Mit einer dominanten Vorstellung deklassierte George Russell den Rest der Formel 1 im Qualifying von Baku um über acht Zehntel. Da scheint es schwer vorstellbar, dass er heute im Rennen nicht ebenfalls sofort auf und davon fährt. Kurios ist daher seine Wahl der größten Gefahren nach dem Qualifying. Kann Baku wirklich ein zweites Monza werden?
"Ich denke, Verstappen wird eine Gefahr sein, und natürlich kannst du Kimi nicht ausschließen", benannte Russell nach dem Qualifying nicht etwa die Fahrer direkt hinter ihm. Nein, er nannte zuerst einmal den von Platz acht startenden Max Verstappen und den nach einem Unfall nur von Platz 16 startenden Kimi Antonelli.
"Er ist in Monza von P19 losgefahren, und jetzt ist er auf P16, also sollte er diesmal noch ein paar Runden früher führen", scherzt Russell da in Richtung Antonelli. Bittere Erinnerungen für ihn an Monza, wo Antonelli nach einer Motorstrafe durch das Feld pflügte, nach nur 18 Runden schon mit dem aus der ersten Reihe gestarteten Russell kämpfte und ihn letztendlich auch besiegte.
Baku-Russell ist kein Monza-Russell: Großes Hindernis für die Konkurrenz
In Baku gibt es aber gute Argumente, warum Russell das nicht passieren kann. Seine eigene Leistung steht weit oben. Der Russell von Baku sieht bislang nicht wie der Russell von Monza aus. Das beginnt schon mit der dominanten Vorstellung im Qualifying und den acht Zehnteln Vorsprung. Davor hatte Russell aber auch jedes Training vor Antonelli beendet, mit mindestens zweieinhalb Zehnteln Vorsprung.
Das galt vor allem auch am Freitag für den Longrun. Hier hatte sich in Monza schon abgezeichnet, dass Antonelli der stärkere Mercedes gewesen war, mit einem um zwei Zehntel besseren Rundenschnitt. In Baku sieht es umgekehrt aus. Russell gewann im Schnitt über die Distanz nicht weniger als sechs Zehntel pro Runde auf Antonelli.
Antonelli haderte zwar am Freitag noch mit verlorener Trainingszeit wegen eines Defektes, also dürfte die reale Lücke inzwischen zwar kleiner sein - aber zum ersten Mal seit Ewigkeiten hat Antonelli an keinem Punkt des Wochenendes ein Signal geschafft, dass er schneller könnte als Russell. Der kann Baku einfach, stand hier bei drei von vier Starts mit Mercedes auf dem Podest. Darunter war im Vorjahr selbst mit Krankheit ein zweiter Platz.
Baku ist nicht Monza: Antonelli vor schwieriger Comeback-Fahrt im Rennen
Dazu kommt, dass Baku mit der neuen Formel 1 2026 eine Comeback-Fahrt nicht so einfach machen könnte wie Monza. Das exzessive Energie-Management kam dort dem Mercedes gepaart mit sehr vielen Geraden entgegen. In Baku gibt es hingegen den langen kurvigen Mittelteil. "Das wird etwas härter als Monza", prognostiziert Antonelli.
Bei nur zwei Geraden sollte es auf dem Papier einfacher sein, sich die Energie einzuteilen und sich zu verteidigen. Strategisch darf man sich kein Spektakel erwarten, das Variabilität erzeugen könnte. Der Reifenverschleiß geht auf dem glatten Asphalt und dank auf der langen Geraden abkühlender Reifen gegen Null. Pirelli erwartet sogar eine Soft-Medium-Einstopp.
Antonelli kündigt zumindest trotz 81 Punkten Vorsprung auf Russell in der WM volle Attacke an: "Vollgas. Ich habe nichts zu verlieren. Ich muss einfach das bestmögliche Rennen fahren. Am Start mich raushalten, danach Kopf runter." Einer Comeback-Fahrt kommt entgegen, dass der Mercedes insgesamt überlegener wirkt als in Monza. Aber das hilft natürlich auch Russell, sich vorn abzusetzen.
