Auch wenn es auf dem Papier wie ein Formel 1-Donnerstag zum Vergessen aussah, versuchte Technikdirektor Rob Marshall die Probleme bei McLaren herunterzuspielen. "Wir haben heute viele Teile ans Auto geschraubt, folglich gab es viel zu lernen. Ein paar Floskeln – ich kann noch ein paar mehr davon auspacken", scherzte er nach dem 2. Freien Training. Lando Norris war hingegen nicht für Scherze aufgelegt.
"Wir sind meilenweit entfernt", klagte der amtierende F1-Weltmeister. Im FP1 belegte er einen enttäuschenden 14. Platz. Nachdem er viel Zeit an der Box verbrachte, lag er am Ende 1,6 Sekunden hinter der Bestzeit von George Russell. Der Grund für seinen langen Boxenaufenthalt: An beiden Seiten des MCL40 wurden Schäden an der Vorderseite des Unterbodens entdeckt. Die fehlende Trainingszeit kommentierte Norris gelassen: "Es hilft natürlich nicht, vielleicht hänge ich ein paar Runden hinterher, aber daran bin ich mittlerweile gewöhnt."
Baku-Training: McLaren greift zu Kabelbinder
Im Verlauf der Session trat das Problem auch am zweiten McLaren von Oscar Piastri auf. Zusätzlich kämpfte der Australier mit Vibrationen an seinen Vorderradbremsen, weshalb er gleich zweimal außerplanmäßig in die Box zitiert wurde. Rund 20 Minuten vor dem Ende des Trainings musste er seinen Boliden vorübergehend abstellen und konnte erst ganz am Ende noch einmal auf die Strecke fahren. Zwischen den Sessions wurden die Vorderradbremsen gewechselt. Für das Problem mit dem Unterboden setzten die Mechaniker auf eine pragmatische Interimslösung: Kabelbinder.
Seitens McLaren hieß es dazu: "Die provisorischen Reparaturen funktionierten und ermöglichten es beiden Autos, im 2. Freien Training vollständige Programme zu absolvieren – obwohl für morgen eine umfassendere Lösung geplant ist." Im FP2 konnte sich Norris immerhin auf den sechsten Platz verbessern, sein Rückstand auf den Trainingsschnellsten George Russell betrug allerdings weiterhin 1,484 Sekunden. "Das Auto fühlte sich gar nicht so schlecht an, deshalb ist es wie ein kleiner Stich ins Herz, wenn man sieht, wie weit wir hinterherhinken", erklärte Norris.
Auch Kimi Antonelli hatte am Donnerstag einen schweren Stand. Erst vom Mercedes lahmgelegt, dann von George Russell abgehängt. Mehr dazu in diesem Artikel:
McLaren meilenweit entfernt oder doch nicht?
Schon im Vorfeld war Norris skeptisch bezüglich des Potenzials von McLaren in Baku eingestellt. Wie groß der Rückstand auf Mercedes im Training letztlich ausfiel, überraschte ihn dann aber doch: "Mercedes ist wie erwartet in jeder langsamen Kurve schneller als wir, und auf der Geraden sind sie schneller, als wir gedacht hätten. Ich denke, nichts davon ist wirklich eine Überraschung, vielleicht nur das Ausmaß. Die Abstände sehen ungewöhnlich groß aus, ich bin überrascht, so weit zurückzuliegen."
Zum Vergleich: Red Bull und Ferrari waren mit 0,8 beziehungsweise 1,1 Sekunden Rückstand deutlich näher an Mercedes dran. "Wir sind da oben mit dabei - sagen wir mal, wir sind in der Position, die wir erwartet haben. Aber ich liege 1,5 Sekunden hinter der Spitze. Das ist ziemlich mies", gab Lando Norris schonungslos zu. Jedoch brach er in FP2 eine schnelle Runde ab. Wie unsere Datenanalyse zeigt, war Norris bis zum Abbruch auf dem Niveau von Kimi Antonelli unterwegs und lag in der letzten Kurve sogar deutlich vor dem Mercedes-Youngster.
Es stellt sich also die Frage, was McLaren aus dem umfangreichen Update-Paket noch herausholen kann. Laut Rob Marshall fiel das erste Fazit trotz des problembehafteten Trainings ermutigend aus: "Die ersten Daten legen nahe, dass sich das Auto genau so verhält, wie es unsere Simulationen vorhergesagt haben - das ist ein positiver Ausgangspunkt. Es ist jedoch klar, dass wir noch nicht das volle Potenzial freigesetzt haben. Wir sind noch dabei, sowohl das Chassis als auch die Power Unit auf die spezifischen Anforderungen dieser Strecke abzustimmen."
Auch Oscar Piastri blickt optimistisch auf das restliche Baku-Wochenende: "Wir haben im 2. Freien Training einige gute Schritte gemacht und verfügen über eine ordentliche Longrun-Pace. Der Plan für morgen ist, uns weiterhin stetig zu verbessern, noch etwas mehr Performance freizusetzen, um einen Teil des Rückstands auf Mercedes aufzuholen, und zu sehen, was wir im Qualifying erreichen können."



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