Die Formel 1 bekam am Sonntag in Monza etwas ganz Besonderes zu sehen. Das wird Mercedes-Teamchef Toto Wolff nach dem Rennen nicht müde zu unterstreichen. Kimi Antonellis Siegesfahrt nach Startplatz 19 wegen einer Motorstrafe ist für ihn ein Sieg einer ganz seltenen Gattung, wie sie nur die ganz Großen schaffen können.

Am Samstag war sich Wolff schon sicher gewesen, dass einer seiner beiden Fahrer gewinnen würde, unterstreicht er am Sonntagabend. Bei George Russell nicht überraschend, startete der doch aus der ersten Reihe. Aber Antonelli? "Weil er hier in Monza über Wasser gehen wird. Das hatte ich gestern auch im Gefühl."

"Ich beobachte schon lange Rennfahrer, ihre Energielevels, ihr Herangehen, ihre Verhaltensmuster, und ich wusste, das würde heute seine Mission sein", erklärt Wolff seine Ahnung. "Ich sprach gestern auch mit seinem Vater, und der Vater sah es auch kommen. Das sind diese Momente, wo du das ganze Wochenende siehst, wie es sich entwickelt, und dass ein besonderer Moment kommen könnte."

Kimi Antonelli geht in Monza über Wasser - und über George Russell

Antonelli wusste nicht zu enttäuschen. In den ersten eineinhalb Runden bis zur roten Flagge wegen des Unfalls von Charles Leclerc gewann er sieben Plätze: "Ich dachte erst, ein Podium wäre möglich, aber dann war ich bei der roten Flagge schon Zwölfter, und dann wusste ich, dass ich eine Chance hatte." Nach dem Restart machte er weiter, war in Runde sieben - nach effektiv zweieinhalb Rennrunden - bereits Sechster und damit am Ende der Spitzengruppe. In Runde 18 übernahm er erstmals die Führung von George Russell.

"Entscheidend war, dass er durch den Verkehr kam", unterstreicht Wolff. "Wir haben das mit all den Großen gesehen. Lewis hat es bei manchen Rennen getan, das, was er heute gezeigt hat. Es gibt einfach kein Halten, wenn ein Fahrer und ein Auto eins sind, die kannst du nicht aufhalten." Antonelli selbst meint, er habe sich einfach dem Rhythmus hingegeben: "Ich habe über nichts anderes nachgedacht als zu gewinnen. Erst recht, nachdem ich die Chance sah."

Wie gut er in Form war, illustriert sein Umgang mit der Strategie. Mercedes' Tools prognostizierten bei der roten Flagge, dass Russell jetzt auf Hard wechseln und durchfahren konnte. Antonelli hatte diese Option nicht, weil er mit seinem einzigen Hard-Reifen gestartet war. Also musste er auf einen Medium wechseln. Ob dieser durchhalten würde, daran hatte Mercedes Zweifel.

Antonelli bekam in Runde 28 ein Virtuelles Safety Car und damit einen absichernden zweiten Reifenwechsel zum Billigtarif. Den bezahlte er mit 13 auf Russell verlorenen Sekunden. "An dem Punkt sagte das System, die Einstopp würde gewinnen, und die Zweistopp würde nahekommen, aber ihn nicht einholen", sagt Wolff. Antonelli strafte das Lügen. Innerhalb von 20 Runden löschte er den Rückstand aus. In Runde 50 von 53 setzte er das siegbringende Manöver gegen Russell.

Monza-Kreis schließt sich für Kimi Antonelli

Antonellis Lohn war das beste Podium der Saison in Monza. Erst recht für einen Italiener: "Die ganzen Fans auf der Geraden zu sehen, das war einfach unglaublich, und zuhause zu sein, gibt dem noch etwas extra." War es sein bestes Rennen? "Ich meine, das Beste kommt noch! Aber ja, ich denke, das war eines der besten Rennen, die ich bis jetzt hatte, und eines, an das ich mich für immer erinnern werde."

Obendrauf ist es jener Ort, an dem er vor zwei Jahren sein F1-Debüt mit einem Trainings-Einsatz feierte und das Auto nach zehn Minuten im Kiesbett parkte. Jener Ort, an dem er vor einem Jahr in seiner ersten vollen Saison den Tiefpunkt einer Schwächephase erreichte und von Wolff ganz andere Töne zu hören bekommen hatte, als "enttäuschend" bezeichnet worden war.

"Der Kreis schließt sich", meint Wolff heute. "Das ist der größte Moment seiner Karriere, wahrscheinlich einer seiner größten Momente überhaupt. Selbst wenn er noch 200 Siege holt, wird dieser besonders bleiben." Und auch für Wolff selbst wird der besonders bleiben: "Es gibt ein paar. Mein erster [als Williams-Teilhaber], nicht so glamourös, Pastor Maldonado in Barcelona. Nico [Rosberg] in Monaco. Lewis Hamilton in Singapur. Ein paar der großen. An diesen werde ich mich erinnern."