Mercedes-Gegner in Baku topspeedlos nahe der Verzweiflung
Denn dass Russell wie in Monza von der Konkurrenz eingebremst werden kann, erscheint unwahrscheinlich. Die Konkurrenz rangelt in Baku bisher darum, wer den schlechteren Topspeed hat. Aus unterschiedlichen Gründen. Semi-glücklich sitzt da noch Charles Leclerc auf Startplatz zwei, weil bei Ferrari von vornherein das Topspeed-Defizit erwartet worden war. Leclerc rettete sich nach einem bisher schwierigen Wochenende irgendwie gerade so auf den zweiten Platz.
Von dort aus macht er sich halbwegs Hoffnungen: "Wir wissen, unser Auto ist im Renn-Trimm gut, meistens besser im Rennen als im Qualifying." Die größten Probleme mit unberechenbarer Balance entfielen in Baku bisher auf die Reifentemperatur. Trotzdem haben er und der von Platz sechs startende Lewis Hamilton große Zweifel, ob sie sich mit ihrem schwachen Topspeed verteidigen können. Sicher nicht gegen Russell. Und gegen McLaren?
Auch dort war von vornherein klar, dass der Topspeed ein Problem ist. Und die langsamen Kurven, von denen gibt es in Baku viele, und auch die kann der MCL40 nicht. Trotzdem landete Oscar Piastri auf Startplatz drei. Ohne Hoffnung darauf, sich mit Russell zu matchen: "Vielleicht, wenn er eine Anhängerkupplung hat, bei der ich mich einhängen kann."
"Wir sind wohl die Langsamsten auf den Geraden", unkt der von P5 startende Lando Norris. Das trifft erst recht auf ihn zu, der ein Problem mit dem Benzinsystem hatte und im Qualifying noch einmal weniger Topspeed hatte als Piastri. Norris rechnet fest damit, im Rennen von allen anderen aufgefressen zu werden, wenn McLaren es nicht irgendwie schafft, dieses Problem bis zum Rennen im Rahmen der Parc-ferme-Einschränkungen zu beheben.
Max Verstappen hadert mit Power: Lässt Red Bull Chance verstreichen?
Damit zurück zum zweiten Mann, dessen Name Russell eingangs bei der Frage nach der Konkurrenz sofort einschoss. Keine Frage, Ferrari und McLaren sahen an diesem Wochenende nie nach Autos aus, die mit Mercedes mithalten konnten. Bei Max Verstappen war das etwas anders. Starke Longruns in FP2, eine Trainings-Bestzeit in FP3. Zwar war er nicht dauernd auf Russell-Niveau, aber wie Monza passt auch Baku mit seinen kurzen Kurvenradien und geraden Bremszonen auf dem Papier dem RB22.
Doch Verstappens Wochenende geriet einmal mehr technisch im Qualifying aus den Fugen. Diesmal bemängelte er wieder ein Problem mit der Leistungsabgabe der Power Unit, will fünf Zehntel auf den Geraden relativ zum Teamkollegen verloren haben. Das spielte wohl eine gewichtige Rolle dabei, dass Ferrari und McLaren so weit vorn landeten. Ist es lösbar? Verstappen zuckt mit den Schultern: "Zuerst müssen sie einmal überhaupt herausfinden, was es ist."
Ohne Topspeed wäre ein Comeback von einem schwachen achten Startplatz aber zum Scheitern verurteilt, und der Kampf mit Ferrari und McLaren wird zäh. Mit Isack Hadjar hat Red Bull aber immerhin auch das zweite Auto vorn dabei, sogar auf dem vierten Startplatz.
Das wird voraussichtlich der große Kampf des Rennens - der große Kampf um das Podium. Hinter Russell. Mit einem Antonelli, der absolut Chancen hat, sich dort einzubringen. Ganz vorn erscheint es jedoch zunehmend unwahrscheinlich, dass Russell hier geschlagen werden kann.



diese Formel 1 Nachricht