurve 3 leistete. Norris gab sich pragmatisch: "Ich habe einen Fehler gemacht und den Preis bezahlt. Aber ich versuche lieber, P1 anzugreifen, als mich mit P3 oder P4 zufriedenzugeben." Da auf dem Straßenkurs von Baku kein nennenswerter Reifenverschleiß (Degradation) auftritt, absolvierten alle Teams in Q3 mehrere fliegende Runden auf demselben Soft-Reifensatz.

McLaren wählte jedoch eine abweichende Taktik. Zu Beginn der Session erkundigte sich Norris über Funk nach dem Ablaufplan: Aufwärmrunde, Push-Runde und anschließender Reifenwechsel. Sein Renningenieur Will Joseph antwortete trocken: "Oder das ist zumindest das, was die Konkurrenz glauben soll." Tatsächlich bogen sowohl Norris als auch Piastri nach ihrem ersten Versuch direkt an die Box ab, um danach ohne Aufwärmrunde direkt auf einen schnellen Run zu gehen.

Baku Q3: McLaren setzt auf andere Reifen-Taktik

Piastri erläuterte die Hintergründe der Strategie: "In Q2 sind wir auf gebrauchten Reifen rausgefahren und konnten ohne Aufwärmrunde direkt pushen. Für den zweiten Q3-Run hatten wir zeitlich ohnehin keine Alternative mehr. Für uns war es die richtige Entscheidung." Für das Rennen bleibt Piastri realistisch, was die Jagd auf Mercedes angeht: "Wenn George keine Anhängerkupplung hat, an die ich mich dranhängen kann, wird es schwer." Immerhin rechnet er sich gute Chancen auf ein Podium aus.

"Unsere Renn-Pace sah am Donnerstag ziemlich gut aus. Ich denke, wir können in der Verfolgergruppe gut mitkämpfen." Norris hielt sich bedeckter und rechnet aus der dritten Startreihe mit einem "sehr harten Rennen". In der Vergangenheit sorgte Baku schon oft für ereignisreiche Rennen – darauf ruhen auch die Hoffnungen von Stella. "Mit Blick auf morgen erwarten wir, dass Red Bull und Mercedes sehr stark sein werden. Unser Ziel wird es sein, im Kampf an der Spitze dabei zu bleiben, um das Podium zu kämpfen und bereit zu sein, jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen."

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