Ferrari war in den Trainings der Formel 1 in Baku nur ein Nebendarsteller. Charles Leclerc und Lewis Hamilton verloren am Donnerstag deutlich über eine Sekunde auf Pace-Setter Mercedes. Für Aufsehen sorgte einzig eine Szene zwischen Hamilton und Liam Lawson im 2. Freien Training, als der siebenfache Weltmeister dem Racing-Bulls-Fahrer im Highspeed-Sektor vor der Start- und Zielgeraden im Weg stand. Den Neuseeländer brachte das auf die Palme, Hamilton zu den Stewards. Eigentlich waren sich bei der Schuldfrage aber beide Fahrer einig: Die Generation 2026 ist mal wieder das Problem.

"Das ist so verdammt gefährlich. Oh mein Gott, Alter, das ist so gefährlich", war Liam Lawson im Eifer des Gefechts zunächst über alle Maßen aufgebracht. Er war auf seiner Push-Lap in Kurve 19 auf einen bummelnden Lewis Hamilton aufgelaufen, was ihn zu einem knappen Ausweichmanöver zwang - obwohl der Ferrari die Ideallinie im letzten Moment noch so gut wie möglich freigab. Die Stewards sprachen daraufhin eine Verwarnung gegen Hamilton aus. Es ist die zweite für ihn im laufenden Jahr.

"Die Anweisungen des Rennleiters schreiben vor, dass sich Fahrzeuge auf Outlaps oder langsamen Runden zwischen dem Ausgang von Kurve 16 und der Einfahrt zu Kurve 18 ganz links halten müssen. Außerdem sind Teams und Fahrer dazu verpflichtet, ihre Abstände vor Kurve 18 so zu managen, dass sie vom Scheitelpunkt von Kurve 18 bis zum Scheitelpunkt von Kurve 19 fahren können, ohne ein Fahrzeug auf einer schnellen Runde zu behindern. Hamilton hielt sich zwischen den Kurven 16 und 18 nicht ganz links. Als er sich Kurve 19 näherte und Lawson von hinten aufschloss, blieb Hamilton auf der Ideallinie. Dadurch musste Lawson vom Gas gehen und leicht bremsen. Die Stewards kamen daher zu dem Schluss, dass Hamilton die Anweisungen zum Traffic-Management nicht befolgt und Lawson unnötig behindert hatte", heißt es im Urteil der FIA.

Formel-1-Autos 2026 sorgen in Baku für gefährliche Geschwindigkeitsunterschiede

Die beteiligten Fahrer sahen das ganz und gar nicht so. "Das Timing war auf jeden Fall unglücklich. Aber letztlich hatte Lewis ausgangs Kurve 16, glaube ich, vielleicht zwei oder drei Sekunden Vorsprung auf mich. An der Stelle fährt er Vollgas, und trotzdem habe ich ihn noch eingeholt und wäre ihm beinahe ins Heck gefahren", zeigt Lawson im Nachhinein deutlich mehr Verständnis für die Situation des anderen. "Das ist etwas, von dem wir wussten, dass es hier zum Problem werden würde. Das Auto, das gerade seine schnelle Runde beginnen will, setzt seine MGU-K überhaupt nicht ein, während ich alles abrufe, was ich habe. Dadurch wird der Geschwindigkeitsunterschied natürlich sehr groß."

In diesem Fall betrug die Differenz zwischen den beiden Autos 57 km/h. Lawson fuhr in dem Moment, als er wegen Hamilton verzögern musste, 301 km/h. Der Ferrari bewegte sich mit 244 km/h. "Ich lag im Grunde vier Sekunden vor ihm. Ich bin in die letzte Kurve hineingefahren und habe gepusht. Ich konnte ihn sehen, aber ich dachte, der Abstand wäre groß genug. Dann bin ich voll aufs Gas gegangen, und praktisch genau als wir zu Kurve 18 kamen, ist das Auto einfach verreckt und er hat den Abstand komplett aufgeholt. Das könnte jedem passieren", erklärt Hamilton. Tatsächlich kam es wenig später an derselben Stelle zu einer weiteren Situation, als George Russell hinter Gabriel Bortoleto auflief. Der Audi-Fahrer wurde aber nicht belangt.

Formel-1-Anweisungen für Fahrer in Baku nicht realistisch umsetzbar

Die vor dem Wochenende ausgegebenen Anweisungen des Renndirektors sind für die Fahrer gut gemeint, aber praktisch nicht umsetzbar. "Wenn man in ein Wochenende geht, gibt es keine Daten oder Simulationen, die einem sagen: Okay, wenn du aus der letzten Kurve kommst, Vollgas gibst und 500 PS weniger zur Verfügung hast als das Auto hinter dir auf einer schnellen Runde, dann musst du genau diesen Abstand haben, damit es dich nicht einholt. Du bekommst vorher nicht gesagt, wie groß der Geschwindigkeitsüberschuss des Autos hinter einem tatsächlich sein wird", so Hamilton.

Lawson befürchtet im Qualifying sogar noch kritischere Situationen, denn auf dem 6,003 Kilometer langen Baku City Circuit ist die Track-Evolution enorm. Dementsprechend kann erwartet werden, dass sich im Qualifying alle Autos zum spätesten Zeitpunkt der Session zusammen auf der Strecke befinden werden: "Das Problem ist: Wenn noch weitere Autos kommen, entsteht eine Situation, in der du jemanden vor Kurve 18 vorbeilässt, selbst stark verlangsamst, aber dahinter noch weitere Autos auf schnellen Runden kommen. Dann ist der Geschwindigkeitsunterschied enorm."

"Ich habe keine Ahnung, wie man das lösen soll. Man kann ja nicht einfach mitten auf der Strecke vor Kurve 16 anhalten und auf die Autos warten. Aber genau in so eine Situation kommt man, wenn mehrere Autos auf schnellen Runden unterwegs sind und man vor Kurve 18 stark verlangsamen muss. Dann ist der Geschwindigkeitsunterschied wirklich riesig. [...] In meiner Situation heute wäre es für mich natürlich ideal gewesen, wenn Lewis mich vor Kurve 18 vorbeigelassen hätte. Aber wenn hinter mir noch jemand auf einer schnellen Runde kommt, dann fährt Lewis vielleicht nur 100 km/h, während derjenige fast 300 km/h fährt. Und wenn du in dem Auto vorne sitzt, gibst du Gas und es kommt einfach nichts. Das ist wirklich ein beängstigendes Gefühl, weil du dem anderen kaum noch aus dem Weg gehen kannst."

Lewis Hamilton hat Lösungsvorschlag für Energie-Problematik parat

Beide Fahrer waren sich einig, die Problematik in der Fahrerbesprechung behandeln zu wollen. Hamilton hat hierfür auch schon einen Lösungsansatz parat, den er bei den Stewards bereits angebracht hat. "Ich habe ihnen gesagt, dass man es so machen sollte: Auf einer schnellen Runde rufen wir aus der letzten Kurve die maximale Leistung ab. Wenn man durch Kurve 19 kommt, setzt sich das System zurück, und danach hat man wieder mehr Leistung zur Verfügung", so der 41-Jährige.

Das Bummeln, um Energie für andere Streckenabschnitte zu sparen, sollte in Baku per Anweisung unterbunden werden: "Es sollte eigentlich niemand langsam durch die Kurven 18 und 19 fahren. Selbst wenn man auf einer langsamen Runde ist, sollte man dort weiterhin Vollgas fahren und die volle Leistung abrufen. Dann wäre in diesem Abschnitt niemand mehr langsam unterwegs. Ich denke, darüber werden wir im Fahrerbriefing sprechen."